© Klaus-Peter Kappest

Fränkisch-Schwäbischer Jakobsweg

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Deutschland

Wenn der Jakobsweg das eigentliche Ziel hat, zu sich selbst zu finden, dann ist dieser Abschnitt nachgerade ideal dazu geeignet.

Nach-Denken

"Wellat r nach Santiago?" fragt der Bauer, der mit seinem Traktor auf der Wiese knapp unterhalb der Jakobuskirche von Hohenberg arbeitet. Der Mann hat ´nen guten Riecher. 2.800 Kilometer, die sind uns natürlich zu weit für eine Woche. Uns reicht schon das Stück von Rothenburg bis Ulm – jene Strecke, die seit kurzem als "Fränkisch-Schwäbischer Jakobsweg" auch offiziell ausgeschildert ist. Acht Tage braucht man für diese 189 Kilometer, an deren Anfang und Ende berühmte Städte voller Kulturdenkmale stehen.


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Wenn der Jakobsweg das eigentliche Ziel hat, zu sich selbst zu finden, dann ist dieser Abschnitt nachgerade ideal dazu geeignet. Hier legt man nicht nur Distanz zurück, man gewinnt auch Distanz und nähert sich zugleich sich selbst, hat Zeit zum Nach-Denken, hat Raum, um Gedanken schweifen zu lassen. Und immer wieder stößt man dabei auch auf sich selbst. In seinen verschiedensten Facetten.

Sieger Köder, der in Württemberg legendäre "Maler-Pfarrer", hat für die Kirche in Rosenberg, wo er zwei Jahrzehnte lang als Seelsorger wirkte, einen Altar geschaffen, von dem man sich kaum trennen will. Schon auf der Predella ist ein Pilger mit dem typischen Schlapphut, dem Stab und der Muschel dargestellt. Das geht regelrecht unter die Haut: Da kniet ein armseliger Mensch, das Flickengewand weist ihn als Narren aus, er hält eine Maske in der Hand, über die Tränen rinnen, sein Oberkörper ist nackt, den Kopf freilich hat er im Licht, in dem eine Vision von unendlicher Liebe wie im himmlischen Jerusalem erscheint. Ja, was anderes ist der Mensch als ein Bettler, ein Pilger, ein Narr?! Aber all diese Armseligkeit kann seine Sehnsucht nach Liebe und Erfüllung nicht zerstören. Den Künstler Köder trifft man auf diesem Teilabschnitt immer wieder. Von Rosenberg geht der Weg pfeilgerade hinauf zur Jakobskirche nach Hohenberg, und man spürt förmlich, daß dieser Ort schon früher, als die Jakobs-Pilgerschaft ihre erste große Blüte erlebte, geradezu mystisch gewirkt haben muß. Denn es war mit Sicherheit kein Zufall, daß die Mönche vom Schönenberg bei Ellwangen diese Jakobuskirche just dorthin platzierten, von wo der Blick so herrlich zu schweifen vermag.

Innehalten

Das prächtige Jakobushaus, Wahrzeichen des Fränkisch-Schwäbischen Jakobswegs.
Das prächtige Jakobushaus, Wahrzeichen des Fränkisch-Schwäbischen Jakobswegs.

Dort oben hat Sieger Köder das Jakobushaus prächtig bemalt und damit das Wahrzeichen des Fränkisch-Schwäbischen Jakobswegs geschaffen. Schon das allein lohnt, innezuhalten und das muschelgekrönte Monumentalgemälde genau zu betrachten. Und auch in der Kirche selbst stößt man auf einen Jakobus.

Von hier aus kann es natürlich erst einmal nur bergab gehen, die Ausläufer des Schwäbischen Waldes trainieren einen mit ihren sanften Hügeln für das, was noch kommen soll. Auf und nieder geht es dennoch immer wieder, kurz vor Adelmannsfelden kann man eine (hervorragend ausgeschilderte) direkte Weg-Variante wählen: zunächst der romantischen Blinden Rot entlang, dann hoch nach Pommertsweiler und hinab nach Wöllstein am Kocher. Dort wartet schon wieder Sieger Köder auf einen: Ein Eisenkreuz, das mit dem steinernen Sockel die spanische Tradition aufnimmt, erinnert an die Eisenhütten-Tradition im nahen Abtsgmünd. Und der Christus blickt auf die Jakobuskapelle aus den 13. Jh. im Bergfried der ehemaligen Burg.

