© Klaus Hurtienne

Markgräfler Wiiwegli

Ausgabe 117 – Ausgabe 3/2004

Deutschland

Durch den Wein zwischen Hochschwarzwald und Rhein. Guter Wein, nette Menschen, schöne Landschaft, reiche Kultur, aussichtsreiches Wandern!

Eines der schönsten Gefühle auf der Welt ist es, wenn sich ein Vorurteil bestätigt und man sagen kann, "Siehst du, habe ich doch recht gehabt!" Damit festigt sich dann unumstößlich ein Bild, das nur sehr schwer wieder zu korrigieren ist. Auch wenn dieses allzumenschliche Verhalten in anderen Bereichen gefährlich sein kann, ist es für das Reisen, einer vergleichsweise harmlosen menschlichen Beschäftigung, einfach wunderbar!

In Bezug auf die Region Baden hatte ich einen ganzen Rucksack voll mit Vor-Urteilen gepackt: "Guter Wein, nette Menschen, schöne Landschaft, reiche Kultur, aussichtsreiches Wandern!"

Diese Urteile von Freunden, Reiseführern und Filmen konnte ich dieses Frühjahr bei der Erwanderung des Wiiweglis (Weinweg) von Freiburg durch das Markgräflerland nach Weil am Rhein auf die Probe stellen. Bestätigt haben sich alle und nicht nur das, ich bin eingetaucht in eine berückende Wanderwirlichkeit!

Ein guter und edler Tropfen!

Im Markgräflerland, der Vorbergzone des Südlichen Schwarzwaldes zwischen Freiburg und Basel, Oberrhein und Hochschwarzwald begegnet man auf Schritt und Tritt dem Wein. Überall dort, wo der Schwarzwald zum Rhein hin abbricht, haben die Badener die Steilhänge mit Reben bestockt. Zwischen den kleinen Winzerdörfern am Fuße und den schützenden Wäldern obenauf, liegen die Anbaugebiete von Spätburgunder, Müller-Thurgau und mit über 40 % der Fläche dem Gutedel. Diese Spezialität des Markgräflerlandes, ein sehr leichter Wein, läßt sich auch immer wieder auf der Wanderung über den Wiiwegli testen. Denn der Weg führt nicht nur zwischen den Reben, Wäldern und Waldrändern entlang, sondern auch immer wieder in die Winzerdörfer und -kleinstädte hinein. Dort erwarten den Wanderer Winzergenossenschaften, in denen sich die oftmals sehr kleinen Winzerbetriebe zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, um auf dem Markt bestehen zu können. Ihr Wein wird dabei unter einem gemeinsamen Etikett vermarktet. Das hat zur Folge, daß in jedem Ort ein neuer Wein auf den Wanderer wartet, den es zu testen und mit dem vorherigen zu vergleichen gilt. Die Möglichkeit dafür bietet fast jede Winzergenossenschaft unter der Woche und meistens auch Samstags oder Sonntags an, auch wenn sie keine nach außen hin sichtbaren Verkostungsräume zu haben scheinen. Einfach klingeln und fragen (Infoadresse siehe Infoseite), dann können Sie die offenherzigen und freundlichen Badener erleben.

Jahrhundertwein

Neben den Winzergenossenschaften gibt es auch eigenständige Weingüter. Viele von ihnen liegen direkt am oder nur wenige hundert Meter vom Wiiwegli entfernt und laden zur Verkostung ein. Mich hat es gleich zu Beginn meiner Viertagestour in Ebringen "erwischt". In St. Georgen, einem südlichen Stadtteil von Freiburg, war ich morgens auf dem Wiiwegli gestartet und wollte eigentlich bis Staufen laufen. Doch soweit bin ich gar nicht erst gekommen, denn nach einem reichlichen Schluck Gutedel bei der Winzergenossenschaft Ebringen wollte ich noch von einem Spätburgunder im Weingut Mißbach nippen. Der Inhaber persönlich schenkte mir ein. Auf meine Frage, ob das schon der 2003er Jahrgang sei, verneinte er und erklärte, daß er, wie viele andere Winzer auch, einen Jahrhundertwein erwarte, dem er reichlich Zeit zur Entwicklung geben wolle. Besonders dem Spätburgunder.

Die Euphorie über einen Wein, der es mit den herausragenden Jahrgängen 1959, 1971 oder 1976 aus dem letzten Jahrhundert aufnehmen kann, ist allerorten groß. Die Winzer der Genossenschaft Ballrechten-Dottingen konnten es gar nicht abwarten und haben als erste der Region schon im November letzten Jahres den 2003er Castellberg (Roter und Blauer Turm) herausgebracht. Bei vielen Winzern aber fanden die vielen Jungweinproben erst neulich im März statt, wo man dann den 2003er direkt vom Faß genießen konnte. Ich für meinen Teil war mit den "durchschnittlichen" Jahrgängen 2000 bis 2002 sehr gut bedient, die ich noch an diesem Tag in Kirchhofen und Ehrenstetten genießen durfte.

