© Klaus-Peter Kappest

Wo Südtirol am schönsten ist: In fünf Tagen von Brixen nach Bozen

Ausgabe 114 – Ausgabe 5/2003

Italien

Dr. Konrad Lechner überquerte für das Wandermagazin den Ritten in fünf Tagen von Brixen nach Bozen. Der Weg führte am ersten Tag nach Verdings, dann über Bad Dreikirchen, Lengmoos und Wangen schließlich ans Ziel nach Bozen. Lust zum Nachwandern? Auf geht'

Auf bequemen Pfaden in fünf Tagen von Brixen über den Ritten nach Bozen

Blick auf Barbian in Südtirol
Blick auf Barbian in Südtirol

Diese Wanderung ist sicher aus mehreren Gründen besonders empfehlenswert: Die hervorragende Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, welche erlauben, daß sowohl am ersten wie auch am letzten Tag eine lange und schöne Strecke gegangen werden kann. Die preiswerten und sehr gastfreundlichen Unterkünfte nach Touren mit mäßiger Belastung.

Die Routenwahl, welche auch bei einem Schlechtwettereinbruch eine Durchführung gestattet. Das völlige Fehlen von alpinen Gefahren, wodurch die Tour von jedem trittsicheren Wanderer mit der entsprechenden Kondition gegangen werden kann. Die kunstgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten, die vielseitige Flora und schließlich die großartigen Ausblicke auf viele berühmte Berge der Südalpen.

Da wir am ersten Tag nur etwa viereinhalb Stunden wandern müssen, sollten wir vor dem Aufstieg das über 1100 Jahre alte Brixen mit der fürstbischöflichen Hofburg, dem Dom, der Stadtpfarrkirche, dem Gedenkstein für Oswald von Wolkenstein und die Laubengänge besuchen.

Nach kurzer Wanderung sind wir dann von Weingärten, Kastanienhainen und Wiesen umgeben. Abgeschliffene Gesteine erinnern uns daran, daß das Eisacktal einst von einem mächtigen Gletscherstrom erfüllt gewesen ist. Bald erblicken wir im Osten die ersten Felsenberge der Dolomiten. Nach dem Besuch des Schlosses von Feldthurns, der einstigen Sommerresidenz der Bischöfe von Brixen, erreichen wir Verdings, unser Ziel des ersten Tages.

Über das Bergbaugebiet am Pfunderer Berg in das autofreie Bad Dreikirchen Gemächlich wandern wir anderntags leicht absteigend in das Thinnebach-Tal. Dann steigen wir langsam und bedächtig die 300 Höhenmeter in das ehemalige Bergbaugebiet hinauf. Hier kann man besonders schön rasten und im Mai auf den Wiesen die auffallend großen Glockenblumen bewundern. In Villanders sollte man sich am Nachmittag etwas mehr Zeit lassen. Aber auch der Ort selbst mit seiner Kirche und der Bergfriedhof mit den Kreuzen aus Eisen sind sehenswert. Die Dorfstraße ist dadurch berühmt geworden, daß sie dem Maler Defregger für sein Bild "Letztes Aufgebot" als Vorlage diente.

Und noch eine Attraktion wartet an diesem Tag auf uns: Bad Dreikirchen. Wer diese jahrhundertealte, aus wenigen Gebäuden bestehende Siedlung in 1120 m Höhe besuchen will, muß wandern. Man soll von Dreikirchen 40 Kirchtürme erblicken können.

Bis heute hat man noch keine befriedigende Erklärung, warum die drei Kirchen an dem entlegenen Ort errichtet wurden. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Theorien. Sicher ist, daß die hier befindlichen Quellen Heilkräfte besitzen und schon in vorchristlicher Zeit bekannt waren. Ein bereits den Heiden heiliger Ort? Als Gründer der Kirchen werden Bischöfe Kranke und auch Einsiedler genannt. Die Gertraudskirche ist sicher am ältesten. Sie wurde bereits 1237 erwähnt. Die rechte Seitentüre mit der Rundform, die Schlußsteine der Kreuzrippen und das Taufbecken sind romanisch, der Chorbogen und die Eingangstüre gotisch. Nach einer uralten Volksmeinung in Südtirol muß jeder Verstorbene drei Tage bei der heiligen Gertraud verweilen, ehe seine Seele in den Himmel gelangt.

Die Nikolauskirche soll nach der Sage ihre Entstehung in Not geratenen Bergknappen verdanken. Der Flügelaltar gilt als bedeutendes Werk der Tiroler Spätgotik und stammt wahrscheinlich aus der Werkstatt des Brixener Bildschnitzers und Malers Hans Klocker. Die Magdalenakirche ist etwas größer und in ihrer heutigen Form um 1500 entstanden. Tief beeindruckt verlassen wir das "Juwel über dem Eisacktal". Bald erreichen wir Barbian, dessen Kirchturm glatt mit dem schiefen Turm von Pisa konkurrieren könnte.

Hinter Barbian müssen wir ein kurzes Stück auf der Straße gehen, aber bald steigen wir wieder hinauf zu dem Hof Ziller, um dann etwa auf gleicher Höhe mit herrlichen Ausblicken auf Plattkofel, Schlern und Rosengartengruppe zu wandern. Dann erreichen wir Lengmoos mit der Wallfahrtskirche Maria Saal und den berühmten Erdpyramiden. Auf die Schwarzseespitze zur großen Südalpenschau Ehe wir bei der Rittner Stube vom Weg Nr. 1a zum Weg Nr. 29 wechseln, können wir uns in einem Laden mit Proviant für die etwas längere Tour versehen.

Muß ich noch erwähnen, daß der Aufstieg über Bad Sieß zur Talstation der Seilbahn wieder sehr aussichtsreich wird? Zu toppen ist der Blick nur vom Ausblick, den die Schwarzseespitze bei einigermaßen guter Sicht bietet: Peitlerkofel, Geislergruppe, Grödner Tal, Sellagruppe mit Boè, Langkofel, Plattkofel, Marmolata, Schlern, Latemargruppe, Fleimstaler Berge, Trientiner Alpen, Brenta, Adamello, Presanella, Ortlergruppe und Ötztaler Alpen.

Der Abstieg nach Wangen ist völlig ungefährlich auf meist breiten und bequemen Wegen. Welcher Wandermonat ist nun besonders zu empfehlen? Der Mai, wenn die großen gelben Berganemonen zu Hunderten blühen und die Lärchen mit frischem Grün überzogen sind, oder im Oktober, wenn das Gold der Nadeln unter einem tief blauen Himmel leuchtet und der Blick bis zu den fernen, schneebedeckten Bergen reicht? Über Oberbozen nach Bozen Um von Wangen nach Oberbozen zu gelangen, müssen wir wieder etwas steigen, denn der Ritten ist hier durch den Wangenbach und dessen Seitenbäche tief zerfurcht.

Aber bald haben wir die bewaldete Schlucht hinter uns gelassen und sind wieder auf den aussichtsreichen Höhen von Oberbozen. Diese fast 1000 m über dem Etschtal gelegene Siedlung war beliebter Sommeraufenthalt der Bozener Patrizierfamilien. Hier kann man die Wanderung beenden und mit der Seilbahn hinabfahren, aber auch der Abstieg ist noch sehr schön. Genügend Zeit, langsam Abschied von dieser herrlichen Landschaft zu nehmen.

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