© Klaus-Peter Kappest

Naheland: Edelsteine, Kultur, Thermalwasser, Wein

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Deutschland

Es ist Anfang Februar. Die Wintertage waren ausgefüllt mit Arbeit am Schreibtisch, Langlauf und alpinem Skilauf – schön, aber endlich sind wir wieder auf der Wanderschaft.

Edelsteine, Kultur, Thermalwasser, Wein

Laue Luft aus südlichen Gefilden strömt nach Deutschland und lockt uns ins Naheland. Die Wiesen sind hier bereits wieder tiefgrün, der Waldboden noch vom Laub des Herbstes bedeckt, mildes Licht umhüllt die Landschaft, und immer wieder findet die Sonne ein Wolkentor im dünnen Gewölk des Himmels. Verhaltener Vogelgesang klingt durch den Wald. Noch ist Winter, aber die Natur ist erfüllt von Frühlingserwartung und wir nicht minder.

Untere Nahe – ein felsiges Rückzugsgebiet für seltene Pflanzen und Tiere

Der Rotenfels gehört zu den gewaltigsten außeralpinen Felsen in Deutschland. Er ist über 200 m hoch und mehr als einen Kilometer lang. Der gegenüberliegende Rheingrafenstein ist nicht weniger imposant. In der ausgehenden Altzeit der Erdgeschichte vor etwa 270 Millionen Jahren ist hier Magma hochgestiegen und zu einem Gestein erstarrt, das als Rhyolith bezeichnet wird. Es ist rötlich gefärbt und enthält gut sichtbare Einsprenglinge aus hellem Quarz und rötlichem Feldspat, der durch die Verwitterung mattweiß wird. Die auffälligen, oft steil stehenden Trennflächen bildeten sich während der Abkühlung des Gesteins. Die Nahe zerlegte dann, beginnend vor etwa 600 000 Jahren, das Massiv, und es entstand die wilde Felsenlandschaft mit Türmen, Graten, Zacken, Platten und Schluchten. Sie eignet sich ideal als Rückzugsgebiet für teils sehr rare Lebewesen.

Heute sind viele Wanderer unterwegs, grüßen und sind offensichtlich erfreut über das Geschenk dieser stimmungsvollen Stunden. Das Leben präsentiert sich hier in großer Vielfalt: Die Felsen sind von Flechten überzogen, Moose grünen dazwischen und ab Anfang März blühen dann die großen violetten Küchenschellen und das leuchtend gelbe Berg-Steinkraut. Im April fallen die Felsenbirnen mit ihren weißen Blüten auf, und im Frühsommer verbreiten die fleischfarbenen Blüten des Diptams einen betörenden Duft. Zu dieser Zeit "schmetterlingt" es heftig an den Felsen: Schwalbenschwanz und der nördlich der Alpen seltene Segelfalter gaukeln herum. Verständlich, daß beide Felsen Naturschutzgebiete sind.

Der Hunsrück – anregend für Wanderer

Der Hunsrück, eines der größten geschlossenen Waldgebiete Deutschlands, ist von Höhenzügen aus hartem Quarzitgestein durchsetzt, das viele gute Aussichtspunkte mit herrlichen Fernblicken bietet. Sümpfe, Hochmoore und teilweise unwegsame, tief eingeschnittene Täler verstärken den Charakter einer naturnahen Landschaft mit erstaunlicher Reliefenergie. An den Talflanken findet man oft Quarzitschuttfächer, die Rosseln. Wir stehen am Mörschieder Burr und blicken über die Felsen am Berghang. Weit reicht an diesem Tag der Blick über die Hochfläche des Hunsrücks und gibt die ganze Herrlichkeit eines mitteleuropäischen Waldgebirges preis. Berühmt ist der Hunsrück aber natürlich auch durch seinen Schieferreichtum. Die edlen schwarz-blauen Schindelplatten wurden früher oft auf Dächern und an Hausfassaden verbaut. Den Abbau in den Gruben demon-strieren heute Besucherbergwerke, Museen und ein geologischer Lehrpfad. Im frühen Erdaltertum, vor etwa 390 Millionen Jahren kam es in einem flachen tropischen Meer zu Ablagerungen mit hohem Tongehalt, der später durch Druck und Hitze zu Tonschiefer gepreßt wurde. Der Hunsrückschiefer ist an manchen Stellen außerordentlich reich an gut erhaltenen Versteinerungen, so sind z.B. die Seesterne von Bundenbach weltberühmt. Es sind Glanzpunkte jeder Wanderung.

