© Klaus-Peter Kappest

Wandern im Riisitunturi und Oulanka-Nationalpark

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Finnland

Magisch zieht es den Blick abwechselnd links und rechts schwenkend erst über den Vordergrund zum Bergfuß und dann Stück für Stück über die Seen-, Insel- und Bergwelt in die Ferne. Irgendwo treffen sich Himmel und Erde, feiern fröhliche Urständ.

Um uns ist Tosen und Brausen

Raija entfacht mit knochentrockenem Birkenreisig ein Feuer in dem Steinkamin des alten Bauernhauses. Früher schlief die Familie auf dem gemauerten Ofen darüber. Urpo werkelt derweil im neuen Wohnhaus nebenan in der Küche. Bei den Takkulas kocht der Mann. Fangfrischen Fisch vom See, Kartoffeln aus eigener Ernte und eine süßsaure Rahmsauce nach altem Familienrezept. Urlaub auf dem Bauernhof, nördlich von Kuusamo, unweit des Polarkreises, zwischen den beiden Nationalparks Riisitunturi und Oulanka gelegen. Als es draußen dämmert, verteilt Raija blaue Saunatücher. Urpo winkt dazu mit einer kleinen Bierflasche. Die hofeigene Rauchsauna am nahen See, das urfinnische Schwitzvergnügen in rauchgeschwängerter Heißluft, erwartet uns. Der tägliche Saunagang ist ein festgeschriebenes Ritual. Schwitzen und Schwatzen. Dazwischen der Sprung in die kühlen abendlichen Fluten des Ala-Kitka und ein zischender Schluck aus der Bierflasche.

Finnen sind für ihre Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft bekannt. Urpo wählt sich nämlich die Finger wund, weil wir anderntags den Riisintunturi auf dem gleichnamigen Trekkingpfad überqueren wollen und eine Rückfahrtmöglichkeit suchen. Vesa habe Zeit, grinst Raija wenig später. Am Morgen parken wir unseren Van am Parkplatz Syrjälahti und fahren mit Vesa, in der Stadtverwaltung von Kuusamo tätig, zum 298 m hoch gelegen Einstieg unserer Tour. Kiitos (Dankeschön) rufen wir dem freundlichen Finnen zum Abschied zu und steigen durch schütteren Fichtenwald an mächtigen Hangmooren vorbei bergan. Unter uns der riesige Kitkajärvi, im Osten machen wir den Oulanka-Nationalpark mit seinen baumlosen Gipfeln aus. Westlich ein Hochtal, durchsetzt mit kleinen und kleinsten Seen. Bruchwälder, Moore und ein munteres Dutzend schlängelnder Bäche. Üppige Gras- und Farnmoorwälder säumen die Quellhorizonte. Konrad und ich bleiben immer wieder stehen. Der Höhenmesser zeigt knapp 400 Meter. Magisch zieht es den Blick abwechselnd links und rechts schwenkend erst über den Vordergrund zum Bergfuß und dann Stück für Stück über die Seen-, Insel- und Bergwelt in die Ferne. Irgendwo treffen sich Himmel und Erde, feiern fröhliche Urständ.

Fettkraut und alpine Johannisbeere

Die filigranen Sporenähren des leuchtendgrünen Bärlapps wiegen sich im Wind. Je höher wir kommen, umso gebeugter die Birken. Konrad deutet auf einen über den Boden kriechenden Birkenzweig und meint, das müsse die Polarbirke sein. Unweit des kleineren der beiden Gipfel, kurz vor der urigen Wildmarkhütte Riisitunturi höre ich Konrad jubeln. Die alpine Johannisbeere, so erläutert er mit leuchtenden Augen, sei eine botanische Rarität. Später finde ich einen Fettkrautstandort. Die fleischfressende Pflanze versteckt sich zwischen Heidekraut. Alpen-Azaleen, Alpenbärentraube und Alpenhelm – unser Stundenschnitt liegt heute bei weniger als einem Kilometer. Abenteuer Riisitunturi. Kargheit kann so reichhaltig sein! Am Spätnachmittag machen wir auf der Rückfahrt Station im alten Schulhaus von Tolva, einem uralten, kleinen Dorf zu Füßen des Riisitunturi mit einem Dutzend Häusern. Ritva Kokko, Chefin des kleinen Cafés, serviert Fichtenlimonade und Tee. Von ihr erfahren wir, daß Riisi ein altes Wort für Reis und ein Mengenmaß sei, und als Tunturis bezeichne man hier in Finnland diese eigenwillig runden, baumlosen und grasbewachsenen Berge. In der Rauchsauna am Abend erzählt Urpo, wir sollten unbedingt eine Wanderung auf dem Karhunkierros machen. Hier in Kuusamo müsse jedes Paar, daß sich die lebenslange Treue versprochen habe, die fünf- bis sechstägige Wanderung gemacht haben. Wenn sich die Liebenden hier in der Wildnis in der Bewältigung des einfachen Lebens vertrügen, dann sei auch dem Lebensbund Erfolg beschieden. Konrad strahlt um die Wette, Karhu müsse doch Bär bedeuten und einem Bären leibhaftig begegnen, das wäre doch sein Traum. Raija kramt eine Ausgabe der hiesigen Regionalzeitung hervor und deutet auf eine große Schlagzeile. Zwei Bärenkinder haben Wanderer erst letzte Woche am Kitkanjoki gesehen, die Chancen stünden also nicht schlecht.

Wasserfall und schnelles Wasser

Wie zwei junge Fohlen gebärden wir uns am nächsten Morgen, als wir in Juuma den Wagen parken und die Rucksäcke schultern. Hungrig auf das kommende Trekkingabenteuer. Wir studieren die Karte und entscheiden uns für eine Kombination aus dem Pieni Karhunkierros (siehe Wandertip Kleine Bärenrunde) und Großer Bärenrunde. Solange wir auf der kleinen, knapp 10 km langen Rundwanderstrecke in der Nähe der tosenden und schäumenden Stromschnellen sind, begegnen wir vielen Wanderern. Aber das Abenteuer ruft, und die finnische Wildnis lockt mit ihren geheimnisvollen Geräuschen. Das Rauschen des Windes durch die Wipfel der Kiefern, das Gurgeln und Schmatzen des Flusses im engen Felsenbett, das Summen der Bienen. Vor dem Saarijärvi verlassen wir die markierte Route und folgen einem kleinen Pfad südlich des Flußcanyons in östlicher Richtung. Wir queren an einer Flachstelle das breite Flußbett und wandern nun nördlich des Kitkanjoki wieder flußaufwärts. An einem der flachen Unterstände mit Holzdach, Holz- und Toilettenhäuschen treffen wir zwei Tschechen. Ihr fünfter Tag, sie kommen vom nördlichen Einstiegspunkt in Hautajärvi. Unbeschreiblich schön sei die Tour. Freiheit. Das Leben als reine Gegenwartsbeschäftigung. Köstliche Stille, atemberaubend schöne Natur. Finnland eben. Wir setzen uns für eine kurzen Pause zu ihnen ans lodernde Lagerfeuer und schweigen uns an. Wie vielsagend doch Schweigen sein kann. Ein Hauch von Ewigkeit.



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