© Klaus-Peter Kappest

Konrads Überquerungen: Frankenhöhe

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Deutschland

Rothenburg ob der Tauber ist nach Baedeker ein historisches Denkmal von einzigartigem Reiz, das dem Besucher in voller Lebendigkeit vergangene Jahrhunderte vor Augen stellt.

In zwei Tagen über die Frankenhöhe

Das Rathaus am Marktplatz aus einer gotischen Schmalseite und einem Renaissanceteil, die frühgotische Franziskanerkirche und die St. Jakobskirche aus der Zeit um 1400 mit dem Altar von T. Riemenschneider aus unbemaltem Lindenholz gehören in der Tat zu den bedeutenden Kunstschätzen Frankens. Jährlich zum Pfingstfest findet das Festspiel "Meistertrunk" zur Erinnerung an Bürgermeister Nusch statt, der am 30.10.1631 vor den Augen des kaiserlichen Ferldherrn Tilly einen Humpen mit 3 Liter Wein in einem Zug geleert haben soll und damit die Stadt vor der Zerstörung und den Rat vor dem Tode rettete.60 Meter tief hat sich die Tauber hier in das Muschelkalkgestein eingeschnitten. Ihr Tal ist auch im Stadtbereich dicht bewaldet und führt an zahlreichen Mühlen vorbei, von denen wir uns gerne an manches Gedicht und Lied erinnern lassen.

Auf die Frankenhöhe

Wenn man bei Bockenfeld aus dem Taubertal den terrassenförmigen Aufstieg beginnt, gelangt der Wanderer zunächst auf eine breite Verebnung, über der sich der bewaldete Kamm der Frankenhöhe nochmals deutlich erhebt. Hier hat man vermutlich den schönsten Fernblick auf das mittelalterlliche Kleinod Rothenburg. Der steile Aufstieg aus dem Waldgebiet des Laubersberges führt bald zu einer aus Sandstein gebildeten Verebnung, auf der Faulenberg liegt. Durch die abwechselnde Folge von harten und weichen Schichten des Keupergesteins kommt der überaus charakteristische Stufenrand der Frankenhöhe zustande. Ein grandioses Reliefprofil.

Ein Barockschloß auf der Frankenhöhe

Über dem ehrwürdigen Schillingsfürst stand bis zum 17. Jahrhundert eine wehrhafte Burg, die nach ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg 1632 nie wieder vollständig aufgebaut wurde. Um 1705 begann die Errichtung des heutigen Schlosses. Es war die Zeit, als weltliche und kirchliche Feudalherren in Franken an vielen Orten glanzvolle Bauten errichten ließen. Schloß Schillingsfürst gehört zu den schönsten weltlichen Barockbauten Frankens. Die zu besichtigende Ausstattung zeigt vor allem Werke des 19. Jahrhunderts und die mannigfachen Beziehungen des Fürstenhauses zu den Zentren der damaligen Weltmächte in Berlin, Paris, Wien und Petersburg. Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst war von 1894 bis 1900 sogar Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm II. Ein Fürst von Hohenlohe, so erfährt der erstaunte Besucher, pflegte innige Freundschaft zu Franz Liszt, der mehrmals das Schloß besuchte. Das Ochsentretscheibenpumpwerk von Schillingsfürst ist eines der bedeutendsten technischen Kulturdenkmäler Deutschlands. Als das Schloß erbaut wurde, fehlte auf dem Sandsteinuntergrund natürlich das Wasser. Not macht bekanntlich erfinderisch und man baute über einer etwa 1,5 km entfernten Quelle eine Pumpe mit einer Förderleistung von 40 Liter pro Minute. Ein Ochse sorgte für die nötige Energie und das Wasser wurde in einem Hochbehälter gespeichert und durch hölzerne Rohrleitungen dem Schloß zugeführt. Auch das Brunnenhaus ist auf der Tour zu besichtigen.

Der Kampf um die Wasserscheide

Die nach Südosten fließende Altmühl und Wörnitz mit ihren Zuflüssen entwässern über die Donau zum Schwarzen Meer. Die Tauber und die "zuliefernden" Bäche bringen das Wasser über den Main und Rhein in die Nordsee. Während die "danubischen" Täler breite Talböden mit Wiesen, Feldern und sehr geringem Gefälle aufweisen, sind die zum Rhein führenden Bachrinnen im Bereich der Frankenhöhe meistens im Wald gelegen sowie schmal und steil. Diesen Unterschied kann man während der Wanderung ständig beobachten. Je größer das Gefälle eines Gewässers, desto stärker arbeitet es in die Tiefe und dadurch auch rückwärts in den Berg. Aus diesem Grund erobern die rheinischen Bäche immer mehr Quellgebiete der danubischen Gewässer. Mit dem Wissen um diesen Kampf der Flüsse ist das Wandern doppelt spannend.

