© Klaus-Peter Kappest

Französische Ardennen

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Frankreich

Im Schatten eines Waldes fühle ich mich vergessen, frei und friedvoll, als ob ich keine Feinde mehr hätte, erklärte Jean-Jacques Rousseau. Für eine geschichtsträchtige Region wie die Ardennen mag das Wort des Philosophen noch mehr gelten als anderswo.

Auf Waldwegen durch das Tal der Faux

Und wie friedlich und still liegt doch heute das Tal der Faux, in dem einst das gleichmäßige Hämmern der Eisenschmiede widerhallte. Wasser und Wald boten im Gebiet von Les Mazures die Voraussetzung, um ab dem 16. Jh. Mühlen für den Betrieb der Schmiede einzurichten. Hier begann der unaufhaltsame Aufstieg der Industriellendynastie Martin. In einer 1755 erbauten Hammermühle betrieb die Familie zwischen 1875 und 1914 eine große Schmiede, von der aber nur noch ein unbedeutendes Gebäude erhalten ist. Die mehrfach angestaute Faux dient mittlerweile der geräuschärmeren Erzeugung von Elektrizität, und am Strand des Sees Les Vieilles Forges hallt im Sommer fröhliches Kinderlachen. Ansonsten ist es still in diesem Gebiet, wie auch Les Mazures kaum Zeichen industrieller Vergangenheit zeigt. Genau der richtige Ausgangspunkt für die Wanderung auf der Route Martin, benannt nach dem Industriellen Arthur Martin. Ein frisches Croissant aus der Bäckerei stärkt vor dem kurzen Aufstieg im Dorf, ehe ein schöner Weg durch den Mischwald zum See Les Vieilles Forges hinabführt. Das munter plätschernde Bächlein und Vogelgezwitscher bilden die einzige Geräuschkulisse. Im Weiler Vieilles Forges einige Ferienvillen, ein, zwei ältere Häuser, mehr gibt es nicht. Nach der kleinen Brücke beginnt die Strecke entlang der Faux, die sich später für eine Weile in den Teichen eines ehemaligen Moorgebietes verliert. Pferde grasen friedlich auf den Wiesen, Angler sitzen geduldig am Ufer. Kaum vorzustellen, daß vor hundert Jahren über diesen Weg beladene Fuhrwerke rumpelten, in den Hammermühlen die Brecher dröhnten und die Schmiedearbeiter schwitzten. Mittlerweile ist diese Teichlandschaft Heimat einer reichen Vogelwelt. Reiher staksen durch Feuchtwiesen, Wildenten nisten auf Grasinseln, sogar ein Schwanenpaar fühlt sich hier wohl.

Steiler, kurviger Anstieg

Erst nach dem Verlassen der Angelteiche darf die Faux wieder ungebändigt dahinplätschern. Kuckucksblumen säumen die Ufer, durch die Laubkronen dringen Sonnenstrahlen. In Bögen windet sich der Bach durch den Wald, springt murmelnd über Steine, mächtig rauscht er an engen Stellen. Auf einer kurzen Übungstrecke fordert hier die Faux im Frühjahr sogar Kajakfahrer heraus. Danach wird der Wildbach wieder im Bassin de Whitaker gezähmt. Nach einem steilen, kurvigen Anstieg öffnet sich die Landschaft und gibt schöne Ausblicke auf die umliegenden Waldberge frei. Das auf dem Hügel liegende Becken Les Marquisades bleibt jedoch hinter einem hohen Deich verborgen. Danach säumen mächtige Buchen zwischen jungen Laubbäumen den Weg bis zur alten Eiche "Chène de la Table Ronde". Die Tafelrunde des Königs Arthur, wie der Name vermuten lassen könnte, hat hier sicher nicht getagt, doch Kelten waren in diesen Wälder ebenfalls beheimatet. Längst reitet die Keltengöttin Arduinna nicht mehr auf ihrem wilden Eber durch das Land, aber die Spuren im feuchten Waldboden lassen keinen Zweifel an der Anwesenheit des Kulttieres der Ardennen. Erst am Waldrand beginnt mit den ersten Häusern von Les Mazures wieder die Zivilisation. Auf der Route Martin sind die Spuren einstiger Industrie verblaßt, die moderner Technik liegt weitgehend verborgen. Im Schatten des Waldes vermag der Wanderer den Gedanken Rousseaus hier durchaus zu folgen.



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