© Klaus-Peter Kappest

Saarland on the rocks

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Deutschland

Erst stiefeln, dann exquisit tafeln, saisonal wechselnde Tafeltourenmenüs, Premiumwanderwege als Appetitanreger, Tafeltourenschürze, Markierung: Kochmütze.

Saarland on the rocks

"Die Eiswürfel meines Campari Orange klingeln im Glas. "On the rocks als Appetizer!" Jürgen Ressmann, 53 Jahre jung und frisch verheiratet, ist seit 20 Jahren Patron des kleinen lukullischen Tempels im saarländischen Kirkel. So ganz kann der Chef der Sterneküche seine österreichischen Wurzeln nicht verbergen. Der bewanderte Küchenmeister schwingt sich schon mal in Küchenchefmontur auf ein Fahrrad oder schnürt neuerdings mit gleichgesinnten Kollegen die Wanderstiefel. Ressmanns Residence unter der Kirkeler Burg gehört nämlich zu der ausgewählten Schar der Tafeltouren-Gastronomiebetriebe. Hier oder im Landgasthof Paulus in Sitzerath (Start- und Zielort der Tafeltour Grimburg – siehe WM 3/04), wo Thomas Nickels den Kochlöffel schwingt, gibt es speziell kreierte Tafeltourenmenues. Drei-Gänge-Menues mit garantiert frischen und vorwiegend regionalen Produkten in einem fairen Preisleistungsverhältnis.

Felsenpfad

Daß sich vier etwas verschwitzte Wandergesellen mit ihren Wanderschuhen in Ressmanns gemütlicher Bauernstube niedergelassen haben, stört den für seine Kochkünste berühmten Wahlsaarländer keinen Deut. Ob mir das frisch zubereitete Bärlauchpesto zu selbstgemachten Spätzle passen würde? Der zweifache Familienvater berät seine Gäste nämlich höchstpersönlich, läßt schon mal die handgeschriebene Menuekarte links liegen und komponiert aus dem Stehgreif ganz individuelle Gerichte.

Wir schwärmen von der genialen Kirkeler Burg, der mystischen Stimmung am Frauenbrunnen, der göttlichen Stille im Frauental und den sensationellen Buntsandsteingebilden am Kirkeler path of rocks. Ob er erzählen könne, welches Unglück sich am gleichnamigen Felsen zugetragen habe, wollen wir wissen. Die dunkelbraunen Augen des Patron strahlen, er könne uns auch die Sagen und Geschichten zu den Hollerlöchern, dem Naßfelsen, dem Magnesiumfelsen, der Sitzgruppen-Felsenhöhle oder der Hollerkanzel erläutern. "Nach dem Essen, meine lieben Gäste!"

Die Idee, Tafeln und Stiefeln auf hohem Niveau zu kombinieren, stammt nicht von ungefähr aus dem Saarland. Die Nähe zu den Leckermäulern im benachbarten Lothringen, die stattliche Zahl exquisiter Restaurants mit Sterneköchen und die zum Wandern wie geschaffenen, sehr unterschiedlichen Mittelgebirgslandschaften des Saarlandes, sind günstige Startvoraussetzungen für den neuesten Coup der saarländischen Touristik.

Die Vorgabe – alle vorgeschlagenen Tafeltouren müssen den höchsten Ansprüchen an Premiumwanderwege nach den strengen Vorgaben des Deutschen Wanderinstitutes entsprechen – wurde auch am Kirkeler Felsenpfad perfekt umgesetzt. Markiert wurde die Wandertour, wie alle Tafeltouren, mit einer Kochmütze auf weißem Spiegel. Die angeschlossenen Tafeltourenbetriebe präsentieren auf eigens gefertigten Menuekarten ihre Tafeltouren-Menues. Von der Rückseite kann man sich schon mal die weiteren Tempel der Genüsse notieren. Tischaufsteller in den angeschlossenen Betrieben weisen auf ein Bonusheft hin.

