© Klaus-Peter Kappest

Wandern im Murgtal

Ausgabe 113 – Ausgabe 4/2003

Deutschland

Freitragend, überdacht und befahrbar. Eigentlich keine besonderen Attribute für eine Brücke. Aber weit gefehlt! Schließlich ist diese Murgtalbrücke die einzige ihrer Art in ganz Europa. Die sehenswerte Holzbrücke aus dem Jahre 1778 ist das Wahrzeichen der

Im Zeichen der Murg

Westlich von Forbach: die Schwarzenbach-Talsperre.
Westlich von Forbach: die Schwarzenbach-Talsperre.

Freitragend, überdacht und befahrbar. Eigentlich keine besonderen Attribute für eine Brücke. Aber weit gefehlt! Schließlich ist diese Murgtalbrücke die einzige ihrer Art in ganz Europa. Die sehenswerte Holzbrücke aus dem Jahre 1778 ist das Wahrzeichen der Schwarzwaldgemeinde Forbach und verbindet die durch die wilde Murg zerschnittene Landschaft.

Hüttenzauber und Flößerkunst

Die Murg – anfangs ein kleiner Rinnsal, später ein wilder Strom. Bizarre Buntsandsteinformationen und Granithöhenzüge, wie der aussichtsreiche Latschigfelsen nordöstlich von Gausbach, flankieren den gewundenen Flußverlauf. Aber sehr einnehmend auch die für das Tal typischen saftigen Wiesentäler mit den wildromantischen Heuhütten – Erinnerungen an Tiroler Gefilde werden wach! Die Murg hat wahrlich viele Gesichter und ist nicht nur landschaftsgeschichtlich von größter Bedeutung. Denn sie hat der einheimischen Bevölkerung über viele Jahrhunderte den Broterwerb gesichert. Der Holzreichtum der Wälder als Ausgangsbasis für die Papierindustrie und der reißende Fluß als natürlicher Transportweg für geschlagene Bäume – der Grundlage für die berühmte Flößerkunst.

Zwischen Naherholung und Hobelkraft

Früher wurde hart geflößt und heute reicht die Zeit außerhalb der Arbeit zum Wandern, Radeln oder Baden. Die Schwarzenbachtalsperre nahe der Badener Höhe und dem Mehliskopf bietet hier viele Freizeitmöglichkeiten. Der Rundweg um den größten Stausee im Nord- und Mittelschwarzwald schlängelt sich idyllisch zwischen Uferlinie und blühenden Bäumen. Seit den 1920er Jahren wird das Wasser des Sees in unter- und oberirdischen Druckrohren zur Stromgewinnung in das Elektrizitätswerk nach Forbach geleitet. Oberhalb des künstlichen Wasserspeichers, versteckt zwischen dichten Tannen- und Fichtenwälder, schmiegt sich der wunderschöne und friedliche Herrenwieser See an den Berg. Es handelt sich hierbei um einen klassischen Karsee, der während der letzten Eiszeit entstanden ist. In Nischen gebildete Gletscher, haben das Gestein aus den Wänden gehobelt, talwärts transportiert und aufgehäuft. Die Hohlform im Rücken des so entstandenen Gesteinwalls füllte sich anschließend mit Schmelz- und Niederschlagswasser.

Zwischen Murg und Weinberghängen

Zurück in der Gegenwart, unter der Obhut des Schlosses Eberstein und im Schatten fruchtiger Reben liegt das kleine, ehemalige Flösserstädtchen Gernsbach. Am Tor zum engen und schroffen Murgtal gelegen, bezaubert die "Murgtalperle" durch ihre historische Altstadt. Die kleinen Gassen, die vielen Fachwerkhäuser und der auffällige Blumenschmuck versprühen einen mittelalterlichen Charme. Besonders sehenswert sind die verbliebenen und gut erhaltene Teile der Stadtbesfestigung, die Zehentscheuer und das Alte Rathaus in der Hauptstraße. Heute befindet sich in dem alten Gemäuer der Stammsitz des hiesigen Winzers. Und der Wein soll vorzüglich sein!

Lebensraum für Überlebenskünstler

Nicht so fröhlich stimmend wie der Traubensaft, sondern makaber und faszinierend zugleich: Der Tod im Moor als Voraussetzung für neues Leben. Vom Kaiser-Wilhelm-Turm nahe dem Ort Kaltenbronn hat man einen herrlichen Ausblick auf das östlich des Murgtals gelegene Hochplateau mit den Naturschutzgebieten Hohlohsee und Wildseemoor. Die wildromantischen Hochmoore sind gemäß der Datierung der dort gefundenen Blütenpollen kontinuierlich nach der letzten Eiszeit durch abgestorbene Pflanzen in wassergesättigten Muldenlagen und unter Sauerstoffabschluß über einen Konservierungsprozeß entstanden. Eine an Nordeuropa erinnernde Flora sowie seltene und gefährdete Tiergesellschaften haben seit der Eiszeit und auch heute noch hier ihr Refugium. Zum Schutze dieser vielschichtigen, sensiblen Lebensgemeinschaft sollte der verantwortungsvolle Wanderer diese lebendigen Geschichtsbücher respektieren — also bitte nur die ausgewiesenen Pfade benutzen!



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