Plauderei bei Rebarbeiten

Auf meinem Weg dorthin über den Batzenberg mit Blick ins Schneckental traf ich drei "Rentner" bei der Arbeit im Weinberg. Sie banden die Rebstöcke parallel zum Boden um, damit die neuen Triebe im April/ Mai aus den "Augen" heraus nach oben wachsen können. Sie erklären, daß es nicht die einzige Form des Anbindes der Rebstöcke sei, aber eine weit verbreitete. Viel erzählen mir die freundlichen Menschen über die mühsame Arbeit, die über weite Strecken immer noch Handarbeit ist, auch wenn der Einsatz von Maschinen zunimmt. Neugierig fragen sie auch mich aus und im Handumdrehen ist eine dreiviertel Stunde mit angeregter Plauderei vergangen.

Wandern im Paradiesgärtlein

Vier Tage nichts als Wandern auf dem Wiiwegli! Das hatte ich mir zur Eröffnung der Wandersaison 2004 vorgenommen. Das Markgräflerland ist dazu ideal, da hier in Deutschland der Frühling mit zuerst einzieht. Die Obstbaumblüte verwandelt dann die Landschaft in ein "Paradiesgärtlein". Neben dem Wein wird dank des fruchtbaren Lößlehmbodens, der zwischen hellen, mitunter sogar bunten Farben changiert, auch das Obst zu Weinbränden und Obstlern verarbeitet. Auch hier gibt es wie beim Wein viele Kleinstanbieter. Einer hat es gar zu Weltruhm gebracht: Schladerer aus Staufen.

Der Sommer im Markgräflerland ist einer der heißesten in ganz Deutschland, verursacht durch Passatwinde aus der Mittelmeerregion, die durch die Burgundische Pforte bis an den Fuß des Schwarzwaldes gelangen. Zweite Hauptsaison zum Wandern ist daher der Herbst, der Wein und Wälder bunt einfärbt.

Aussichtsreich

Während also noch im März auf dem Belchen Ski gefahren wird, wandere ich bereits bei 21 Grad Celsius zwischen den Reben. Immer im Blick sind die Vogesen, die sich als Pendant des Schwarzwaldes auf der anderen Seite des Oberrheingrabens erheben. Der schönste Anblick ist aber doch die schneebedeckte Kuppe des Belchens, der sich wuchtig aus dem Münstertal erhebt. Das Wiiwegli führt bei Staufen am Eintritt des Münstertals vorbei. Überhaupt ist der Abschnitt von Staufen, mit Blick auf den mit Wein bewachsenen Schloßberg, bis Sulzburg landschaftlich am attraktivsten. Hier neigen sich die Weinberge sehr flach aus den Wäldern heraus. Eine unheimliche Dynamik steckt in dem Abfall, der jäh an der Kirchturmspitze von Ballrechten-Dottingen "aufgespießt" wird. Fast gleichauf in der Liste der schönsten Landschaftsformen liegt der Rebenkessel, in dem Fischlingen – zwischen Efringen-Kirchen und Binzen – liegt.

Herausragende Aussichtspunkte: Zum Beispiel der Blick vom Innerberg oberhalb von Niederweiler auf Badenweiler am Fuße des Blauen (1165 m). Eingekesselt liegt die alte Burgruine Badenweiler vor den weiten Wäldern des beginnenden Schwarzwaldes. Oder der Luginsland südlich von Müllheim. Hier liegt mein gesamter Weg bis zum Schloßberg in Staufen vor mir. Unter einer alten Eiche sitzend genieße ich den Rückblick auf meine Strecke und Erlebnisse. Der krönende Abschluß ist dann der Blick auf Basel und die sich dahinter erhebenden Schweizer Jura Berge, eine Sicht, die sich von dem schnuckeligen Örtchen Ötlingen bis zum Ende des Weges am historischen Lindenplatz in Weil am Rhein bietet.

Premiumwandern

Das es mit landschaftlicher Schönheit allein für den Wanderer nicht getan ist, wissen die verantwortlichen Touristiker im ältesten und beliebte- sten Mittelgebirge Deutschlands schon länger. Daher wird mit Volldampf und in Zusammenarbeit mit dem Schwarzwaldverein u. a. an dem flächendeckenden Ausbau der neuen Markierung gearbeitet. Im Bereich des Wiiweglis sind bereits auf der Gemarkung von Staufen die neuen Pfosten gesetzt und die Zielwegweiser angebracht. Das beliebte Symbol des Wiiweglis, die gelbe Traube vor roter Raute, bleibt auch bei dem neuen Markierungskonzept erhalten, wird aber zum Glück nicht mehr als "Wandersouvenir" mitzunehmen sein, da es in die Wegweisertafeln integriert ist.