Nun wartet freilich noch eine rechtschaffene Schinderei auf einen – auf nach Hohenstadt, wo eine dieser Perlen funkelt, die man dort kaum erwartet hatte: Das Schloß mag zwar im Moment einen ramponierten Eindruck machen, aber vor seinen Toren liegt der älteste Heckengarten Europas, der ebenso einen Besuch lohnt wie die mächtige Wallfahrtskirche, zu der zu Ehren des Heiligen Patrizius immer wieder zahllose Reiter ziehen.

Im Grunde sollte man an keinem der kleinen Dorfkirchlein vorbeigehen, zu dem einen dieser Weg geleitet. Man muß nur Augen dafür haben, dann entdeckt man auch dort das Besondere: in Heuchlingen zum Beispiel den "Heiligen der Inder", Franz Xaver, in der Kirche Sankt Vitus, der auf dem Subkontinent einen bösen Drachen bannt.

Überhaupt: Heuchlingen scheint den Jakobsweg und seine Botschaft besonders verinnerlicht zu haben, begrüßt und verabschiedet die Pilger mit eigens geschaffenen Tafeln, die wertvolle Impulse geben. Zum Beispiel liest man da, daß der Ort seine Entstehung der Lage an einer Furt über das Flüßchen Lein verdankt, und wird darauf aufmerksam gemacht, daß es immer wieder Dinge gibt, die Trennendes überwinden. Und dieser Gedanke wird erneut aufgegriffen, wenn man die Markung am Limes verläßt: "Grenzen schützen, trennen und verbinden. Sie sind nicht ewig", liest man da. Wie wahr, wie wahr. Schließlich sagte ja auch schon der alte Goethe: "Europa entstand über den Jakobsweg."

Zwei Stunden später ist Bargau erreicht. Schon in der "Rose" in Heuchlingen saßen Landfrauen aus Bargau: "Was, ihr geht den Jakobsweg? Dann kommt ihr ja bei uns vorbei. Wir hängen die Fahnen raus!" Von denen ist zwar schließlich nichts zu sehen. Aber man spürt: Dieser Weg ist mehr als eine touristische Idee, er lebt. Nicht nur unter denen, die ihn gehen, sondern auch unter denen am Wegesrand.

Entgegengehen

"Wir haben auch einen Jakob, zwar einen ganz kleinen, aber dafür einen uralten", haben uns die Landfrauen am Abend zuvor gesagt. Es muß ja nicht alles groß und großartig sein. Der Bargauer Jakob fasziniert vielleicht gerade durch seine Bescheidenheit.

Noch schnell ins Pilgerbuch eingetragen, das in einer riesigen Muschel am Friedhof aufbewahrt wird, dann geht es brutal hoch zur Alb. Die berühmte "blaue Mauer", wie sie Eduard Mörike beschrieben hat, fast senkrecht hinauf. Fast ganz oben wartet das Naturfreundehaus am Himmelreich. Ja, zum Himmel hinauf muß man sich zuweilen schinden, aber vielleicht kann man ja gerade dadurch dem Himmlischen, Göttlichen, Verbindenden entgegen gehen und das Teuflische hinter sich lassen.

Und hier droben auf der Alb ändert sich auch der Charakter des Fränkisch-Schwäbischen Jakobswegs: Jetzt wird’s einsamer, karger, aber nicht weniger romantisch. Nun begleitet einen immer wieder stundenlang nur die Natur, die Zwiesprache mit einem hält, ihre eigene oder auch die des Wanderers Geschichte erzählt. Man muß nur hinhören.

Und am Ortseingang von Böhmenkirch fällt der Blick kurz hinter der Hyppolyt-Kapelle, die den höchsten Punkt der Markung regiert, urplötzlich auf ein altes Bildstöckchen, das liebevoll restauriert wurde: Der Jakobspilger dort präsentiert sich schon etwas verwittert, aber dennoch spricht eine ungeheure Kraft aus ihm.

