© Klaus-Peter Kappest

Radeln und Wandern im Zeichen der Koliberge

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Finnland

Woher kamen die Finnen? Eine letztgültige Antwort gibt es nicht. Sicher ist, daß Fischer, Jäger und Sammler nach dem Ende der Eiszeit vor rund 9.000 Jahren von Osten und Südosten über die karelische Landenge nach Finnland einwanderten.

Das Dach Kareliens

Archäologen fanden als Beweisstücke ein 9.000 Jahre altes Fischernetz aus Weidenbast und eine ähnlich alte Schlittenkufe. Erst viel später spalteten sich weitere Neuankömmlinge aus dem Ural, aus Estland und Livland in verschiedene Stämme auf. Die Saamen wanderten nordwärts. Von Westen kamen nordische Eroberer und religiöse Eiferer. Karelien war und ist die Membrane zwischen dem slawisch orthodoxen und dem römisch europäischen Kulturraum. Lutheraner und Orthodoxe, Slawen und Wikinger – hier blühat ganz bestimmt Finnlands Seele.

Als Gott während seiner Schöpfung einmal eine kleine Pause einlegte, warf er einen Quarzitblock zu Boden und setzte sich nieder. Sein Blick glitt anerkennend über die Unendlichkeit des Horizontes. So soll der heilige Berg der Finnen, der Koli, entstanden sein. Mit bescheiden anmutenden 347 Metern liegt die Spitze der Koli-Berge, Relikte eines zwei Milliarden Jahre alten Gebirges, nur 253 Meter über dem Wasserspiegel des Pielinen-Sees, aber die Grandezza des Gipfelausblicks und das Charisma des Quarzithärtlings versprechen wahrhaft göttliche Eindrücke.

Wasser, Wege & wildes Land

Es ist kein Zufall, daß drei Nationalparke, dazu noch von höchst unterschiedlicher Gestalt, in Ostkarelien liegen. Mit 3.000 ha ist der Koli Nationalpark der klein-ste. Geschützt wird die im wahr-sten Sinne des Wortes uralte Bergkette der Kareliden. Von großer Bedeutung ist auch die Ende des 19. Jh. Einsetzende Nationalromantik, die dank Elias Lönnrots Erstveröffentlichung der Kalevala von 1849, jenes weit über 100.000 Verse umfassenden Epos der mündlich überlieferten finnischen Volksdichtung, Maler, Komponisten und Dichter nach "Karjala" führte. Die Helden des Nationalepos der Finnen: der Sänger, Zauberer und Wahrsager Väinämöinen aus dem Stamme der Kaleva, der Lappländer Joukahainen und die Hexe Louhi aus dem nebelreichen Nordland Pohjola.

Konrad steht mit einer braunhaarigen Karelierin vom örtlichen Exkursionsbüro auf einem der baumlosen Gipfelfelsen. In dem Wollpullover mit den nordischen Mustern und dem langen Rock wirkt die ernste Frau weltentrückt. Sie deutet auf ein winzig kleines Eiland vor uns: Es gelte bei den Kareliern als der Stopfen des riesigen Sees. Wenn wir Menschen es nicht verstünden, endlich den Lauf der Natur und unsere im Spiegel der Zeitläufte doch wirklich kümmerlich wirkenden Verirrungen in ein überlebensfähiges, dauerhaftes Gleichgewicht zu bringen, dann werde durch diesen Abfluß all die karelische Pracht dahinfliessen. Während sie uns mit bedächtiger Stimme Orientierung in dem gottgleichen Horizont gibt, umspielt ein Lächeln ihr Gesicht. Die karelische Seele?

Mit dem Rad oder per pedes

Jean Sibelius, Finnlands großer Komponist, vertonte das karelische Zwiegespräch von Wasser, Wind und Wetter in seiner Karelia-Suite. Die Karelier haben mit der Kantele auch ein Instrument erfunden, das auf wohlklingende Art und Weise die melancholische Seele zum erklingen bringt. Fünf Saiten und ein flacher Holzkörper – Kantele spielen gehört in Karelien zur Traditionspflege wie andernorts das Schmettern fröhlicher Lieder.

Wir blicken gebannt auf das tellerflache Gewirk aus Waldinseln in der von Nord nach Süd reichenden Wasserfläche. Der Patvinsuo-Nationalpark steht wegen der einzigartigen Moorgebiete und eines 200 Jahre alten Kiefernwaldes unter nationalen Schutz. Er schließt sich jenseits unseres Blickhorizontes irgendwo in dem endlosen Grün nordöstlich an. 100 qkm groß ist er und grenzt an die autonome russische Provinz Karelien. Genau östlich von uns muß der Nationalpark Petkeljärvi liegen. Eine Wildnis aus Seen, Landrücken und kargen Welten, die von den schmalen, wassergesäumten Oserdünen geprägt wird. Ob wir Karelien zu Fuß, per Rad oder zu Wasser erkunden sollten, will ich wissen. "Wählen Sie eine Mischung von allem", rät die Frau. Einen der unbeschreiblich abenteuerlichen Weitwanderwege vielleicht. Eine Schlauchbootfahrt durch die schäumenden Stromschnellen des Lieksajoki in der Ruunaa Wander-Arena oder eine Seeumrundung per pedales von Nurmes über Lieksa, Uimaharju, Juuka und zurück.

Verzücken und Seelenfrieden

Ob Jaaman Kierros (47 km), Kolin Polku (70 km) oder der Bärentrail (Karhunpolku, 133 km), Wolfspfad (Susitaival, 90 km) oder Biberweg (Tapion Taival mit 21 km) – in Karelien gibt es die größte Wegedichte ganz Finnlands. Rundtouren oder Strekkenwanderung, alle Wege sind markiert und weiseninregelmässigen Abständen urige Übernachtungshütten auf. Wer noch nie eine Trekkingtour, jenes nach Lagerfeuer, Sternennächten und erlebnisreichen Wandertagen riechende Abenteuer zu Fuß, erlebt hat: Bessere Voraussetzungen als hier wird er wohl nir-gends in Europa finden. Wer auf den rustikalen Charme einer allseits offenen, überdachten Holzpritsche verzichten will, kann sich einsam gelegene Wildmarkhütten mieten oder gar unter kundiger Führung leiten lassen. Radwandern um den Pielinensee organisiert ein kleines Reisebüro aus Nurmes (Tel. 00358/13/440066 – deutschsprachig) und Führungen bzw. Karten für das zum Karjalan Kierros zusammengefaßte Wegenetz vermittelt Karelia Experts im Tourismusbüro von Joensuu (Tel. 00358/13/2675319). Konrad entscheidet sich für eine halbtägige Tour über den Kolirücken, ich will mich in die Pedale schwingen und kreuze am Westufer unterhalb der Ausläufer des Koligebirges. Als wir uns wieder vereint am Abend im Scheine eines hell lodernden Feuers am Seeufer in der Rückbetrachtung üben wollen, ist jedem das Verzücken anzusehen. Konrad stammelt etwas von allertiefstem Seelenfrieden. Ich könnte es nicht besser ausdrücken. Ja, abgrundtiefer Seelenfrieden. Genau so, das ist es.



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