© Klaus-Peter Kappest

Wasserwandern in Saimaa

Ausgabe 116 – Ausgabe 2/2004

Finnland

Blauer Himmel, blaue See, grauer Fels – Wasserwandern im Saimaa-Labyrinth.

Blauer Himmel, blaue See, grauer Fels

Konrad schüttelt den Kopf, und ich beeile mich, ihm beizupflichten. Natürlich, gelegentlich mal ein Ruderboot traktiert, auch mal mit der Luftmatratze durch Meereswellen gepflügt. Aber Wasserwandern mit unsinkbarem Kanu, Stechpaddel, Schwimmweste, Gepäck und Verpflegung für drei, vier und mehr Tage? Never ever! Da stehen wir auf dem Vi- sulahti Campingplatz in Mikkeli und strahlen ins belu-stigte Gesicht von Juha Putkonen. Der finnische Rotschopf studiert im Winter und betreibt sein Geschäft mit Kanuverleih und Wasserwanderprogrammen nur zwischen Juni und Anfang September. Sein Revier ist der westliche und nordwestliche Teil des Suur-Saimaa. Ein gigantisches Seengeflecht von 4.400 qkm Größe. Die Lakelands Finnlands: einzigartige Wasserwelten.

"Kein Problem", meint der Jung-unternehmer flachsend. Blättert in der Karte und tippt auf ein Insel- und Seengewirr östlich von Ristiina. Schnell ist das grün lackierte Kanu auf dem Bootsanhänger verladen. Wir verstauen das Nötigste für zwei Tage und eine Übernachtung in die wasserdichte Tonne, Schwimmwe-sten, Stechpaddel, ein Rucksack und ab die Post. Ob mit oder ohne Ausrüstung – der leidenschaftliche Kajakfahrer hat für jeden Geschmack und Bedarf gleich mehrere Alternativen anzubieten. Gottlob ist der Weg zum See nicht weit. Die Auswahl geeigneter Startplätze ist Juhas besondere Spezialität. Auch Anfänger sollen sicher und stressfrei ein- und aussteigen können. Dann entfesseln wir unsere Nußschale. Kaum haben wir den Steg verlassen, drehen wir uns im Kreise. Eine Windböe trifft uns mittschiffs und wir kollidieren mit dem Holzsteg. Na toll!

Beeren und Bärentöter

Faszinierendes Wandern. Wasserwandern ist eine Fortbewegung aus ungewöhnlicher Perspektive. Begleitet vom Echo unserer rythmischen Paddelgeräusche haben wir schnell gelernt, in Schlangenlinien Kurs zu halten. Nur der böige Wind unterbricht die gleichmäßige Muskelarbeit. Pirouetten sind die Folge. Sei’s drum. Landengen gleiten vorüber, verwunschene Strände. Im Zeitlupentempo schieben sich immer neue Perspektiven ins Blickfeld. Mal fühlen wir uns fernab in einer Wasserwüste, dann zwängen wir uns wieder zwischen felsigen Küstenlinien unter grauen, bombastischen Felsentürmen hindurch.

Drei Tage später sitze ich im Kanu des schweigsamen Bärentöters. Matti Siivonen hat das Gesicht eines Magiers. Listig blitzen die Augen. Nur die wießen Bartstoppeln verraten, daß Matti die 60 längst erreicht hat. Dem schönen Kauderwelsch, den er mit Heikki Turunen austauscht, der in Konrads Kanu gerade den Steuermann spielt, können wir natürlich nicht folgen. Matti erläutert uns aber, daß die Bezirksregierung einen Bären zum Abschuß freigegeben habe und wir gleich einen heiligen Ort im Nationalpark Kolovesi ansteuern würden. Konrad ist begeistert. Braunbären, hier? Matti, der im Kanuverleih seines Bruders naturbegei-sterte Wander- und Wasserwan-derfreunde durch den einzigartigen Nationalpark führt und manchmal sogar zu seiner Wildmarkhütte einlädt, grient wie ein Waldläufer aus dem Wilden We-sten. Beeren und Bären, Wasser, Wald und Einsamkeit, das sei sein Leben.

Der Igumen und die Fahrt durchs Labyrinth

Links steigen glatte, graue Felswände auf. Eine kleine Bucht öffnet sich, und zwischen einem Felsenmeer bugsieren wir an einen kleinen Holzsteg. In der Höhle über uns hätten einst Jäger und Sammler Ukko verehrt. Das sei in der finnischen Mythenwelt der Gott der Götter. Ahti, der Gott der Seen und Tapio, Gott der Wälder, seien natürlich auch angerufen worden. Entstanden sei die Höhle durch die Gewinnung von Bergkristall. Konrad findet ein Stück Bergkristall beim Scharren mit seinen Leichtwanderschuhen. Ein ganz und gar magischer Ort.Heilig ist auch das orthodoxe Kloster von Neu-Valamo, das wir ebenfalls besuchen. Ein Ort voller fremd wirkender Symbole. Das russische Kreuz, die Ikonen, die holzverkleidete Altkirche oder der Friedhof.

Schließlich stehen wir am Bug des Saimaa-Dampfers und fühlen uns wie einst Odysseus: tief beeindruckt und tatendurstig im Wasserlabyrinth.

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