Wer will, kann sich für die sechs bis acht Touren (die genaue Zahl für 2004 steht erst Mitte August fest) in den teilnehmenden Betrieben die vollbrachte Wanderleistung und die empfangenen Genüsse für Leib und Magen per Stempel quittieren lassen. Eine wertvolle Kochschürze winkt bei einem vollen Bonusheft.

The rock – der Schaumberg

Der 569 Meter hohe Schaumberg, gekrönt durch den Schaumbergturm.
Der 569 Meter hohe Schaumberg, gekrönt durch den Schaumbergturm.

Ein neuer Tafeltourentag! Der Schaumberg ist der Hingucker, die Landmarke für Fern-Seher des Saarlandes. 569 Meter hoch erhebt sich der massive Bergrücken über das Sankt Wendeler Land. Nach Südwesten schließen sich kleine Waldhöcker an. An höchster Stelle lugt der 38 m hohe Schaumbergturm aus den Waldschleppen hervor.

Nach Ressmanns lukullischen Hochgenüssen gestern Abend und nach der traumhaften Felsentour steht heute eine Wald-, Fernblick- und Wiesenrunde auf dem Plan. Am Fuße des Schaumberges, der wie ein Fels in der saarländischen Brandung aus der Erde wächst, liegt Tholey. Seine Wurzeln sind keltisch, römisch und fränkisch. Noch vor der Wanderung zieht es uns in die gotische Abteikirche St. Mauritius. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß diese Kirchen- und Klostergründung ins 7. Jh. zurückreichen soll. Im Kirchenführer steht aber schwarz auf weiß, daß es die älteste Klostergründung auf deutschem Boden sei. Seit 1949 wohnen und arbeiten wieder Benektinermönche in Tholey.

Ein warmer, böiger Westwind fährt uns in die Gesichter, als wir am Wanderparkplatz unterhalb des Gipfels aus dem Wagen steigen und die Rucksäcke schultern. Traumhafte Blicke über einem Wiesen- und Felderteppich. Durchsetzt von kleinen Weilern. Wie schön muß erst die Aussicht vom Schaumbergturm sein! Die Kochmütze zeigt uns den Weg. Türme, Zinnen und Ausgucke gab es auf dem Gipfelplateau des Schaumberges schon vor 2.000 Jahren. Kelten schufen sich eine Fliehburg, die Römer errichteten zum Schutze der strategisch bedeutsamen Heer- und Verkehrsstraße nach Trier ein wehrhaftes Castrum, dann krönte eine mittelalterliche Burg das Haupt des Berges, und heute läßt sich der moderne Tippelbruder mit dem Aufzug unmittelbar unter die Aussichtsplattform befördern und genießt eine gnadenlos geniale Aussicht.

Mich begeistert besonders der südwestlich ausstreichende, flacher werdende Höckerrücken. "Sieht aus wie der Schwanz einer urzeitlichen Echse", meint Per, und seine blonden Locken wirbeln im Wind. Rainer und Matthias ordnen den Horizont. Hunsrück, Vogesen, Pfälzerwald, Donnersberg und vielleicht die Ardennen dort drüben? Dann tanzen wir mit dem Pfad durch Buchenwald.

An der kleinen St. Blasiuskapelle gibt uns der Wald die Freiheit. Hinein in ein Tal. Fasziniert beobachten wir das kindliche Spiel zweier Jungmarder und ihrer Eltern. Durch ein langsam gen Schaumberg ansteigendes Wiesental gewinnen wir wieder an Höhe. Matthias freut sich schon auf das Tafeltouren-Menue im Hotel Hubertus. "Surprise!" Noch gilt es aber, einsame Bergwiesen und einen dichten Waldteppich zu durchqueren. Mit prächtigen Ausblicken geleitet uns der Herzweg zum Parkplatz zurück. Herrliches Stiefeln. Auf zum Tafeln! Askese und Gaumenfreuden – ein ansprechendes Konzept.



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