Das freut besonders Rolf Müller, einer von vier Hauptwarten des Schwarzwaldvereins, der zuständig für das Wiiwegli ist. Eines seiner Ziele ist die beständige Verbesserung des Wegeverlaufs. Darum ist er unermüdlich - und immer ehrenamtlich - vor Ort oder in Gesprächen mit dem Forst, Bürgermeistern, dem Bauamt und seinen Wegewarten. Erst Anfang März 2004 hat man im Bereich Efringen-Kirchen wegen des Baus des Katzenbergtunnels den Weg etwas weiter nördlicher verlegt und neu markiert.

Genauso wichtig wie eine eindeutige und fehlerfreie Markierung sind die Unterkünfte am Wegesrand. Zur Zeit läuft im Bereich Staufen daher eine Befragung der Beherbergungsbetriebe, was sie speziell dem Wanderer zu bieten haben. Ein wichtiger Punkt dabei ist ein Bring- und Abholdienst der Unterkunft für den Wandergast. Ich habe mir über den Tourismus Südlicher Schwarzwald eine Unterkunft besorgen lassen, die genau dieses schon anbietet und bin sehr zufrieden damit gewesen (Infos zum Angebot Wandern ohne Gepäck auf dem Wiiwegli siehe Anschrift allgemein auf der Infoseite).

So tut sich also eine Menge, um das Wandern im Schwarzwald für das 21. Jahrhundert fit zu machen.

Moderne Badekultur mit tiefen Wurzeln

Überall im Markgräflerland trifft man auf die Spuren der Römer. Sie waren es, die den Wein mit über die Alpen brachten und hier erstmals anpflanzten. Sie waren es sehr wahrscheinlich auch, die den Grundstein legten für die bis heute existierende Bäderkultur. Während Bad Bellingen und Bad Krozingen sich als Kurorte im letzten Jahrhundert mit modernen Thermalbädern etabliert haben, schaut Badenweiler auf eine mindestens 2000-jährige Geschichte zurück. Hiervon zeugt in dem mondänen Kurort das Römerbad. Trotz einer bewegten Geschichte haben die Fundamente die Zeiten überstanden und bieten im Kontrast zum modernen Schutzdach einen grandiosen Einblick in die Vergangenheit. Aber die Entwicklung ist in Badenweiler nicht stehengeblieben. Beeindruckenster Beweis hiervon ist die Cassiopeia Therme direkt neben der Ruine des Römerbades. Es ist eine der schönsten Thermen Europas, die mich besonders durch das große Freibecken beeindruckt hat, von dem aus ich abends die angestrahlte Ruine betrachten kann, während ein Massagestrahl meine Fußsohlen massiert.

Eine weitere Badruine der Römer liegt am Ortsrand von Heitersheim, gleich neben dem ehemaligen Schloß des Malteserordens.

Legendär

Nicht ganz so alt wie die Römer, aber dennoch schon im Bereich der Legenden ist die Geschichte vom Dr. Faustus, dem Goethe bekanntlich ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Dieser Mythos lebt in Staufen. In dem dort ansässige Hotel zum Löwen am historischen Marktplatz soll Mephisto den auf Zeit gottähnlichen Dr. Faust vernichtet haben.

Zwischen Römern und spätmittelalterlichen Legenden lag die große Zeit der christlichen Kirche. Ausgehend von Irland strömten unzählige Wandermönche über Europa und gründeten Klöster. Im Münstertal predigte der irische Einsiedler Trudpert den Alamannen so lange das Christentum, bis er von ihnen erschlagen wurde. Diejenigen, die er überzeugt hatte, bauten ihm aber hernach eine Kapelle, aus dem das stattliche Kloster St. Trudpert in wunderschöner Lage entstand. Herausragend sind im Innern der Klosterkirche die Fresken von Giorgioli.

Ein zweites besonders sehenswertes Kloster im Markgräflerland liegt direkt am Wiiwegli in Sulzburg: St. Cyrian. Doch ganz im Gegensatz zum bildgewaltigen und farbigen St. Trudpert begeistert St. Cyrian durch seine romanische Schlichtheit. Auch wenn die Wände früher bunt bemalt gewesen sind, wovon heute nur noch an wenigen Stellen eine feine Spur geblieben ist, sind die schlichten Rundbögen und kleinen Fensteröffnungen typisch. Ungewöhnlich ist der Chorbereich: Über einer etwas tiefer als der Kirchenraum gelegenen Crypta, eine der schönsten die ich je gesehen habe, steigt geradezu kubistisch der Chorraum auf, der nur mit im Halbkreis aufgestellten Stühlen versehen ist. Das aus Baumstämmen gebastelte Kreuz verstärkt die archaische Wirkung der Architektur und die lehmigen Farbigkeit von Wände, Dek-ke und Boden. Passend umschreibt ein Besucher der Kirche den Eindruck: "Es erinnnert mich irgendwie an den Orient."

