© Klaus-Peter Kappest

Schwarze Städte - Thüringer Schiefergebirge

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Deutschland

Die Identität der Menschen einer Region wird maßgeblich durch die Landschaftsformen, aber auch dadurch geprägt, wie sie sich die Landschaft zunutze machen. Dies gilt besonders für den Häuserbau.

Wer mir nicht glaubt, weil er eine zubetonierte Umgebung Heimat nennen muß, sollte die Dörfer im Thüringer Schiefergebirge zwischen Sormitztal und bayerischer Grenze aufsuchen. Dann wird er verstehen, was durch die Verstädterung mehr und mehr an Kultur verloren geht.

Schwarze Städte

In den Anger- und Platzdörfern bei Probstzella und Lehesten haben sich Baustrukturen erhalten, die bis in das 12. Jh. zurückreichen. Deutlichster Ausdruck ihrer Verwurzelung in der Landschaft ist der allgegenwärtige Schiefer. Er bedeckt Wände und Dächer als wasserundurchlässige Schutzschicht, in einer Region, wo ich noch im Mai vom Schnee überrascht worden bin. Das Schwarz ganzer Häuserzeilen verschluckt die Sonnenstrahlen bei Trockenheit oder reflektiert sie glänzend nach einem Regenschauer. Was im Schiefergebirge aus dem Boden geholt wird, kommt aufs Dach!

Fernes Meeresrauschen

Das "Blaue Gold", das sich aus Tonablagerungen eines urzeitlichen Meeres entwickelt hat, wird bis auf den heutigen Tag, wenn auch in drastisch reduzierter Menge im Vergleich zu den Zeiten von 1870 bis zum 1. Weltkrieg, in der Region Lehesten – Schmiedebach abgebaut. Offene Steinbrüche und Halden sind die heute noch deutlich zu erkennenden Spuren des menschlichen Eingriffs in die Natur. Mittlerweile haben sich die aufgegebenen Brüche und Halden jedoch zu wertvollen Nischen für bedrohte Tiere und Pflanzen herausgebildet, die unter Naturschutz stehen. Arnika, wilde Orchideen, Waldmeister und Trüffel haben genauso wie Uhus, Kreuzottern, Schwarzstörche, Turmfalken und Fledermäuse in und um diese im Sommer bis zu 70°C heißen Biotope Rückzugsgebiete gefunden. Besiedelt werden die Schieferhalden – auf ihnen lagern die 95 % Schiefer des Abbaus, die nicht verwendet werden können - zuerst durch Krustenflechten, welche die Verwitterung des Schiefers und damit eine Freisetzung von Nährstoffen beginnen. Auf ihnen folgen Laubmoose, die Pionierbäume Birke und Kiefer, bevor ein "richtiger" Wald aus Fichten, Preisel- und Heidelbeeren, Heidekraut und Kräutern entsteht.

Viele Informationen zu diesem Thema gibt es im Naturparkzentrum in Leutenberg und bei einer Führung im Schieferpark Lehesten. Aus Tradition werden in dieser Region, wo noch bis zum Mauerbau 1961 Hunderte von Bayern im Abbau arbeiteten, touristische Projekte grenzüberschreitend verwirklicht. So zum Beispiel die thüringisch-fränkische Schieferstraße oder der 30 km lange Schieferlehrpfad vom fränkischen Ludwigstadt über den Schieferpark Lehesten nach Probstzella.

Im Grenzbereich

Wer eine abgeschiedene Region zum Wandern und Entspannen sucht, ist in Brennersgrün genau richtig. Unweit der Grenze zu Bayern ist auch dieses Dorf südlich von Lehesten in Schieferschwarz gehüllt. Ruhe, Abgeschiedenheit und Natur, das sind die Attraktionen rechts und links vom Rennsteig. Südlich vom Wetzstein mit seinem neu erbauten Altvaterturm führt der legendäre Steig an mehreren naturbelassenen Quellen vorbei, wie ich sie vorher so ursprünglich noch nicht gesehen habe. Mitten aus Wiesen heraus entstehen kleine Bäche von zauberhaftem Reiz. Ähnliches gilt auch für die Loquitzquelle, 400 Meter vom Weg entfernt. Überraschend auch das Naturschutzgebiet westlich von Brennersgrün, wo sich zwischen den hohen Fichten vereinzelt Laubbäume angesiedelt haben und von Pilzen übersätes Totholz vielen Insekten als Nahrungsgrundlage dient. Ein kleines Stück verläuft der Rennsteig dann auch am Rande des ehemaligen Grenzstreifens, dem sogenannten Schönwappenweg. Seine Grenzsteine bezeugen eine jahrhundertealte Tradition als Grenzgebiet, die heutzutage aber eher der Verbindung, denn der Trennung der beiden deutschen Freistaaten dient.



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