© Klaus-Peter Kappest

Schleswig-Holstein: Katen, Knicks und Kreten

Ausgabe 115 – Ausgabe 1/2004

Deutschland

Erste Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Ich erklimme die letzten Meter des Aschbergs. Geschafft! Erstmal tief durchatmen.

Katen, Knicks und Kreten

Gut, zugegeben: Der Anstieg war zwar steil, aber nicht allzu lang. Der Aschberg zählt zu den höchsten Erhebungen der Hüttener Berge, ist aber mit seinen knapp 98 Metern nicht gerade ein Himmelsstürmer. Um so mehr überrascht mich das herrliche Panorama, das auch der imposante Fürst Bismarck hier schon seit vielen Jahrzehnten genießt. Im leichten Dunst dieses sonnigen Spätnovembertags reicht mein Blick über Bisten- und Wittensee bis zum Nord-Ostsee-Kanal. Gen Ostenist die Eckernförder Bucht zu erkennen, und bei richtig klarer Sicht soll man sogar von der Schlei bis nach Kiel über das Wikingerland schauen können.

Vor meinen Füßen schlängeln sich zahlreiche Knicks über die sanften Wellen des lieblichen Schoothorster Tals, dem Herzstück der wertvollen Kulturlandschaft des Naturparks Hüttener Berge. Das im 18. Jahrhundert vom dänischen König erlas-sene Verkoppelungsgesetz ließ die Knicks aus dem Boden sprießen. Nachdem das Land neu aufgeteilt war, sollten die Bauern ihre Felder eingrenzen. Dazu häuften sie Steinwälle auf, die sie mit Erde bedeckten und mit Hasel, Schlehe oder Hainbuche bestockten. Das Holz wurde geknickt und in die Erde gesteckt, damit es von neuem austrieb.

Erst kürzlich hat man eine fast in Vergessenheit geratene Knickbewohnerin wieder entdeckt: Die Krete oder Knicke, eine alte Wildpflaumenart. Heute morgen habe ich mir im Redderhus, dem modernen Infozentrum für die Naturparke Aukrug, Westensee und Hüttener Berge, ein Glas mit Kretenmarmelade gekauft. Hmm, mit frischem Weißbrot ein idealer Wandersnack, erfrischend süß-sauer.

Die Picknickpause ist wohlverdient. Schließlich bin ich schon von Lottorf durch das Wester Moor nach Brekendorf gewandert. Einzelne Birken heben sich dort in der Weite der Moorfläche von den herbstlich goldgelb schimmernden Grä-sern ab. Moore sind typisch für die Flache Geest, den Übergang vom Geestrücken zum östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins, wo die Gletscher der jüngsten Weichsel-Eiszeit als bewegte Landschaftsarchitekten walteten. Nicht nur die besonders ausgeprägten Endmoränen Hüttener Berge oder die mächtigen Find-linge am Wegesrand bezeugen dies auf meiner Tour, sondern auch der romantische, mitten im Brekendorfer Forst gele-gene Rammsee, ein Toteissee. In der blanken glatten Oberfläche spiegeln sich verwunschen die umgebenden Bäume zwischen Seerosen und Schilf.

Mich fröstelt ein wenig, und so mache ich mich an den "Abstieg", um zum Redderhus in Holzbunge zurückzukehren. Ein Redder ist übrigens ein Doppelknick, also ein beiderseits von Knicks gesäumter Weg. Vorbei geht es an einigen reetgedeckten Katen, die Häuser der Hufner oder Kätner, die zu Hand- und Spanndiensten für den Bauern verpflichtet waren. Baulich sind die Katen nicht von den Häusern der Vollbauern zu unterscheiden. Im Redderhus war früher (und ist auch heute wieder) ein Krog, d.h. eine Gastwirtschaft, in der auch Hökerei betrieben wurde, also nach strenger Vorschrift der Landesherrn bestimmte Güter wie Zucker, Kaffee und Brot verkauft werden durften. Barschfilet "Wittensee" auf pikantem Sauerkraut, das wär’s doch! Meine hungrigen Gedanken eilen zu einem der urigen Krogs voraus.



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 115

Ausgabe 1/2004