© Klaus-Peter Kappest

Special: Berchtesgadener Land

Ausgabe 111 – Ausgabe 2/2003

Deutschland

Wandern rund um den Watzmann durch das Wimbachtal zum Königsse oder über den Untersberg und auf den Schneibstein. Gemächlich geht es auf dem Wanderweg zum Röthbach-Wasserfall und zur Traunsteiner Hütte. Das Special enthaält insgesamt zwölf Tourenvorschläg

Die Entdeckung der Enthaltsamkeit

Berchtesgaden liegt dem Watzmann zu Füßen.
Berchtesgaden liegt dem Watzmann zu Füßen.

Warum kann ich nicht mit einer Gondel auf diesen grandiosen Berg gebracht werden? So ungemein auffordernd, lockend, verführerisch stechen seine Zacken in den Himmel, daß ich unbedingt da hoch will. Ich will ihm aufs Dach steigen! Aber möglichst ohne den Schweiß, die Knieschmerzen, den kurzen Atem. Hochgleiten durch die Luft möchte ich, in Minutenschnelle tausend Höhenmeter überwinden, schnell aussteigen und genießen und - glücklich sein. Dabei wieß ich doch, daß das schnelle Glück ein Teufelskreis ist. Dabei kenne ich doch das ungemein befriedigende Gefühl, mit Mut, Schweiß und manchmal auch Tränen einen Berg bezwungen zu haben. Doch wenn hier und heute eine Seilbahn wäre, ich würde sie benutzen.

Januskopf Jenner

So schaue ich jeden Morgen mit mehr Verlangen auf den Watzmann. Zum Beispiel vom Jenner aus. Auf seinen Gipfel kommt der Besucher des Berchtesgadener Landes mittels der Jennerbahn. Den nördlichen Hang schwebt sie hinauf und ist der Grund dafür, daß der Jenner zweigespalten ist: Am Nordhang die Seilbahn und Skilifte nach Berchtesgaden hin, im Süden die weitgehend von menschlicher Nutzung unbeeinflußte Natur und der Beginn des Nationalparks. Denn über den Jennergipfel verläuft die Grenze des 1978 gegründeten Nationalparks Berchtesgaden. Schon lange bevor im Jahre 1978 hier der zweite deutsche Nationalpark ausgerufen worden ist, standen die drei Täler von Königssee, Wimbach und Klausbach sowie die Bergmassive von Reiteralm, Hochkalter, Watzmann, Steinernem Meer, Hagengebirge, Hohem Brett und Hohem Göll unter besonderem Schutz.

1910 wurde zum Schutz der Alpenflora ein „Pflanzenschonbezirk Berchtesgadener Alpen“ mit einer Fläche von 8.600 ha ausgewiesen. 1921 wurde dann das Naturschutzgebiet Königssee gegründet. Dieser sehr frühe Schutz der Berchtesgadener Alpen verhinderte auch den Bau einer Watzmannseilbahn. Die grüne Grenze ist jedoch nirgends wirklich greifbar, schon gar nicht am Kopf des Jenners mit seinem phantastischen Panoramablick auf Hagengebirge, Steinernes Meer und Watzmannmassiv, die einen fjordartigen Talkessel für den Königssee bilden…

Einstieg auf hohem Niveau

Der Jenner ist auch das höchstgelegene Einstiegstor zum Wandern im Nationalpark. Vom Gipfel aus kann man zum Beispiel zum Schneibstein aufbrechen. Ich hingegen laufe von der Mittelstation der Jennerbahn bis zur Gotzenalm, hoch über dem Königssee. An die Ufer dieses stillen, tiefgründigen Überbleibsels aus der Eiszeit führen von der Gotzenalm aus mehrere Wege: Auf halbem Weg zurück zur Mittelstation geht es steil bergab zum Bootsanleger „Kessel“ der Bayerischen Seenschifffahrt. Um den Gotzenberg herum geht ein Weg zum südlichen Ende des Königssees, der Salet Alm. Vorsicht, der Abstieg zum See ist mehr Kletterei denn Wandern! Eine dritte Möglichkeit leitet mich am westlichen Ausläufer des Hagengebirges zum Obersee hinab und kurz danach zum Schiffsanleger.