Edle Steine – Faszinosum der oberen Nahe

Während an der unteren Nahe das Magma weitgehend im umgebenden Gestein stecken geblieben ist, gelangte es an der oberen Nahe an die Erdoberfläche und breitete sich dekkenförmig aus. Durch den Gehalt an flüchtigen Bestandteilen bildeten sich im Glutfluß Hohlräume, die nicht entweichen konnten und sich teilweise zu großen Blasen vereinigten. Im weiteren Verlauf der Abkühlung kamen hier verschiedene Minerale zur Abscheidung, insbesondere Amethyst, Achat und Chalcedon. Bis 1,5 m Durchmesser können diese "Mandelsteine" messen. Es wird vermutet, daß bereits die Römer nach diesen Steinen gesucht haben und Hildegard von Bingen hat ihnen einige Verse gewidmet. Im 16. Jahrhundert begann der systematische Abbau und das Schleifen der Minerale mit Wasserkraft.

Auf unserer Wanderung von Bergen nach Kirnsulzbach kommen wir an einem mächtigen Felsen aus vulkanischem Gestein vorbei. Auf der andern Seite des Weges ist der Hang von Haselnußsträuchern bedeckt, deren Kätzchen sich in dem mildem Frühlingswind wiegen. Hier ist es vereint: das Naturerlebnis des Augenblicks und das schier unendlich alte Werden der Felsen. Heute kann der Wanderer eine Edelsteinmine nicht nur bestaunen, sondern selbst Hand anlegen und nach Edelsteinen schürfen. Eine historische Wasserschleiferei und das Edelsteinmuseum in Idar-Oberstein zeigen, was die Profis finden und wie sie den Steinen ihre Schönheit entlocken.

Burgen, Klöster, Ruinen – Macht und Vergänglichkeit

Die Nahelandschaft geizt auch nicht mit historischen Denkmälern: Auf dem steilen Felsen südlich der Nahe bei Bad Münster hockten im Mittelalter zwei Burgen. Die östliche bewohnte der "Rheingraf vom Stein". Rheingrafenstein heißt heute der ganze Berg. Spanier eroberten 1620 die Burg und Franzosen sprengten sie 1688 zu Ruinen. Auf der benachbarten Ebernburg wurde 1481 Franz von Sickingen geboren, der später dem Reformator Ulrich von Hutten Zuflucht gewährte. Die im Alsenztal gelegene Altenbaumburg war zunächst nichts mehr als ein Holzbau, daher ihr Name. Nördlich der Nahe bei Waldböckelheim erheben sich die Reste der bereits um 1000 erbauten Burg Sponheim. Der Rest eines Wohnbergfriedes aus der Zeit um 1200 gilt als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Profandenkmale des Rheinlandes. Südlich der Nahe stand das ebenfalls um 1000 erbaute Schloß Böckelheim, in dem 1105 Kaiser Heinrich IV. gefangen war. Reste der Ringmauer und ein Turm sind noch erhalten. Bei Odernheim, wo der Glan in die Nahe mündet, thronen an aussichtsreicher Stelle die restaurierten Reste des Klosters Disibodenberg, das 675 von einem irischen Mönch namens Disibod gegründet wurde. Im 12. Jahrhundert besuchte hier ein Mädchen Hildegard die Klosterschule, das später als Hildegard von Bingen berühmt wurde. Klosterruine und -museum kann man für 3 2 p.P. besichtigen. Auf Wunsch finden Führungen statt. Die Kyrburg bei Kirn und die Ruine Koppenstein werden wegen ihrer Aussicht gerne besucht. Die älteste Burganlage des Nahe- und Hunsrückraumes ist freilich die Schmidtburg bei Bundenbach. Die Stadt Oberstein wird von der Ruine Bosselstein und dem Schloß Oberstein überragt.

Gesundheit und Wellness durch Luft, Wasser und Wein

Vom Kurpark in Bad Münster am Stein bis zum Kurbereich von Bad Kreuznach reihen sich in dem romantischen Tal zahlreiche Gradierwerke. Auf drei Kilometern riecht die salzige Luft nach Meer. Es ist das größte europäische Freiluftinhalatorium. Die Quellen unterhalb des Rheingrafensteins werden zu einem Heilwasser von 30 Grad Celsius gemischt, das viele Mineralstoffe und das heilende Radon enthält. Thermalhallenbad und Thermalfreibad laden zur Entspannung ein. Das Bäderhaus in Bad Kreuznach gilt als das schönste Sauna- und Wellness-Bad Deutschlands. In Sobernheim, dem jüngsten Bad Deutschlands, finden naturgemäße Ganzheitsbehandlungen statt. Hier kann man seine Füße sogar auf einem Barfußpfad verwöhnen oder abhärten, was manchen Wanderer an ferne Kinderzeiten erinnern wird. Eine Wohltat für die Sinne! Und dann noch der Nahewein: Die unterschiedlichen Böden, das vielfältige Mikroklima und eine jahrhundertelange Erfahrung lassen hier Spitzeprodukte reifen: Mancher hiesige Riesling, Weißer Burgunder oder Spätburgunder ist zu hohen Ehren gekommen. Weinlehrpfade und besonders der Weinwanderweg Mittlere Nahe laden vor allem im Herbst zu Weinwanderungen ein. In Verbindung mit der typischen regionalen Küche kann jede Wanderung auch zu einem kulinarischen und weinseligen Erlebnis werden.



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