© Klaus-Peter Kappest

Wanderland Lozère

Ausgabe 113 – Ausgabe 4/2003

Frankreich

Man reist nicht in die Lozère, sondern zu ihr. Die alte französische Provinz Gévaudan im südlichen Zentralmassiv ist kein Land nur zum Ansehen, sondern man muß es erleben wie den Besuch bei einem alten Freund.

Lozère: Rauh, aber herzlich

Weidende Kühe im Aubrac
Weidende Kühe im Aubrac

Man fühlt sich vertraut und aufgenommen ohne großes Aufheben. Das erste, was beim Marschieren hier deutlich wird, ist ein Gefühl von Weite und Ruhe, nichts engt den Blick, es ist Platz zum Durchatmen. Einst floh der Schriftsteller Stevenson die Enge der bürgerlichen Gesellschaft, um in der Lozère die Zwanglosigkeit der Natur zu finden. Heute mag der Wanderer die Hektik der Städte fliehen, er wird die Freiheit und Ungezähmtheit dieses Landstriches noch ungebrochen vorfinden. Gleich dem berühmten Erzähler kann er sich noch an vielen Stellen der Lozère leicht, ruhig und zufrieden fühlen.

Das heutige Departement Lozère erstreckt sich mit vier typischen, sehr unterschiedlichen Landstrichen vom Massiv Central bis zu den Cevennen. Mit seinen rund 73000 Einwohnern, die sich auf ca. 5200 qkm verteilen, kann von Überbevölkerung keine Rede sein. Also bleibt der Natur noch ausreichend Platz, den auch die beiden Kleinstädte Mende und Florac sowie einige größere Orte mit weniger als 5000 Seelen kaum einschränken. Ansonsten liegen die kleine Dörfer und Weiler, sowie einzelne Gehöfte verstreut im Land. In solch einer Region konnte sich eine ursprüngliche Flora weitgehend erhalten, und selbst fast ausgerottete Tiere wie Bartgeier oder Wölfe wurden wieder heimisch. Letztere, eine Meute von 120 Tieren, jedoch der Sicherheit halber im umzäunten Gelände. Anderen, ebenfalls fast ausgestorbenen Rassen, wie der europäische Bison oder das Przewalski-Pferd, wurden Refugien zugewiesen, in der Hoffnung, diese Tierarten zu retten.

Hirten, Karst und Kamisarden

Unterschiedliches Klima und Gestein prägen die Landschaftsbilder der Lozère: Im feuchten Nordwesten erheben sich die eigenwilligen, sanften Hügel des Aubrac, Heimat der gleichnamigen Kühe mit den dunkelumrandeten Augen. Auf dem erodierten Basaltboden dehnen sich Weiden bis zum Horizont. Nur ab und zu wird der Blick abgelenkt durch geduckte Natursteinhütten, einst Sommerquartier der Hirten, oder einige aufgetürmte Felsbrocken. Granitfelsen zwischen Heide und Ginster vor dem Hintergrund dunkler Nadelwälder bestimmen das Landschaftsbild der Margeride, die einstige Grafschaft Gévaudan. Geheimnisvoll schlängelt sich hier die Truyère im torfigen Boden zwischen Felsen und Wiesen. In ihrem klaren Wasser stehen Bachforellen, bereit, bei der kleinsten Störung davonzuhuschen.

Wildromantisch wirken weiter südlich die in Jahrtausenden in den Kalkfels gegrabenen Schluchten von Tarn und Jonte. Hier hat die Erosion seltsame Felsnadeln geformt, Steilhänge von bis zu 500 m überragen das Bett der Flüsse. Darüber erheben sich die Karsthochflächen der Grands Causses, sonnenüberflutet und vom Wind gefegt. Zwischen Margeride und Causses drängt sich das fruchtbare Tal des Lot. Über seinen Ufern ragt so manches historische Bauwerk, aber auch die Hauptstadt der Lozère, Mende, mit der mächtigen Kathedrale.

Im Süden, wo sich ausgedehnte Kastanienwälder erstrecken, liegt der Nationalpark Cevennen. Die Eßkastanie war der Brotbaum der Armen. Auf Terrassenfeldern im Schiefergestein wurden einst Maulbeerbäume gepflanzt, um die Seidenraupen zu züchten, die über Jahrhundert für Wohlstand sorgten. Geschichtsträchtige Erde, Heimat vieler Protestanten und Schauplatz der Kamisardenkriege im 18. Jh. Wie ein mächtiger Herrscher wacht hier, unberührt von menschlicher Geschäftigkeit, der mit 1702 m höchste Gipfel, Mont Lozère, über das alte Gévaudan.

Wanderparadies

In einer Landschaft, in der sich die Natur so viel Raum bewahren konnte, fühlen sich Wanderer am richtigen Platz. Beeindruckend sind die Weite und Unberührtheit der Lozère. Wie Lebensadern durchziehen die einstigen Viehtriebe, die "drailles" die Region, heute sind es beliebte Wanderstrecken. Von Weiler zu Weiler, von Dorf zu Dorf führen uralte Wege, über die unzählige Ochsenkarren ratterten, Bauern mit dem Esel zum Markt zogen. Mittlerweile sind nur noch Wanderer, Spaziergänger oder Pilzsucher unterwegs. In den abgelegenen Gegenden war Gastfreundschaft seit jeher noble Pflicht der Bewohner. Auch heute noch herrscht in den Gasthöfen, den Herbergen und privaten Gästezimmern das gleiche, freundliche Willkommen. Rauh, aber herzlich, frei und offen unabhängig, das seit jeher bestimmende Lebensgefühl der Bewohner in der Lozère wird auch von ihren Gästen geschätzt.

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