Grenzenloses Lebensgefühl

Nicht ganz orientalisch, aber doch mit eindeutig südlichem Flair gibt sich die ganze Region. Aus der gemeinsamen Geschichte - der südliche Teil Baden-Württembergs mit den angrenzenden Gebieten der Schweiz und Frankreichs gehören zum ehemaligen Verbreitungsgebiet der Alamannen - hat sich ein Selbstverständnis der Region entwickelt, das sich wenig um nationale Grenzen schert. Das Dreiländereck mit den zentralen Städten Freiburg, Mulhouse und Basel betreibt zusammen betreiben sie den Euroairport und ist ein Kern- und Vorbildgebiet der Europäischen Union.

Immer wenn ich in Freiburg an den Bächle, das sind Wasserrinnen, die die Altstadt durchfließen, entlang schlendere, denke ich, daß ich jetzt auch schon in Frankreich sein könnte. Ob es an dem rötlichen Sandstein des Münsters liegt, der mich an die Sandsteinbauten und -felsen aus den Vogesen erinnert? Oder sind es die Frauen, die mir irgendwie französisch vorkommen? Ich weiß es nicht, genieße aber die Uneindeutigkeit. Denn dieses Gefühl ist es ja, was mich immer wieder zum Reisen aus meinen klar geordneten vier Wänden hinaustreibt ...

Ganz eindeutig anders als in weiten Teilen Deutschland ist hier aber das Verständnis von Gastfreundschaft. Wo andernorts ein Servicedenken à la Amerika gelernt werden muß, herrscht im äußersten Südwesten Deutschlands ein Einvernehmen darüber, daß der Gast König ist. Oder besser noch: Freund, mit dem man ein Stückchen des Lebens teilt.

Garantierte Gaumenfreuden

Zu dieser Selbstverständlichkeit gehört auch, das man an gutes Essen gewöhnt ist, weil man es an jeder Ecke und in jedem Dorf auch geboten bekommt. Ohne viel Aufhebens wurden mir durchweg hervorragende Essen serviert. Das gilt für Landgasthöfe, wie dem Bären Bad in Grunern, genauso wie für Straußwirtschaften und Winzerstuben. Natürlich gibt es da Unterschiede. Eine Straußwirtschaft, die meistens nur einige Monate im Jahr geöffnet hat und hauptsächlich den Wein des Inhabers vertreiben möchte, bietet deftige badische Küche wie zum Beispiel Schäufele mit Brägele (Schweineschulter mit Bratkartoffeln) an. Dazu genießt man den lokalen Wein und kann einfach glücklich sein. Eine Winzerstube dagegen bietet eine Vielzahl von Weinen an, die in kleinen Mengen getrunken und miteinander verglichen werden können. Dazu werden meistens nur sehr einfache Gerichte wie Vesperplatten angeboten, die aber auch begeistern können.

Was soll ich noch weiter sagen, als daß ich nach einer Woche Markgräflerland trotz ausgiebigen Wanderns mehrere Kilo zugenommen habe!

Ein Ende ohne Ende

Das Markgräflerland ist aber nicht nur eine eigenständige Urlaubsregion, sondern auch ein idealer Startpunkt für Erkundungen zum Beispiel des Hochschwarzwaldes mit Feldberg, Titisee, Schluchsee und Hotzenwald. Oder der Vogesen mit dem Grand Ballon, Colmar mit seinem Grünbein-Altar, den Burgen im Norden und Straßburg. Oder der Zentralschweiz: So ist der Vierwaldstättersee nur eine Autostunde entfernt ist.

Um all die Angebote wahrzunehmen, habe ich manchmal vergessen, daß ich im Urlaub bin. Dann habe ich mich zum Glück einfach hingesetzt, einen Gutedel oder Spätburgunder bestellt und die Menschen beobachtet, nach dem Motte: "Weniger ist mehr, und für den Rest komme ich wieder!" So, gelassen, habe ich mit jedem Blick, jedem Schluck und jedem Bissen mehr von dieser höchst reichhaltigen Natur- und Kulturlandschaft in mich aufgenommen. Und ziemlich schnell sind meine Eindrücke zusammengeflossen zu dem Gefühl, das diese Stimmung niemals enden sollte.



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 117

Ausgabe 3/2004