© Klaus-Peter Kappest

Lappland: Aus der Taiga in die Tundra

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Finnland

Aus der Taiga in die Tundra – Wanderungen in Lappland.

Aus einem Lappenmärchen

"Gott hatte die Welt erschaffen und alles war ihm wohlgeraten. Aber in seinen Händen hielt er noch einige Häuflein überflüssige Schöpfungsmasse, nur so ein tausend Geviertkilometer Ödland, einige Fjorde und Wildflüsse, viel Rentiermoos und wohl eine Million Felsbrocken, die meisten mehr als mannshoch. Er warf all dies Unnütze ganz hoch im Norden an den Rand des Eismeeres, dort, wo niemand wohnte und wo es niemand störte. Das ist dann die Tundra geworden, der nördlichste Teil Lapplands. Als der Herr aber entdeckte, daß die Menschen auch in diese entlegenen Landstriche wanderten, bescherte er ihnen zum Trost und zur Freude das Geschenk seiner Mitternachtssonne und das magische Leuchten des Nordlichtes."

Im Tal des Ounasjoki bei Enontekiö erinnern die mächtigen Sanddünen an ferne Küstenlandschaften. Dabei handelt es sich um Zeugnisse der letzten Eiszeit und deren Gletscher schmolzen vor gerade mal 9.000 Jahren endgültig dahin. Schmelzwässer haben den Sand aus den gigantischen Moränen ausgeschwemmt und der Wind hat sie seither immer wieder verfrachtet. Sanddünen in Lappland – unglaublich! Wenige Kilometer südlich des Ounasjoki beginnen bereits diese runden, baumlosen, sanft geschwungenen Berge. Tunturis nennen sie die Finnen. Klingt irgendwie exotisch. Die Vielseitigkeit der Landschaft des Pallas-Ounastunturi Nationalparks fasziniert. Wir steigen bedächtig auf, verlassen schrittweise den Wald und blicken auf die letztenvereinzelntenBäume hinab. Freier Blick in alle Richtungen. Hier sieht man das Wetter sprichwörtlich kommen. Ein Wäldermeer unter uns und in der Ferne des Westens konturenreich geschwungene Berge, höher als die Gipfel hier und bereits in Schweden liegend. Keine Siedlung oder Spuren menschlicher Werke zu sehen. Die große Einsamkeit, die Wildheit, das Abenteuer Natur gibt es noch in Europa. Die Berge um Enontekiö gehören zu einem vor 2 Milliarden Jahren entstandenen Gebirge, das dann stark abgetragen und viel später durch die letzte Eiszeit um einige Meter zur heutigen Form abgeschliffen wurde.

Not macht erfinderisch

Michael starrt nachdenklich auf die Steine unter unseren Füßen. Flechten in verschiedenen Farben, filigrane Muster. Sie überziehen in einem regellosen Mu-ster das Gestein, selbst dort, wo sonst nichts mehr wächst. Es handelt sich um die anspruchlosesten Landlebewesen. Selbst bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt können sie mit Hilfe des Sonnenlichts aus dem Kohlenstoffdioxid der Luft und mit Wasser noch Nährstoffe aufbauen. Da sie viele Jahrhunderte alt werden können, haben sie Zeit zum Leben, es genügt ihnen, nur einige Millimeter im Jahr zu wachsen. 1000 verschiedene Flechtenarten soll es in Finnland geben, und viele sind in ihrer Färbung und Gestalt so schön wie Blumen.

"Wer den Ruf der Wildnis je vernommen, dem Freude nun im Auge glänzt"

Plötzlich hören wir einen schwermütigen Ruf "Tlü-i" und erkennen einen unscheinbaren Vogel mit dunkler Bauchseite und wießen Streifen an der Seite. Der Winzling ist für diese klimatischen Bedingungen ein Überlebenskünstler. Es ist der hier vermehrt anzutreffende Goldregenpfeifer (Zylli), ein Verwandter des Goldregenpfeifers. Wir versuchen ihn zu fotografieren. Er läßt uns ziemlich nahe heran, aber einen bestimmten Fluchtabstand dürfen wir nicht unterschreiten. Michael ist glücklich, wie schätzt man doch in der Einsamkeit ein weiteres Lebewesen! Vor den langen Wintermonaten ziehen alle Vögel außer dem Alpenschneehuhn und dem Moorschneehuhn in wärmere Gefilde.

Und brennt unser Feuer an gastlicher Statt …

Am Nachmittag erreichen wir einen Rastplatz mit Feuerstelle in einer tief eingekerbten Bergflanke. Ein Bach gurgelt darin, Birken haben sich angesiedelt. Michael hat alles für eine rustikale Brotzeit dabei: Messer, Streichhölzer und reichlich Würste zum Grillen. Holzvorräte sind in Hülle und Fülle in einer eigens dafür gebautem Schuppen neben der Wildmarkhütte gestapelt, bald lodert das Feuer. Andere Fernwanderer kommen hinzu. Einige kochen in der Hütte, andere ra-sten am Bach. Das Feuer wärmt uns angenehm und die auf zugespitztem Holzstab gespießten Würste verströmen bruzzelnd wohlriechende Düfte. Im Nationalpark Pallas-Ounastunturi gibt es entlang der Route zur Überquerung (man rechnet ca. 4- 5 Tage) mehrere solcher Rastplätze mit Feuerstellen und geöffneten Übernachtungshütten. Sicherheitshalber sollte man jedoch ein Zelt dabei haben.

Die Saamen, das Urvolk des Nordens

Als wir Richtung Ketomella weiterziehen, fühlen wir uns wie Trapper. Anoraks, die Haare, die Gesichter verströmen den Geruch nach Feuer und Wildnis. Später treffen wir auf einige Weidezäune. Das Areal des Nationalparks gehört nämlich zu den Weidegründen verschiedener Rentier-Genossenschaften. Rentiere bildeten über Jahrtausende hinweg die wichtigste Lebensgrundlage der Saamen oder auch Lappen, wie sie früher bezeichnet wurden. Sie lebten teil-weise als Nomaden in völliger Harmonie mit der Natur, und die heutigen Saamen sind stolz darauf, daß ihre Vorfahren dieses Land ohne Umweltbelastung bis zur Gegenwart erhalten haben. Ca. 7.500 Saamen leben heute in Lappland. Sie sind inzwischen seßhaft geworden und gehören der evangelisch-lutherischen Kirche an. Die Rentierzucht prägt für einige Saamenfamilien auch heute noch den Alltag. Ein Leben in nahezu völliger Einsamkeit. Durch uralte Moore schlängelt sich unser Pfad. Keine Menschenseele zu hören, geschweige denn zu sehen. Wir glauben, den Lockruf der Wildnis deutlich zu vernehmen.



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