"Ein rätselhaftes Naturphänomen" schrieb eine Zeitung, als im April 1957 bei Obergailnau an einem steilen Hang, auf einer Höhe von 10 m, einer Breite von 20 m und einer Länge von 200 m Sandstein mit Urgewalt zu Tal stürzte. Bäume und Sträucher wurden umgerissen und teilweise begraben. Bereits vorher traten hier im oberen Hangbereich Zerklüftungen auf, in die das Wasser eingedrungen war und deren Spalten der Frost Stück für Stück erweitert hatte. Die starke Durchfeuchtung der unter dem Sandstein liegenden tonigen Schichten schuf eine Gleitfläche, auf der die Sandsteinblöcke dann irgendwann abrutschen mußten. An der oberen Abrißlinie trat zunächst nur ein schmaler Spalt auf, den man anfänglich noch überspringen konnte. Im Frühjahr 1957 öffnete sich dann die Spalte plötzlich 10 m tief und 8 m breit, und die Naturkatastrophe nahm ihren Lauf. Das Ereignis zeigt uns deutlich, daß jedes situative Landschaftsbild stets nur eine Momentaufnahme darstellt.

Erinnerungen

Diese Überquerung bin ich schon mehrfach gegangen. Im Vorfrühling, als der gelbe Blütenstaub der Haselnußsträucher unter dem tiefblauen Himmel vom Wind verweht wurde. Im April, wenn auf den Wiesen die Schlüsselblumen blühten und die Knospen aufbrachen, im Mai mit dem melodischen Ruf des Kuckucks als Begleitung, im Oktober in der Farbenfülle des Herbstes und noch im letzten November bei trübem Himmel durch das raschelnde Laub. Ein Erlebnis war es immer. Eines von denen, die ich nicht missen möchte.

Ausrüstungstips

Wanderschuhe, die über die Knöchel reichen, mit guter Profilsohle. Kurze Strümpfe oder Kniestrümpfe je nach Jahreszeit und Wetterlage (siehe unten), Funktionsunterwäsche, die den Schweiß aufnimmt und an die nächste Schicht leitet. Dazu ein geeignetes Hemd oder T-Shirt (atmungsaktiv), Wanderhose je nach Jahreszeit und Wetterlage, Fleecejacke. Inzwischen sind sogenannte Softshell-Jacken auf dem Markt, die hoch atmungsaktiv und extrem leicht sind und in der Regel einen kurzen Regenschauer oder Nieselregen "verkraften". Mütze, Anorak und Regenschutz (bei Gewittergefahr ist der Umhang immer dem Regenschirm vorzuziehen), Reservewäsche, T-Shirt, leichte Hose, dünner Pullover und leichte Hausschuhe in einer Plastiktüte regensicher verpackt. Im Winter ist bei entsprechender Wetterlage zusätzlich eine ärmellose Daunenjacke zu empfehlen, eventuell Teleskopwanderstöcke.

  • Bei Gefahr von überfrierender Nässe, Eis und hart getretenem Schnee sind für die Schuhe sog. Schneekrallen zu empfehlen (Gewicht ca. 100 g pro Paar).
  • Kleine Seife, kleine Zahnpaste, Zahnbürste, Waschlappen, Tempotaschentücher und Kamm, Nähzeug, event. eine kleine Menge Fußcreme.
  • Hansaplast, Leukoplast, elastische Binde 8 cm breit, Klammerpflaster, kleine Tube Wundsalbe, kleines Fläschchen flüssiges Desinfektionsmittel, Zeckenzange, Nadel, Pinzette, kleines Taschenmesser, einige Schmerztabletten, die auch bei Zahnschmerzen geeignet sind, ein kleines Stück Schaumgummi gegen Druckstellen im Schuh, Blasenpflaster, Sonnenbrand-Schutzmittel und persönliche Medikamente.
  • Personalausweis, Geld, kleines Notizbuch mit wichtigen Telefonnummern, insbesondere die der bestellten Unterkunft, Fahrpläne, Landkarte und Kopie aus dem Führer, Handy, ggfs. Kompaß, durchsichtige Plastiktüte geeigneter Größe für die Landkarte bei Regen.
  • Wasservorrat und z.B. zwei Semmeln als eiserne Ration auch bei geplanter Einkehr, eventuell Vitamin-Mineralsalz-Kombinationspräparat zum Auflösen im Wasser bei hohen Temperaturen.
  • Eventuell kleiner Fotoapparat mit frischen Batterien und kleines Fernglas.

Ihr Rucksack sollte, einschließlich einem Liter Wasser, ein Gesamtgewicht von 8 kg nicht wesentlich überschreiten.



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 116

Ausgabe 2/2004