© Klaus-Peter Kappest

Abenteuer Harz

Ausgabe 114 – Ausgabe 5/2003

Deutschland

In der Walpurgisnacht ziehen von allen Seiten, aus dem Göttingenschen und Grubenhagenschen, aus der Altmark und der Gegend von Rinteln, ja aus Schleswig-Holstein die Hexen nach dem Brocken oder vielmehr nach dem Blocksberg, denn so heißt jener Hexenberg.

Teuflisch schön, höllisch gut und hexenmäßig verschlungen.

Harzer Hexe
Harzer Hexe

Osterode am Harz. Ausgestiegen aus einem menschenleeren Waggon, den Rucksack samt Teleskopstöcken geschultert, im stillen Bahnhof eines in dem blaßblauen Morgen dämmernden Städtchens. Fachwerk dominiert unsere Schritte durch Osterode, den Startort der Harzüberquerung. "Wo bitte geht es zum Hexenstieg?" Den Weg zum Einstieg am Parkplatz Bleichestelle weist man uns im Verkehrsamt, feudal in einer Fabrikantenvilla mit Park gelegen. Wir ziehen aus dem Städtele hinaus. Mit fröhlichem Herzen, wie der Sinnspruch im Firstbalken der Pension Hannover verkündet, geht es berg-wärts. "Von einer der ersten Höhen schaute ich nochmals hinab in das Tal, wo Osterode mit seinen roten Dächern aus den grünen Tannenwäldern hervorguckt, wie eine Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe kindliche Beleuchtung." (Heinrich Heine, Harzreise) Wir machen den kecken Dachreiter auf dem von Patina graugrünen, erhaben ruhenden Zeltdach der Marktkirche aus. Rechterhand sind Kalksteinbrüche zu erkennen. Steinreicher Harz. Heute wie damals.

Dicht drängt der Mehrgenerationenwald an den Weg heran. Die dichten Nadelholzschleppen des Harzes wogen und wallen über runde, sanft schwingende Buckel. Der Eselsplatz ist ein Rastplatz nach unserem Geschmack: Eine urige Köhlerhütte aus schwarzen Holzstangen schützt vor Unbilden. Hexenstiegstandard? Wer will, kann sich mit dem vor der Hütte gestapelten Kleinholz drinnen rasch ein Feuer entzünden. Heinrich Heine zog es weiland über Lerbach auf Clausthal zu, wir steigen stetig bergan. Das Mangelhalber Tor beendet vorläufig den schweißtreibenden Anstieg. Zum Wasserreich der Oberharzer Bergleute ist es nicht mehr weit. Schon zeigt ein Wegweiser linkerhand nach Buntenbock: ein Kind des Erzbergbaus, wie alle historisch gewachsenen Orte des Oberharzes.

Die Seenplatte von Bärenbrucher und Ziegenberger Teich gehört zum Oberharzer Wasserregal. Ein filigranes, kunstvoll austariertes Wassersammel-, Wasserleit- und Wasserbevorratungssystem. Der Genius des spätmittelalterlichen und barocken Menschen blitzt auf: Aufschlagwasser zum Schöpfen desselben! Die Buntenbocker Teiche entwässern untereinander. Jeder Höhenmeter wird nur um den Preis einer "Energiespende" preisgegeben. Wasserläufe durchziehen Bergzüge, bergmännisch im 16. und 17. Jh. Bewältigt. Haltet die Höhe, gewinnt dabei Strecke – war die Devise. 1.000 Jahre Harzer Bergbau, und das Wasser gehörte stets dazu. Störrisch und störend, weil es den Vortrieb in die Tiefe behinderte, todbringend als Sturzflut, segensreich, weil es die hölzernen Wasserkünste antrieb. Monströse Kehrräder zum Antrieb der Seilwinden, der Fahrkünste und zum Schöpfen des Wassers. Wir gehen über Kunstdämme, deren Dammkrone eine kunstvoll mit Trockenmauern gefaßte Wasserrinne beherbergen. Fehlschläge leiten Wasserspitzen ab, Umlenkbecken stoppen den jähen Lauf allzu steiler Rinnen. Wir wundern uns nicht, daß dieses technische Flächendenkmal schon bald den Schutz der UNESCO als Weltkulturerbe genießt. Levadawandern im Oberharz.

Abendstimmung am Innersten Sprung, Quelle eines Bächleins, das wenig später eine Talsperre füllt. Ein Surren ist in der Luft. Lichtkaskaden tanzen über das smaragdgrüne Wasser des Quellteichs. Wasser begleitet uns ab jetzt. Hutthaler Widerwaage, Hutthaler Teichdamm, Sperberhaier Damm und dann der 10 km lange Dammgraben bis zu seiner Wiege. Hier treten wir in den Nationalpark Harz ein. Der Weg wird erst zum Pfad und bald zum Steig. Felswände wachsen steil über unsere Köpfe in den Himmel. Totholzbäume säumen den Weg. Werden und Sterben. Keine Motorsäge jault wimmernd in der Ferne. Was fällt bleibt liegen. Die Steile Wand, ein bildhübscher Bergbach mit mahagonibraunen Steinen, dann der 290 m hohe Sendeturm von Torfhaus. Parkplatz, Hotels, eine Alpenvereinshütte, eine Rangerstation samt Nationalpark-Information. Luft holen für seine Majestät, den Brocken. Vater aller deutschen Berge, heißt der mystische Teil der Botschaft, als Schicksalsberg der Deutschen gilt er seit dem Fall der Mauer.

Das Ghetto um den 1.142 m hohen, klimatisch extrem exponiert liegenden Gipfel wurde niedergerissen. Als Touristenmagnet mit Gipfelbahnhof rangiert der Urberg, der Olymp des Nordens, Titan aus magmatischem Gestein, wieder in den Hitlisten der bestbesuchten Attraktionen ganz oben. Wen wundert’s? Der Aufstieg durch Moor und krüppelhaften Fichtenwald. Orkane fegen um das schüttere Haupt des Brockens. Wie die Tonsur eines Benediktinermönches liegt der turmbestandene, dicht bebaute Gipfel den Himmelskräften ausgesetzt. Zweifellos ist seine Überquerung ein Höhepunkt. Meist wabern Nebel um sein erhabenes Haupt, eine Tarnkappe für den Blocksberg der deutschen Hexen. Ungezählt die Sonnenauf- und -untergänge, die kunstvoll gereimt oder überwältigt dahingehaucht in Gipfelbüchern, Reisebeschreibungen, Postkarten und Tagebüchern verewigt wurden. Der Brocken, Chef über zwei Nationalparke (Harz und Hochharz), ist ein Herzensbrecher, ein Held und Antiheld zugleich.



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