© Klaus-Peter Kappest

Wandern im Silbernen Erzgebirge

Ausgabe 112 – Ausgabe 3/2003

Deutschland

Paul Sayda rollt die Augen. Ihr sucht den Frühling? Auf dem kleinen Friedhof hinter dem schmiedeeisernen Tor vor der Frankensteiner Kirche hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Violett blüht das zarte Immergrün. Schneeglöckchen mit ihren weißen Blüten

Auf den Spuren des Frühlings im Silbernen Erzgebirge

Auf dem Erzgebirgskamm über Neuhausen ist die Freiheit grenzenlos. Auch der Aprilschnee kann die Wanderfreuden nicht trüben.
Auf dem Erzgebirgskamm über Neuhausen ist die Freiheit grenzenlos. Auch der Aprilschnee kann die Wander-freuden nicht trüben.

…auf leisen Sohlen. Durch die Fluß- und Bachtäler kriecht er Tag für Tag bergauf. Noch knirschen auf dem Dach des Kammgebirges zuweilen Schnee und Eis unter den Wanderschuhen, da beginnt es um Freiberg, Augustusburg, Oederan zu knospen und zu blühen. Konrad stochert mit einem Stecken auf dem unter Naturschutz stehenden Kalkrücken über Memmelsdorf im raschelnden Laub. "Sieh nur, es keimt und wächst!" Wir tippeln gemächlich auf die 495 m hohe Udohöhe zu. Traktorenlärm weht von den riesigen Wiesen herüber. Wir stehen hoch über dem rechten Flöhaufer und können im diesigen Licht der Frühjahrssonne die vier Türme von Schloß Augustusburg ausmachen. Richtung Südosten ist die Sicht besser.

Erzstadt, Silberstadt, bedeutendste Bergstadt des Erzgebirges. Freibergs Gründung, seine Blütezeiten und Krisen sind eng mit dem Erzreichtum verwoben. 800 Jahre Erzbergbau hat der Ort hinter sich. 1969 endete, was 1168 mit der Stadtgründung seinen Anfang nahm. Rund 6.000 Tonnen Feinsilber wurden seither gefördert. Bis in 750 m Tiefe drangen die Bergknappen und Steiger vor. ‹ber tausend Erz- und Mineralgänge fuhr man im Laufe der Zeit auf, baute technische Meisterwerke wie den 12,8 km langen Rothschönberger Entwässerungsstollen oder den 741 m tiefen Hauptschacht des Bergwerks Reiche Zeche. Wir schlendern durch das Gassengewirr der Freiberger Altstadt. Die ganze Stadt atmet noch immer Bergluft aus, wenn auch kein Berggeschrei wie einst, wenn sich die Kunde von neuen Erzgängen wie ein Lauffeuer verbreitete. Weitläufig präsentiert sich der Obermarkt, Freibergs städtebauliches Schmuckstück. Das Ensemble von Rathaus, schmucken Bürgerhäusern mit drei- oder vierfach übereinander auskragenden Gaubengalerien wird komplettiert durch das Denkmal Otto des Reichen. Auf ihn geht die Gründung der Bergstadt zurück.

Ein Dom spricht Bände

Vom Schloßplatz bummeln wir über das Kopfsteinpflaster der Kirchgasse zu dem kulturellen Schatz der Freiberger, den Dom. Wir schließen uns einer Führung an. Durch das von zwei quadratischen Türmen flankierte Westwerk betreten wir die spätgotische Hallenkirche. Sie wurde 1487 an der Stelle der 1484 abgebrannten, spätromanischen Marienkirche errichtet. Fasziniert verharren wir vor der Tulpenkanzel aus dem Jahre 1505. Der Künstler modellierte im Auftrag eines Freiberger Stifters das Kunstwerk aus einem einzigen Porphyrtuffklotz, als ein zweiter Aufschwung dank finanzstarker Handelshäuser aus Nürnberg, Augsburg und Leipzig den Bergbau wieder zum Erblühen gebracht hatte. Ich schaue in das lebensechte Steingesicht des Steigers in Paradeuniform, daneben der Bergknappe in Arbeitskluft, Augustinus, Jakobus, Antonius und Papst Gregor - über allem schwebt als Schalldeckel die Marienfigur. Die wunderschöne Pieta, der tote Christus mit rostrotem Echthaar, liegt im warmen Sonnenlicht, das durch die riesigen gotischen Fenster einfällt. Begeistert bleiben wir vor dem Tympanon der Goldenen Pforte stehen. Die vier figurenreichen Reliefbögen zierten einst das Südportal der spätromanischen Marienkirche. In Sandstein gehauene Bildsprache der Spätromanik. Beredtes Zeugnis für den ersten Silberboom des Freiberger Erzbergreviers.

