© Klaus-Peter Kappest

Brandenburg: Rummeln und Moränen

Ausgabe 115 – Ausgabe 1/2004

Deutschland

Kaiserwetter über dem Hohen Fläming. Der waldreiche Endmoränengürtel im Südwesten Brandenburgs ist ein wenig bekanntes Wanderparadies.

Rummeln und Moränen

Mitbringsel skandinavischer Gletscher, die vor 200.000 Jahren über die Ostsee nach Süden drängten. Die Geschiebefracht türmt sich hier auf erstaunliche 200 Meter Höhe. Hoch genug, um bei klarer Sicht sagenhafte Fernsichten zu haben. Eine sanft-hügelige Buckelwelt mit ausgedehnten Waldflächen, an deren Rändern viele kleine Bäche mit klarem Wasser entspringen.

"Bei dem Wetter muß man raufgehen!" Der Tip der Naturparkwächterin im Infozentrum von Raben ist Gold wert. In dem massigen Bergfried von Burg Rabenstein herrscht lebhafter Verkehr. Als wir dann auf der luftigen Plattform stehen, wissen wir auch, warum. Ein dichter Blätterwald staffelt sich in der Tiefe des Horizonts. Die Aussicht ist einfach sagenhaft. Berg und Tal. Munteres Auf und Ab mit einem dichten Blätterdach. Der Blick fliegt, findet nur Halt, wenn man nördlich von der Hügelkette abschweift und einen Ort, eine Kirche, einen Turm fixiert. Ein junger Familienvater fabuliert mit seinen zwei Dreikäsehochs. Für sie ist der Turm einfach der Ausguck eines Piratenschiffs: "Die Schildmauer dort hinten ist der Bug, und die Scheune unter uns das Heck." Glänzende Assoziationen. Dann müssen die ungezählten Baumwipfel das Meer sein. Wir hier oben als Waldpiraten auf der Suche nach fetter Beute. Was denn dann der Ort Raben und der Sendemast dort drüben wären, wollen die Wichtelmänner mit ihren leuchtendroten Miniaturruck-säcken wissen. "Ganz einfach, der Ort ist der schützende Hafen, und der Antennenmast ist der Leuchtturm, der uns vor Untiefen warnt." Die Jungs sind zufrieden und zupfen an Vaters Gürtelschlaufen: "Wann wandern wir denn endlich durch den Ozean?"

Die Wege des Wassers

Anderntags – wir sind bereits kurz nach Sonnenaufgang aus den Betten – steigen wir nach Garrey auf. In einer Wiesensenke, wir trauen unseren Augen nicht, liegt ein Rothirsch mit seinen Begleiterinnen. Entsetzt nehmen die eleganten Tiere Reißaus. Das Erstaunen beruht auf Gegenseitigkeit. Anlaß für ein ausführ-liches Brombeerfrühstück. Verführerisch und prall warten die schwarzen Früchte nur darauf, in unseren Mündern versenkt zu werden. Spinnenfäden glitzern im feuchten Gras. Man spürt, daß der Herbst vor der Türe steht. Auf in die Neuendorfer Rummel. Wie ein Hohlweg schlängelt sich ihre schmale Rinne mit steilen Talwänden kilometerlang talwärts. Vorwitzige Sonnenstrahlen durchdringen das dichte Blätterdach, zeichnen Lichtflecke auf den sandigen Boden. Wo sind wir hier? Rummeln sind Wege des Wassers.

Es geschah zur Eiszeit vor undenkbar vielen Tagen. Das Land war noch meterhoch mit Eis bedeckt. Als die Gletscher zu schmelzen begannen, suchten sich Schmelz- und Regenwasser eigenwillige Wege. Weil das Wasser nicht in dem Dauerfrostboden versickern konnte, floß es oberirdisch ab und grub sich in die Moränenlandschaft kleine, steilwandige Abflußrinnen, die Rummeln. Geniale Wanderwege. Brautrummel, Springer Rummel und Neuendorfer Rummel heißen die bekanntesten unter ihnen. Laubbäume säumen die steilen Wände. Begeistert von der eigenwilligen Stimmung dieses Wanderweges laufen wir den Weg noch einmal zurück.



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