© Klaus-Peter Kappest

Ostsee: Die Farben einer Küste

Ausgabe 113 – Ausgabe 4/2003

Deutschland

Atemfrische Luft. Würzig, salzig – es riecht nach Fisch. Woge auf Woge schmatzt an den hellen Sandstrand. Schaum umspielt die nackten Füße. Der Schwan mag sich nicht an mir stören. Wieder und wieder steckt er den schneeweißen Hals in die Ostsee. Der stran

Grün & Weiß, Rot & Blau

65 km lang ist die mecklenburgische Ausgleichsküste - eine geniale Wanderroute!
65 km lang ist die mecklenburgische Ausgleichsküste - eine geniale Wanderroute!

Gletscher kamen übers Meer. Häuften meterhoch nordische Steinfrachten an. Moränenberge, zerklüftet, zigfach zertalt. Grüne Waldgebirge. Dazwischen glasklare Seen mit Schilfgürteln. Tiefgründig, still, baumbestandene Ufer. Flüsse graben sich emsig durch diese Barrieren. Brechen durch, mäandern, strömen unentwegt. Ein Küstenland in grün und wieß, in rot und blau.

"Das Überraschende macht Glück!" Dabei hat Friedrich Schiller Mecklenburgs Bernsteinküste nie gesehen, seine lange geplante Badekur nach Heiligendamm nie angetreten. Verblüffend ist die Ausgleichsküste ja schon. In Heiligendamm wurzeln hundertjährige Buchen hoch über dem Strand. Die wütende See knabbert immer mal wieder die 20 Meter hohe Steilküste an. Den Baumwäldern, hier in Heiligendamm, im Gespensterwald von Nienhagen oder der Rostocker Heide um Graal-Müritz vermag sie kaum etwas anzuhaben. Silbrig-grau schimmern die säulenartigen Buchenstämme. Tolkiens Baumbart und seine Ents – willkommen in einem überraschend anderen Wanderland.

Dolmengräber und Wikinger

Der Blick fährt genießerisch über das majestätische Land. Harmonie der Konturen und Silhouetten. Durchbrochen von Kirchturmspitzen, Wassertürmen und Windrädern. Kröpelin, Neubukow, Neukloster, Tessin, Sternberg, Warin, Dobbertin, Goldberg oder Krakow am See. Dazwischen blühat es im Mai quittengelb. Eine Farborgie in Gelb und Grün. In den Kornfeldern unterbrechen gelegentlich eigentümliche Gebüschinseln die fließenden Linien. So wie hier vor Rerik. Geschichtsfenster zumeist: Dolmengräber erinnern an das megalithische Erbe. Germanen, Wikinger und später die Slawen, Mecklenburg war sicher kein Schmelztiegel der Völker. Doch alle, die siedelten, hinterließen Zeugnisse ihres Seins. Die Backsteinklöster der Zisterzienser in Bad Doberan und Satow. Die klassizistischen, barocken, historisierten Herren- und Gutshäuser der mecklenburgischen Ritterschaft. Die prächtige Architektur vom Beginn der Seebäderepoche in Kühlungsborn, Heiligendamm, Warnemünde oder Graal-Müritz. Die einzigartige Slawenfeste im Freilichtmuseum Groß Raden. Überraschung allenthalben.

Dünensand und grüner Dschungel

Kapitän Rehbein von der Baltica bei der Arbeit.
Kapitän Rehbein von der Baltica bei der Arbeit.

Der Landstrich gegenüber der Insel Poel in der Wismarer Bucht beherbergt eine der ältesten Wikingerstädte. Das sagenhafte Reric, älter und bedeutender als Haithabu, noch wächst das Gras der Geschichte darüber. Noch harrt die Handelsmetropole ihrer vollständigen Ausgrabung. Am Schwarzen Busch auf Poel, einst Seebad mit Strandpromenade, stehen die wieß lackierten Strandkörbe wieder in Dreierreihe, wie früher. Gebräunte Körper, darüber segeln Plusterwolken landeinwärts. Östlich rückt ein Klippenrand an die Ostsee heran.

Warnow-Durchbruch. Ein Geblöke ist in der Luft. Die Schafherde stiebt auseinander. Die Warnow hat sich durch die Eiszeitberge nordwärts gefressen. Wasserwanderer gleiten staunend durch das urwaldähnliche Naturschutzgebiet nordwestlich des mauerbewehrten Sternbergs. Grüner Dschungel. Traumpfade winden sich unter dem Blätterdach. Gibt es Schöneres?

Müritzstrand

Blauer Ostseehimmel. Wieße Schaumkronen geben dem baltischen Meer Tiefe. Wieß blitzen die Dreiecke der Segelboote. Am Horizont erkennt man schemenhaft die Aufbauten großer Schiffe. Hinter mir wogen die Wälder der Rostocker Heide heran. Umschließen Hochmoore wie das Große Moor. Da reitet die grüne Wucht gen Meer, scheint den mit Strandhafer bestandenen Schutzdeich fluten zu wollen. Hier die rauschende, raunende Ostsee, dort das Waldmeer. Dazwischen endloser Sandstrand, perforiert mit Holzbuhnen. Reihe auf Reihe wie die Zähne eines Reißverschlusses.

Käptn Rehbein und Fischer Pinkis

Wenn Wolf Rehbein von der Kühlungsborner Seebrücke ablegt, läßt er das Horn der MS Baltica blasen. Das 50 Meter lange, hochseetaugliche Schiff kreuzt in den kaum sieben Meter flachen Gewässern vor der mecklenburgischen Ostseeküste. Blicke auf die grüne Küste. Die Kühlung gilt als Deutschlands kleinstes Mittelgebirge. 130 Meter hoch. Von Meeresniveau aus betrachtet ist der Diedrichshagener Berg mit 129,7 Höhenmetern ein Riese. Die hellrote Haube des Bastorfer Leuchtturms leuchtet. Rapsfelder, die Nehrung des Buk, dahinter das Schilfmeer des Riedensees, dann die Steilküste von Rerik. Die Seebrücke dahinter und die geheimnisvolle Halbinsel Wustrow mit der Geisterstadt aus wirren Zeiten. Käptn Rehbein schiebt sich den Stumpen in den Mundwinkel, umfaßt das Steuerrad mit beiden Händen und genießt den Blick auf die ruhige See. Fischer Uwe Pinkis schöpft derweil mit dem blauen Plastikeimer brackiges Wasser und schüttet es über die Aalnetze auf dem Fischersteg im Reriker Hafen am Salzhaff

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