Bachs Toccata in H-Moll

Wir verweilen vor der Grablege der protestantischen Wettiner aus dem Hause der Albertiner. Konrad studiert das Altarbild mit einer Allegorie auf das letzte Abendmahl. Plötzlich ertönt Johann Sebastian Bachs Toccata in H-Moll. Von uns unbemerkt hat der Domorganist an der riesigen Silbermannorgel Platz genommen. Der Virtuose zieht die 44 Register und läßt aus 2674 Pfeifen das geniale Klangerlebnis des großen Meisters ertönen. Von den 46 Orgeln, die Gottfried Silbermann, weltberühmter Orgelbauer und Kind des Erzgebirges, in seiner Werkstatt baute, stehen alleine zwei im Freiberger Dom. Weitere drei dieser Königinnen der Musikinstrumente fertigte er für Freiberger Kirchen. Das Spätwerk des sächsischen Hof- und Landorgelbauers in königlich polnischen und kursächsischen Diensten in der St. Nicolaikirche gilt heute als verschollen. Als ich Konrad den Vorschlag mache, unsere Kammwanderung doch um einen Tag zu verschieben und in und um Frauenstein auf den Spuren eines der größten sächsischen Orgelbauers zu wandern, nickt er heftig. "Prächtige Idee, im Frauensteiner Schloß gibt es ein Silbermann-Museum."

"Weil Frauenstein mein Vaterland…"

Blick auf die westliche Empore des Domes mit der großen Silbermann-Orgel. Links im Vordergrund der Sockel der Bergmannskanzel.
Blick auf die westliche Empore des Domes mit der großen Silbermann-Orgel. Links im Vordergrund der Sockel der Bergmannskanzel.

Auf einem nach Norden allmählich ausstreichenden Porphyrfelszug thront die Silbermannstadt Frauenstein. Überragt von den Ruinen der Frauensteiner Burg und dem Schloß der Schönbergschen Grafen aus dem 16. Jh. Östlich und westlich haben sich mit Bobritzsch und Gimmlitz zwei muntere kleine Flüsse ihre schluchtenähnlichen Täler gegraben. Sie nehmen das kleine Frauenstein in der Höhe sprichwörtlich in die Zange. Wir wandern ins Tal der Bobritzsch. In Kleinbobritzsch kamen Andreas und Gottfried Silbermann sowie ihre drei Stiefbrüder zur Welt. Vater Michael war ein anerkannter Zimmermann in Frauensteiner Diensten. Das kleine anderthalbgeschossige Fachwerkhaus an der Freitaler Straße Nr. 4 ist das Geburtshaus von Gottfried, dem großen sächsischen Orgelbauer. Die Familie Silbermann zieht 1686 nach Frauenstein, wo der kleine Gottfried zur Schule geht und eine Tischlerlehre absolviert. Gottfried beendet in der Straßburger Werkstatt des älteren Bruders seine Gesellenjahre und kehrt 1710 als Orgelbauer in die geliebte Heimatstadt zurück. Wir wandern über den geologischen Lehrpfad auf den Porphyrfelsen nach Frauenstein zurück und bestaunen die umfangreiche Sammlung des Gottfried-Silbermann-Museums. Auch im nahen Nassau, südlich über dem Gimmlitztal gelegen, steht in der dortigen Dorfkirche eines der Instrumente aus der Silbermann-Werkstatt.

Mühlenromantik und Ohrenschmaus

Zwischen Weicheltmühle und Müllermühle kann man hölzernen Zeitgenossen wie diesen in die Arme schließen.
Zwischen Weicheltmühle und Müllermühle kann man hölzernen Zeitgenossen wie diesen in die Arme schließen.

"Warum nicht nach Nassau wandern?" Bei allerschönster Frühlingssonne stiefeln wir auf dem mit Kunstwerken gesäumten Alten Poststeig hinunter in das Gimmlitztal. Waldreich ist es hier und still. 27 Mühlen standen einst im 27 km langen Tal der mäandernden Gimmlitz. In der Wanderkarte erinnern Standorte wie Walkmühle, Ratsmühle, Kummermühle an die Blütezeit des Mühlentales. Die historische Illingmühle kann man nach Voranmeldung besichtigen. An der Müllermühle treffen wir auf eine junge Künstlerin, deren Familie hier eine Galerie betreibt. Der Weg zur Weicheltmühle ist Idylle pur. Der Pfad windet sich unter den tief herabhängenden Ästen eines Tannenwaldes zum denkmalgeschützten, urigen Bauwerk. Es fällt uns schwer, die friedliche Stille des Gebäudeensembles zu verlassen, doch die Silbermann-Orgel in Nassau kann man nur bei Voranmeldung besichtigen und wir wollen Kantor Christian Domke nicht warten lassen. Als Konrad und ich am frühen Abend mit dem Bus von Nassau nach Frauenstein zurückfahren, schweigen wir uns an.



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