Ort der Stille

Ende der Watzmannrunde am Königssee
Ende der Watzmannrunde am Königssee

Langsam und leise gleitet das flache Boot auf dem tiefblauen Wasser des Königssees dahin. Die Schiffe sind seit 1909 mit leisen Elektromotoren ausgestattet, damit sie auch zu touristischen Hochzeiten keinen Lärm in diesen stillen Winkel Deutschlands tragen. An der Kirche St. Bartholomä, die aussieht wie ein Mischung aus einem Steinpilz (der Farbe nach) und einem Kleeblatt (der Form nach), legt das Boot als nächstes an. Das Fundament der Kirche besteht aus dem Geröll , das der Eisbach vom Watzmann herunterspült. Da steht er wieder, der Watzmann. Unbezwingbar wirkt seine steile Ostwand auf mich. Ich könnte niemals von hier zum Gipfel aufbrechen, wie es so viele im Jahr versuchen. Zuviel Respekt hält mich davon ab. Habe ich es deswegen auch nicht verdient, diesem alten Mann auf dem Kopf herum zu tanzen? Der Gasthof, wo ich jetzt mein Leberwurstbrot esse, war früher das Jagdschloßder bayerischenKönige. Abgeschieden von der Welt gingen hier die Wittelsbacher und davor die Abteipröpste aus Berchtesgaden auf die Jagd nach Trophäen aus Horn.

Eine Bootsladung voll Kühe

Auf der Weiterfahrt zur Endstelle Königssee kommt mir wieder ein Bild in den Sinn, das ich während der Reisevorbereitung in einem Führer gesehen hatte: Ein paar Kuhköpfe schauen aus einem hölzernen Boot heraus, das sie über den Königssee befördert. Auf dem Nationalparkgelände werden bis heute 25 Almen im Sommer durch Jungvieh aus den Talregionen beweidet, die teilweise nicht anders als über das Wasser zu ihrem frischen Grün getrieben werden können. Der Almbetrieb ist das Relikt einer jahrhundertealten Tradition, die für den Tourismus am Leben gehalten werden soll. Dadurch kommt es allerdings zu Interessenkonflikten mit den Naturschutzrichtlinien des Nationalparks. Denn die Kühe verbeissen in den Wäldern die jungen Bäume und verhindern dadurch ein natürliches Nachwachsen des Bergwaldes. Zu den Aufgaben des Nationalparks gehören neben dem Schutz und der freien Entfaltungsmöglichkeit der Natur die Erforschung derselben sowie die Lenkung der Besucher, damit sie keinen Schaden im Nationalpark anrichten, die Natur auf natürliche Weise (also zu Fuß) erleben können und über die Zusammenhänge in der Natur aufgeklärt werden.

Der Mensch vergreift sich

Das typische Königssee-Motiv: St. Bartholomä mit der Ostwand des Watzmanns.
Das typische Königssee-Motiv: St. Bartholomä mit der Ostwand des Watzmanns.

Da der Nationalpark zum überwiegenden Teil ein Gebiet sein soll, in dem sich die Natur ohne den Zugriff des Menschens erholen und entwickeln kann, bringen die kulturellen „Altlasten“ des menschlichen Wirkens Probleme mit sich. Neben dem Weidevieh verbeißt vor allem das Rotwild junge Bäume. Jäger dezimieren systematisch das ehemals von Königen und Pröbsten ausgesetzte Wild. Andererseits werden Futterstellen für das Rotwild unterhalten, damit im Winter der Verbiß an den jungen Bäumen gering gehalten werden kann. Hier wird versucht, ein komplexes Ökosystem unter Kontrolle zu halten. Eine Sisyphosarbeit, die niemals zu einem Ende kommen wird, aber dem Menschen viel über die Gesetzmäßigkeiten der Natur verrät und ihm eine naturnahe Landschaft erhält. Auch wenn wir nie wieder ein Paradies bekommen werden, können wir uns doch erfolgreich bemühen, den Klang der Natur zu verstehen, zu erhalten und mit ihm zu harmonieren. Warum also keine Seilbahn zum Watzmann? Damit ein Mythos der Unberührtheit sich in das 21. Jahrhundert hinein retten kann. Zahlreiche interessante Wanderpauschalen bietet die Berchtesgadener Tourismus GmbH an. Information und Buchung siehe Infoseite.



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