Drei Zinnen und Matterhorn, die beiden einprägsamsten Felsformationen der Alpen, kenne ich nur als Bildmotive. Sie gehören so sehr zum touristischen Gedächtnis – wie Eifelturm oder Big Ben – dass es mich bisher kaum reizte, sie zu erwandern. Zumal der Andrang ziemlich groß sein muss.

Die neuen Megastars der Foto-, Wander- und Kletterszene – Cerro Torre, Cerro Fitzroy, der Nationalpark Torres del Paine und die Cuernos-Gruppe in Patagonien – sind auch schon lange nicht mehr allein zu genießen. Sie üben so eine große Anziehungskraft auch auf nicht „seriöse“ Wanderer aus, dass man in den Zeltlagern zu ihren Füßen viele „Erstgeher“ trifft. Vor allem junge Israelis, die bis spät in die Nacht ausgelassen feiern. Überraschenderweise trifft man dieselben am nächsten Morgen in aller Frühe, wo sie immer noch, oder schon wieder, ausgelassen das alltägliche und trotzdem wundersame Ereignis des Sonnenaufgangs erleben wollen. Während ich selbst auch nach mehr als acht Stunden Tiefschlaf mit einer Hirnhälfte noch im Schlafsack kuschele und von Stein zu Stein stolpere.

Sonnige Farbenlehre

An den Torres del Paine hört eine Gruppe Israelis „Shine on you crazy diamond“ von Pink Floyd über Minilautsprecher, während die Sonne ein intensives Rosarot über die drei Felstürme fließen lässt. Noch vor Ende des langatmigen Liedes ist die erste, die rote Phase eines typischen patagonischen Sonnenaufgangs vorüber. Die Postkartenansicht verblasst, und einige Frühaufsteher kehren zu ihren Zelten zurück und verpassen die Orangephase.

Eine Woche zuvor am Cerro Torre mit seinen beiden Nachbarspitzen: Hier erlebe ich das bis dahin eindruckvollste Orange. Während die Rotphase kaum in Erscheinung tritt, strahlen nach kurzem Wolkenverhang alle drei Zacken kräftig orange unter ihren eisweißen Kappen. Für mich bis jetzt der schönste Sonnenaufgang überhaupt, den ich nur wenige Schritte vom Zelt, hinter einem Felsbrocken gekauert, erlebe. Den Abend vorher habe ich zusammen mit Anja an selber Stelle lange darauf gewartet, bis alle drei Gipfel wolkenfrei waren. Den ganzen Tag schon stiegen die Wolkenmassen an ihnen auf und wieder hinab ins Tal und dem nahen Gletscher.

Es wirkt wie ein sich stetig wiederholender Kälteeinbruch in eine Landschaft, die durch ihre Kargheit und das Geröll oberhalb der Baumgrenze eher an eine Wüste erinnert. Kurz vor der Dämmerung, als die vielen Tagestouristen schon wieder nach El Chaiten zurückgewandert sind, lösen sich endlich auch die letzten Wolkenfetzen vom Cerro Torre und geben den Dreizack vollständig frei.

Unvergessliche Schönheit

Alle beiden Sonnenaufgänge werden zum Abschluss unserer fünftägigen und vermutlich letzten längeren Wanderung durch den Parque Nacional Torres del Paine durch einen dritten in den Schatten gestellt. Am letzten Abend schlagen wir unser Zelt am Camping Lago Pehoe auf, von wo man eine traumhafte Sicht auf die Bergkette der Cuernos hat. Die Berge liegen eingebettet zwischen den Torres del Paine und dem Glaciar Frances und führen entlang des Valle del Frances in einen gigantischen Felsenkessel.

Die Schönheit dieses Anblicks übertrifft alles. Es ist der grandiose Abschluss zweier Wanderwochen, die ich in hunderten von Bildern festgehalten habe, aus Angst, sie jemals zu vergessen.

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