© Klaus-Peter Kappest

Niedersachsen: Nah und doch so fern

Ausgabe 115 – Ausgabe 1/2004

Deutschland

Da liegt es gemächlich und träge vor uns: Das alte Wrack des Muschelbaggers Pionier. Seit 1967 rostet es hier am Ostende von Norderney vor sich hin.

Nah und doch so fern

Mit jedem Sturm wird es millimeterweise weiter eingesandet. Mein letzter Besuch hier liegt bereits fünf Jahre zurück, doch ich meine, damals hätte ich das aufgesprayte, jetzt nur noch zu erahnende "Das Schiff steht unter der Leitung von Herrn und Frau ..." an der Bordwand noch vollständig lesen können. Ein herrliches Fleckchen! Irgendwie denke ich beim Anblick gestrandeter Schiffe immer gleich an die berühmten Seeabenteurer wie Käpt‘n Ahab oder den Seewolf.

"Jetzt haben wir uns aber eine ausgiebige Rast verdient", freut sich Thurid, meine Freundin von der Insel, und zaubert Ostfriesentee und Butterkuchen aus ihrem Wanderrucksack hervor. Seit gut viereinhalb Stunden laufen wir schon an der vom ersten Herbststurm aufgewühlten nördlichen Waterkant Norderneys entlang. Weiße Düne und FKK-Strand, Meersenf, Strandhafer und Rippelfelder. Wir sind immer bedacht, nicht auf einem der langen, nach Westen offenen Strandriffe blind vor einem Strandpriel zu enden. Doch es kommt mir vor, als wären wir möwengleich am Strand und den Wellen entlang geflogen, angeschoben durch den steifen Westwind. Unmengen frischer reiner Luft getankt. Dauernd trieft die Nase. Doch dies ist ein gutes Zeichen: Das Jod und andere Meeressalze in der Luft befreien die Atemwege – eigentlich müßte so ein Wanderurlaub an der deutschen Nordseeküste von der Krankenkasse bezuschußt werden.

Hinterm Horizont

Die unglaubliche Weite hier am entlegenen Ostheller ist selbst zur turbulenten Hochsaison von friedvoller Einsamkeit. Ulkig ist nur, auf der anderen Seite des Wichter Ees – des schmalen Seegats zwischen Norderney und Nachbarinsel Baltrum – zum Greifen nah plötzlich so viele Menschen auf der Strandpromenade flanieren zu sehen. Man ist versucht, einfach hinüberzuschwimmen. Doch solch einen Wagemut müßte man möglicherweise mit dem Leben bezahlen, da in dem bis zu zwölf Meter tiefen Seegat starke Strömung herrscht. Überhaupt ist hier draußen Vorsicht geboten: "Wilde Katt", so nennen die Norderneyer plötzlich aufziehenden Seenebel, da er wie eine Katze unbemerkt heranspringt. Doch momentan zeigt die Sonne häufig ihr spätherbstliches, immer noch kräftiges Gesicht. Sie liefert sich mit den imposanten Wolkengebilden am Himmel eine faszinierende Schlacht um die Vorherrschaft.

Kurs Peilbake

Nachdem wir die letzten Kuchenkrümel verspeist und den nahen Seehunden in ihrem abgezäunten Bereich beim Faulenzen zugeschaut haben, treten wir den Rückweg an. Diesmal wählen wir die Variante über die Inselmitte, passieren die Rattendüne und nehmen Kurs auf die Möwendüne. Während der Brutzeit sind die Möwen hier recht angriffslustig. Doch das Geschäft ist bereits seit einigen Wochen beendet. So wagen wir, zu der hohen Peilbake hinaufzusteigen und genießen den Ausblick. Im Süden breitet sich das von dem Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut geprägte Wattenmeer aus. Kleine Gräben, sog. Grüppen, durchziehen die Salzwiesen, in denen sich der alljährlich im Herbst rot verfärbende Queller abhebt. Der Himmel zieht sich ein wenig zu, und wir erkennen schon das Leuchtfeuer des Signalturms, dem wir zwischen vorbeihuschenden Kaninchen und unter dem Geschrei der Möwen und Austernfischer entgegengehen.



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