© Klaus-Peter Kappest

Jakobswege: Pilgern - ein starkes Wandermotiv

Ausgabe 113 – Ausgabe 4/2003

Know How

Wenn milder Regen, den April uns schenkt, Des Märzes Dürre bis zur Wurzel tränkt. Und badet jede Ader in dem Saft, so daß die Blume sprießt durch solche Kraft, wenn Zephyr selbst mit seinem milden Hauch. In Wald und Feld die zarten Triebe auch, erweckt ha

Boom der Pilgerwege, zum Grab des hl. Jakobus

Schloss St. Alban am Jakobsweg
Schloss St. Alban am Jakobsweg

Seit Menschengedenken reisen Gläubige einer der drei monotheistischen Weltreligionen an heilige Orte. Geeint im Gebet, verbunden im gemeinsamen Glauben spielen Wallfahrt oder Pilgerfahrt im Christentum eine besonders herausragende Rolle. Christen pilgern zu den Stätten der Heiligen.

Dabei standen und stehen die Gräber der Apostel oder das Grab Jesu Christi in Jerusalem im Zentrum der Pilgerfahrten. Wallfahrten ins Heilige Land, nach Rom, Santiago de Compostela, Canterbury, Trondheim, Einsiedeln, Köln, Rocamadour, St. Michel, Thann, Wilsnack, Düren, Trier oder Le Puy einen Gläubige aller Hautfarbe, jeden sozialen Standes, arm oder reich unter dem spirituellen Dach einer Weltreligion. Jahr für Jahr pilgern Millionen in die Welt. Jerusalem, Rom und Santiago (seit dem 9. Jh.) erlangten als Wallfahrtsziele die mit Abstand größte Bedeutung. Historiker schätzen, daß 200.000 bis 500.000 Menschen jährlich alleine zum entlegenen Grab des hl. Jakobus im gallizischen Santiago de Compostela zogen.

Im Zeichen der Jakobsmuschel

Die Jakobsmuschel wurde in den Jahrhunderten zum unverwechselbaren Markenzeichen der Jakobspilger. Muscheln waren freilich schon im 4. Jahrhundert Wallfahrtssymbole, aber erst der "Liber Sancti Jacobi", die wichtigste Schriftquelle des Mittelalters (12. Jh.) zur Geschichte der Jakobusverehrung, verknüpft die Jakobswallfahrt mit der Jakobsmuschel. Der weite Umhang als Pelerine (fr. pèlerin = Pilger), die Pilgertasche (lat. = pera) und der Wanderstab gehörten zur Funktionsbekleidung der mittelalterlichen Pilgerreisenden. Aus der Umhängetasche für den täglichen Proviant, den unerläsßlichen Pilgerpaß und etwas Kleingeld wurde der belüftete Rucksack, aus dem wallenden Umhang für alle Fälle die ultraleichte, atmungsaktive Softshelljacke mit wind- und wasserabweisenden Eigenschaften.

Als Erbe des Pilgerstabs darf uns schließlich der teleskopierbare Carbonstock mit Korkgriff und Halteschlaufe gelten. Der Pilgerhut ist heute ein leichtes, helles Sonnenhütchen, und an die Stelle der grobschlächtigen Sandalen sind aerodynamisch gestylte, hyperleichte, atmungsaktive Leisetreter getreten. Gewandelt hat sich auch die Motivlage der Pilgerreisenden und Jakobswegwanderer. Aus Buße, Sühne oder Gelübde zieht es wohl nur noch eine Minderheit der jährlich anschwellenden Pilgerschar hin-aus ans Ende der Welt (Finisterre ist jenes Ende der Welt, das vier Tagesetappen westlich von Santiago gelegen, in frühen Pilgerberichten beschrieben wird).

Was aber läßt Manager, Ruheständler, Gläubige und Atheisten gleichermaßen für Tage, Wochen und Monate aussteigen, sich einlassen auf eine Mythenroute, die selbst in den Tagen des Internets, der Autobahnen und globalen Vernetzheit, noch täglich eine Prise Abenteuer, eine Portion Unbekanntes bietet? Ist es die Verdrossenheit mit dem ewig Sicheren, der täglichen Wiederholung des Überlebenskampfes, das Fehlen der archaischen Überlebensängste, die Lust am Fernweh, die Suche nach Natur als Gottesbeweis, die Bestätigung des eigenen Seins?

Fakt ist, daß in den letzten 20 Jahren ein wahrer Jakobsboom entstand. Millionen zieht es jährlich hinaus auf das wachsende Netz der Jakobs- und Jakobuswege Europas. Der moderne Mensch als "homo viator", Wandern auf Pilgerpfaden hat Konjunktur…..



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