© Klaus-Peter Kappest

Abenteuer auf den Orkneys: Mit dem Fahrrad in die Steinzeit

Ausgabe 115 – Ausgabe 1/2004

Großbritannien

Schon vor dem Start unserer Fahrradtour merke ich: Auf diesen Inseln läuft einiges anders. Der Fahrradverleih ist ein Schuppen im Hinterhof und Personal gar nicht erst anwesend. Stattdessen ein Zettel: Wir mußten weg. Such dir ein Rad aus und wirf das Gel

Abenteuer auf den Orkneys

So funktioniert das also auf Orkneys Hauptinsel "Mainland". Von Stromness starten wir auf einen Rundkurs zu den steinzeitlichen Zeugnissen der Insel, älter als die Pyramiden und in dieser Häufung einmalig in Europa. Auf der Karte sieht die Tour nicht besonders schwierig aus: Keine dramatischen Höhenunterschiede, gute Straßen und eine moderate Gesamtlänge. Doch als wir die Stadt und den Schutz der Häuser verlassen, merken wir, was das Fahrradfahren auf den Orkneys zur echten Herausforderung macht – der ewige Wind. Da bleibt der Drahtesel schon mal stehen, obwohl die Straße bergab führt. Geht es gar bergauf und die Brise weht einem ins Gesicht, muß auch schon mal geschoben werden.

Die Plackerei lohnt sich. Bereits nach einer kurzen Radelei genießen wir einen grandiosen Blick über Stromness und die vorgelagerte Bucht. Die Inselstraße A967 führt uns vorbei an malerischen Kuhweiden und zur Rechten glitzert der Loch of Stenness, nicht nur bei den Einheimischen ein beliebter Angelsee. Obwohl unser erstes Zwischenziel etwas nördlicher liegt, entscheiden wir uns, einen Abstecher nach Yesnaby zu machen. Eine gute Idee, wie sich zeigt. Neben der tollen Aussicht ist Yesnaby bekannt für die riesigen Vogelkolonien in den brandungsumtosten Felsen. Ein tolles Bild.

Weiter geht’s Richtung Skara Brae. Das über 5.000 Jahre alte Steinzeitdorf wurde 1850 wiederentdeckt. Heute erlaubt Skara Brae einen in Europa einzigartigen Einblick in die Wohn- und Lebenswelt seiner prähistorischen Bewohner. Das Tollste: Jeder Besucher kann in den Wohnhöhlen herumklettern und das Steinzeitgefühl hautnah erleben.

Wir beschließen, auch noch das Skail House zu besichtigen. Der Landsitz ist noch immer eingerichtet wie im 19. Jahrhundert und gibt Zeugnis von seinen Bewohnern und ihrem Inselleben. Nach einem kleinen Snack schwingen wir uns wieder auf die Räder und peilen die B9055 an. Die Landstraße verläuft zwischen dem Loch of Harray und dem Loch of Stennes. Schlagartig wird mir klar, warum die Fische in diesen Seen so gut beißen. Überall schwirren plötzlich tausende kleiner Fliegen umher und berühren immer wieder leicht die Wasseroberfläche.

Ring of Brodgar

Der beeindruckende Kreis aus Megalithen ist etwa so alt wie Skara Brae oder Stonehenge im Süden Englands. Doch anders als das populäre Pilgerziel zeigt sich der Ring of Brodgar dem Besucher ohne Schutzgitter und Zäune. War der mächtige Steinzirkel Versammlungsort oder wie Stonehenge ein gigantisches Observatorium? Schon nach wenigen hundert Metern findet das Rätselraten über die Vergangenheit der Orkneys seine Fortsetzung. Hier stehen die Standing Stones of Stenness. Auch sie bildeten einst einen gigantischen Steinkreis, doch heute stehen nur noch vier der ehemals zwölf mächtigen Steinriesen. Spätestens jetzt steht fest: Die Orkney-Inseln waren in der Steinzeit eine kulturelle Hochburg.

Maes Howe – die Steinzeit-Gruft

Dabei steht ein weiterer Höhepunkt erst noch an. Als wir das Ende der B9055 erreichen, fahren wir zunächst nach links. Dort erwartet uns Maes Howe, die am besten erhaltene Steinzeit-Gruft Europas, errichtet ebenfalls vor über 5.000 Jahren. Schon der Fund war für die Archäologen eine Sensation. Doch wie groß müssen ihre Augen geworden sein, als sie das Innere von Maes Howe inspizierten? Dort stellte sich nämlich heraus, daß vor etwa 1.000 Jahren eine Horde Wikinger durch die Decke des Grabes brach. Nach dem ersten Schreck hinterließen sie Runen-Grafitti an den Wänden. Neben den kunstvollen Ritzungen von Drachen und anderem Getier finden sich dort so profane Nachrichten wie "Ottarfila war hier".

Auf dem Rückweg wird uns klar, warum die Bewohner dieser Inseln schon vor 5.000 Jahren massive Steinbauten errichteten. Holz und Lehm hätten dem zermürbenden Wind nicht lange standgehalten. So werden die sechs Kilometer mit Gegenwind noch einmal richtig lang. In Stromness eingetroffen, ist der "Rent-a-bike" noch immer verwaist. Ledig-lich ein neuer Zettel liegt auf dem Tisch vor dem Fahrradschuppen: "Hoffentlich hattet ihr Spaß. Bitte stellt die Räder wieder zurück." So funktioniert eben der Fahrradverleih auf Orkney-Art.

Downloads

Radtour in die Steinzeit.pdf (223 KB)



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 115

Ausgabe 1/2004