© Klaus-Peter Kappest

Männer wandern anders – Frauen auch?

Glücklich vereint, aber:
Unterscheiden sich die Geschlechter im Wanderverhalten?

Die Wanderforschung konzentriert sich nicht nur darauf, wie gesund das Wandern ist. Sondern sie untersucht auch, wie sich die Menschen beim Wandern verhalten. Ein Artikel von Walter Schmidt gab Auskunft über einige interessante Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die Wanderungen unternehmen – und stellt die Frage: Sind die Unterschiede wirklich evolutionär bedingt?

Wer Gruppen von Wanderern in der Natur beobachtet, ist von selbst wahrscheinlich schon zu demselben Schluss gekommen: Meistens schreitet eine Gruppe Männer zielstrebig voraus, während die Gruppe Frauen plaudernd und die Landschaft bestaunend hinterher bummelt. Nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ scheint es Frauen beim Wandern eher um das Erlebnis zu gehen, während Männer öfter die Zeit, den Puls und den Sonnenstand zu kontrollieren scheinen.

Männer übernehmen beim Wandern die Führung

Männer scheinen beim Wandern schnell und entschlossen voraus zu schreiten. Nicht nur der Natursoziologe und Wanderforscher Rainer Brämer ist laut dem Artikel von Walter Schmidt zu dieser Erkenntnis gekommen. Sondern auch eine Studie der Tübinger Kulturwissenschaftlerinnen Christiane Pyka und Franziska Roller attestierte unlängst, dass Frauen sich beim Wandern gerne auf einen „Leithammel“ verlassen. So lassen Frauen Männer beim Wandern wohl oft leiten.

Beide Studien können natürlich keine verlässlichen Gründe nennen, warum Frauen Männer die Führung überlassen. Es ist zwar erwiesen, dass Männer im Schnitt eine schnellere Gehgeschwindigkeit haben. Aber der Unterschied könnte natürlich trotzdem immer noch evolutionsbedingt sein: Das Männchen sichert seinem Weibchen das Terrain, indem es mutig voranschreitet und die Gefahren eliminiert.

Evolution oder Erziehung?

Allerdings müssen diese Unterschiede nicht evolutionär sein – sie könnten, genauso wie alle Geschlechtsunterschiede, auch immer noch an anerzogenem Verhalten liegen. So gibt es durchaus auch Frauen, vor allem junge, die entschlossen voranschreiten und die Funktion des Leithammels einnehmen. Vielleicht gibt es mit voranschreitender Emanzipation auch immer mehr von ihnen. So ist das Phänomen der vorauseilenden Männergruppen wohl öfter unter älteren Wanderern zu beobachten; das Bild scheint sich langsam zu wandeln.

Wandern ist grundsätzlich ein Sport, dem beide Geschlechter zugeneigt sind. Dabei unterscheiden sich die Gründe kaum: Naturgenuss, Gesundheit und Entspannung sind die Hauptmotivationen sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Auch der soziale Aspekt spielt bei beiden Geschlechtern eine Rolle.

Körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Ein Großteil der Erkenntnis, dass Männer voraus schreiten, kann tatsächlich auf körperliche Unterschiede zurückzuführen sein. So sind Männer im Schnitt größer und haben logischerweise auch eine schnellere Schrittgeschwindigkeit.

Die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind auch die Faktoren, welche die Hersteller von Wanderausrüstung Herren- und Frauenlinien herstellen lassen. Für Frauen sind Wanderschuhe meistens anders gepolstert, weil sie im Schnitt leichter sind. Auch das Fußbett ist schmaler. Ebenso verhält es sich bei Wanderrucksäcken: Weil Frauen leichter, schmaler und kleiner sind, sind die Damen-Trekkingrucksäcke im Schnitt leichter und kleiner.

Ergebnisse sind Durchschnittswerte: Frauen als Leithammel?

Die entsprechenden Artikel sind in Onlineshops, die Outdoor-Ausrüstung vertreiben (beispielsweise http://www.mysportworld.de/outdoor/) zwar nach den Kategorien „Damen“ und „Herren“ eingeteilt. Aber große und kräftige Damen mit breiten Füßen sollten sich in der Rubrik „Wanderschuhe für Herren“ umsehen und umgekehrt. Denn die Produkte sind auf den Durchschnitt produziert und müssen so nicht notwendigerweise den körperlichen Bedürfnissen entsprechen.

Ähnlich kann es sich mit Studien verhalten, die Männern und Frauen ein unterschiedliches Wanderverhalten zuschreiben: Männer können im Schnitt die Führung übernehmen; da es aber Ausnahmen von diesem Verhalten gibt, ist es sehr unrealistisch, dass es „natürlich“ oder „evolutionär bedingt“ ist. Wahrscheinlicher ist es, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Wandern kleiner werden, je mehr Männer und Frauen gleichgestellt werden. Denn wenn mehr junge Mädchen mit entsprechenden Vorbildern lernen, die Führung zu übernehmen, werden sie es als erwachsene Frauen beim Wandern ebenso selbstbewusst tun wie die in den Studien untersuchten Herren.