© Klaus-Peter Kappest

Tomintoul: Glens, Bens & Burns

Ausgabe 115 – Ausgabe 1/2004

Großbritannien

Das Tal der slippery smooth places ist nicht nur Namensgeber eines berühmten Whiskys, sondern auch von berauschender Schönheit.

Darren, Maischen, Brennen – Whiskykrieg in Tomintoul

Ian Birnie rümpft die Nase. "Wieder einer, den sie reingelegt haben!" Meint der mich? Ich schaue Andrea verdattert an, die bei Ians Frau Michelle zwei Portionen Fish & Chips bestellt. "Da, der Whisky in deiner Tüte, die gleiche Flasche gibt es hier zwei Pfund billiger!" Ian betreibt seit 25 Jahren Tomintouls einzigen Tante-Emma-Laden. Imbißstube, Lebensmittelgeschäft, Whiskyshop, Geschenkeboutique und landwirtschaftliche Gerätschaften auf vielleicht 40qm Fläche. Das Chaos hat einen Namen: Mace Foodstore. Tomintoul, Heimat des Campbell`s 100-proof Tomintoul Special. Ein Verschnitt aus verschiedenen Maltwhiskys diverser Speyside-Destillerien.

Der Morgen im Glen Livet startet bei bewölktem Himmel. Bens und Glens in frühherbstlichen Farben um uns herum. Ein Fläschen Campbell‘s 100-proof Tomintoul Special am Ufer des River Livet und der Schlaf war tief. Das Tal der "slippery smooth places" ist nicht nur Namensgeber eines berühmten Whiskys, sondern auch von berauschender Schönheit. Braes of Glenlivet, das Hochland des Glenlivet, lesen wir in der Wanderkarte. Ein Wanderwegenetz führt auf verschlungenen Schmugglerpfaden u.a. nach Glenfiddich oder zur erst kürzlich aufgegebenen Distillery "Braes of Glenlivet".

Torf, Gerste & quellfrisches Wasser

1644 trieb König Charles I. die ungezählten Destillerien der Highlands und auf den schottischen Inseln mit einer drastischen Steuerabgabe auf Alkohol in die Illegalität. Bis zum Ende des Whiskykriegs 1823 darrten, maischten und brannten die Clans in entlegenen Hochtälern. Ein schwunghafter Schmuggel mit den hochprozentigen Malts hielt über nahezu zwei Jahrhunderte Obrigkeit, Whiskyschmuggler und -brenner in Atem. An den östlichen Ausläufern des Cairngorm-Nationalparks, um Tomintoul, Glenlivet, Toumnavoulin oder Glenfiddich standen einst mehr als 40 illegale Destillerien. Man sollte die Besichtigung einer Destillery, empfehlenswert sind Glenlivet und Glenfiddich, unter keinen Umständen versäumen. Von alledem ist an diesem trüben Morgen am River Livet nichts zu spüren. Weil der muntere Fluß von riesigen Mooren gespeist wird, ist das Wasser lauwarm. Heute ist uns nach raumgreifenden Schritten. Strekke machen, den Whiskynebel auspowern. Wir entscheiden uns für eine Tour durch den Glen Avon. Startpunkt gleich oberhalb von Tomintoul. Überraschenderweise entpuppt sich das erste Teilstück als fruchtbares Stückchen Erde. Streuobstwiesen, saftige Weiden, Ackerland. Kleine Farmhäuser ducken sich an die sanft herabschwingenden Berge. Immer tiefer dringen wir in das Tal ein. Die Ausläufer der Cairngorms rücken näher. Immer höher überragen sie das Tal. Baumlose, runde Kuppen. Sie tragen einen üppigen Pelz aus violett blühender Heide. Der schmale Fahrweg senkt sich auf und ab über Moränenhügel, enger und enger wird das einstige Gletschertal. Wir erreichen Inchrory Lodge. Jägers Traum. Militärstation auf der Suche nach Whiskyschmugglern, heute komfortable Lodge für Jäger. Beim Queren des River Avon will Andrea barfuß durch das knietiefe Wasser waten. Weil sie die Wanderschuhe nicht um die Schultern hängt, sondern in die rechte Hand nimmt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Auf den glitschigen Steinen verliert sie den Halt und landet samt Schuhen im Wasser. Platsch!

Um die Wette röhren. Als wir das Ende eines staubigen Pfades auf rundgehobelten Höckern in 700 Metern Höhe erreichen, senkt sich die Sonne bereits im Westen zum Horizont. Unbeschreiblich, wie das schräg einfallende Licht die Gebirgslandschaft konturiert. Welche Reliefenergie! Schwarz zeichnen sich die Gebirgsfalten ab, das ganze Land eine Plastik. Bergab echoen die Brunftschreie der Rothirsche. Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig Herden können wir mit dem Fernglas ausmachen. Wir röhren mit den Hirschen um die Wette. Animalisch schön.



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