Durststrecken überwinden

Und sie wirkt auch noch nach Jahrhunderten. Dieser Bildstock, er belegt, daß der Weg hier nicht unter der Rubrik "fixe Idee" einsortiert werden kann, sondern er sehr wohl seine historischen Wurzeln hat, die noch heute Wirkung zu entfalten vermögen. So viel hat sich (von den Windrädern mal abgesehen) seit Jahrhunderten ohnehin gar nicht verändert, wenn man die nächsten Kilometer unter die Füße nimmt. Die Einsamkeit ist nach wie vor der beste Begleiter, man versteht, warum im Volksmund oft von der "rauhen Alb" die Rede ist. Da bläst einem der Wind (wie im richtigen Leben) zuweilen schon ganz schön ins Gesicht, da kommt einem unweigerlich Ludwig Uhlands Ballade "Viel Steine gab’s und wenig Brot" in den Sinn. Hier liegen sie heute noch haufenweise herum – an den Rändern der Äcker, aus denen sie nicht weichen wollen und Jahr um Jahr erneut vom Pflug zu Tage gefördert werden. In den immer spärlicher werdenden Dörflein zieht es einen dann in die kleinen Kirchen. Im Weiler Sontbergen zum Beispiel steht eine "Jakobuskirche ohne Bildnis", wie das Faltblatt zum Fränkisch-Schwäbischen Jakobsweg verrät (Anm. der Redaktion: die Kirche ist seit 2004 nicht mehr ohne Bildnis, denn seitdem finden sich hier fünf Fensterbilder von Sieger Köder). Die Route führt eigentlich gar nicht direkt dorthin, aber irgendwie zieht es einen doch hinein. Immerhin läßt sich die Klinke herunterdrücken, die Tür zum evangelischen Gotteshaus geht auf. Vielleicht besticht dieses Kirchlein gerade durch seine Schlichtheit, dadurch, daß es den Blick auf unsterbliche Worte richtet, statt auf pompösen Prunk: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben", steht da zum Beispiel an der Wand. Und erreicht das Herz in seiner Mitte.

Nun kommen die Passagen des Weges, die so recht zum Meditieren angetan sind. Wenn’s hinunter ins Lonetal geht, tauchen die so typischen Wacholderheiden auf, karg und liebreizend zugleich ist diese Landschaft, sie mahnt einen, nicht zu vergessen, daß jedes Ding eben seine zwei Seiten hat.

Scharenstetten wiederum ist das höchste Dorf der Ulmer Alb. In der Laurentiuskirche, die eine 900-jährige Geschichte aufweist, steht ein Flügelaltar aus dem Ulmer Münster aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Um den Schlüssel freilich muß man sich kümmern. Die Scharenstettener sind evangelisch.

Einkehr halten

Nun kann man die offizielle Trasse wählen – oder eben gleich anders laufen. Erst Richtung Merklingenzum Beispiel, dann abbiegen ins romantische Lange Tal, das ins Naturschutzgebiet Lautertal mündet. Wenn es sich weitet, wartet nicht nur das liebevoll restaurierte uralte Gasthaus Lamm, sondern auch ein Kirchlein aus dem 13. Jh., das einen regelrecht in den Bann zu schlagen vermag mit seinem geschnitzten Altar und seiner mit Apostelbildern bemalten Empore (natürlich ist auch Jakobus dabei). Egal, welchen Weg man nun tatsächlich nimmt, das Ziel bleibt dasselbe: das Ulmer Münster. Und wenn man Glück hat, dann kommt man so gegen 11, wenn einen zuerst das "Wort zum Tag" aufbaut und um 11.30 Uhr das tägliche Orgelkonzert Entspannung schenkt. Hier fühlt man sich denen ganz nah, die schon vor Jahrhunderten in diesem Münster "Zu unserer lieben Frau" Einkehr hielten, die um das flehten, was ihnen am oder auf dem Herzen lag. Mit so viel Einfühlungsvermögen wurde das in seinen Ursprüngen romanische Gotteshaus mit dem höchsten Kirchturm der Welt und den starken Einflüssen aus Gotik und Barock restauriert, daß hier die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Dieser Ort, er hat schon was Einmaliges.

Der Fränkisch-Schwäbische Jakobsweg, er ist hier zu Ende. Aber ist man wirklich am Ziel? Oder geht’s jetzt erst richtig los? Das Münster markiert nämlich nicht nur das Finale, sondern auch einen möglichen Neubeginn. Nach Konstanz sind’s nur noch 160 Jakobsweg-Kilometer, mitten durch Oberschwaben.

Alsdann: "E ultrei! E sus eia! Deus eia nos! Los geht’s! Auf geht’s! Gott helfe uns!" Santiago rückt immer näher. Von Minute zu Minute. Auch wenn es noch über zweieinhalbtausend Kilometer sind



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