© Klaus-Peter Kappest

Softshell: Weiche Schale – Viel Funktion!

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Know How

Softshell: Zwei, statt drei Schichten für die Oberbekleidung, dafür aber superleicht, extrem atmungsaktiv, bedingt wasserdicht, meist winddicht, abriebfest, modisch und erschwinglich.

Die Sache ist relativ einfach: Weil die Mehrheit des Wandervolkes nicht unter extremen klimatischen Bedingungen wandert und auch selten, so die Profilstudie Wandern 2003, bei Wetterkapriolen der übelsten Art unterwegs ist, hat das Prinzip "bereit für den schlimmsten Fall der Fälle" ausgedient. Nicht nachzuvollziehen ist deshalb die aufgeregte Diskussion der Outdoorbekleidungshersteller, woher denn der Trend eigentlich kommen würde, was genau Softshell nun bedeuten solle und wie man dem wachsenden Bedürfnis gerecht werden könne.

Der Massenmarkt der Wanderer

Ist es nicht schlicht und ergreifend der massenhaften Nachfrage des eigentlichen Kernmarktes zu verdanken, daß nun neben die opulente Drei-Schichten-Theorie auch eine "abgespeckte", zweischichtige Angebotslösung gestellt wird? Schließlich wird niemand in der schweren, himalayatauglichen Superwetterschutzjacke herumlaufen wollen, wenn er eine Almwanderung bei herrlichstem Wetter, eine Mittelgebirgswanderung bei leichtem Schauerwetter oder eine Küstenwanderung bei Dauernieselregen absolviert.

Zum einen halten in hiesigen Breiten regelmäßig die Wetterphasen nicht ewig an, zum anderen wird jede Wanderung in den atmungsaktiven, aber dennoch für heißes Innenklima verantwortlichen Superteilen auf Dauer zur Tortur. Jedenfalls von Frühjahr bis Herbst. So atmungsaktiv kann gar keine Jacke sein, zumal wenn sie wirksam vor Wind, Kälte und Dauerregen schützen soll, daß sich nicht schon bei mäßiger körperlicher Aktivität rasch ein schweißtreibendes Binnenklima einstellt.

Einige tausend Gramm Gewicht und jede Menge Stauraum beanspruchen die teuren Wind- und Wetterschutzjacken mit und ohne Membranen ohnehin. Schon einen 25-Literrucksack kann man mit einer solchen Jacke bequem füllen, für Proviant, Fernglas, Getränke, Erste Hilfe etc. bleibt dann kaum noch Platz. Im Zweifel ist der Tages- oder Halbtagestourengeher dann mit einem 40 Liter Rucksack "over-equipped" unterwegs: Ein Rangerover mit Differentialsperre und Allradantrieb, wo es auch ein Polo tun würde.

Softshells

Die Grundidee der sogenannten Softshells (weiche Schale zum Unterschied von Hardshells, worunter man schwere Wind- und Wetterschutzjacken bzw. -hosen versteht) ist daher ziemlich banal: Wind- und Wetterschutzschicht und die Isolationsschicht werden zusammengefaßt. Punkt.

Was darf man von Softshells erwarten? Zunächst sollten sie hochgradig atmungsaktiv, leicht, bestens verstaubar, und strapazierfähig (abriebfest, farbbeständig etc.) sein. Sie müssen extrem schnelltrocknend und elastisch sein. Wer würde sich über nasse Beinkleider oder einen regennassen Anorak beschweren wollen, wenn diese nach dem Schauer binnen weniger Minuten an der frischen Luft trocknen würden? Und daß ohne dem Träger beim Trocknen Kälteschauer einzujagen? Ein Mindestmaß an Wind- und Nässeschutz muß aber gewährleistet sein. Als Faustformel darf gelten:

  • bis zu zwei Stunden mäßiger Regen
  • ein kräftiger Gewitterguß
  • ganztägiger, leichter Nieselregen

sollten Softshells wegstecken. Damit deckt man sicherlich 95–99% aller Wechselfälle eines normalen Wandererlebens ab.

Für den Notfall sollte man eine Garnitur (Jacke und Hose) der neuen wasserdichten, ultraleichten Regenschutzbekleidung dabei haben, alternativ ein Poncho oder einen der unkaputtbaren Outdoorschirme.

Wer sich geplant in Regionen mit extremem Klima und außerordentlichen Wetterverhältnissen begibt, wird ohnehin Ausrüstung und Bekleidung unter ganz individuellen Bedingungen planen und auswählen. Wind- und Wetterschutzbekleidung der Drei-Schichten-Theorie findet hingegen auch hierzulande regelmäßig im Winter und womöglich in den Übergangszeiten, dort jedoch nur im alpinen Gelände, ihren höchst sinnvollen Einsatz.

Softshell-Lösungen

Elastische Gewebe aus Polyamiden wie Lycra®, Cordura® oder CoolMax® sind eine Möglichkeit. Seit einigen Jahren bereits auf dem Markt, doch erst jetzt auch bewußt als Soft-shell-Lösung propagiert, sind Materialien, die mit 3Xdry® des Schweizer Herstellers Schoeller ausgerüstet werden. Mit dieser chemischen Ausrüstung kann man faktisch jedes Gewebe dauerhaft von außen wasserabweisend machen, während Feuchtigkeit von innen nach außen diffundieren kann. Der britische Hersteller Burlington bietet eine ähnliche Lösung für Gewebe mit der 2-sides Nano-Technology an. Andere Hersteller verkleben zwei Gewebe, wobei jede Lage eine spezielle Funktion erfüllt. Die Oberseite weist Wasser ab, die Unterseite saugt Feuchtigkeit an und leitet sie weiter.

Eine völlig andere Herangehensweise ist das Arbeiten mit Laminaten. Softshell-Laminate sind meist dreilagig. Außen liegt die wasserabweisende Schicht, in der Mitte befindet sich die Membranschicht, die wasserdampfdurchlässig ist und bedingt Wind abweist, und innen eine hautverträgliche Fleeceschicht, die Feuchtigkeit von der Haut wegführt. Aber lassen Sie sich nicht irritieren: Achten Sie gerade hier auf Markenware. Schwachpunkte sind häufig die Verschweißung der Nähte und die Qualität der verwendeten Membranen.

Softshell-Lösungen aus Windstoppern

Während die vorgestellten Varianten einem Abspecken der Wind- und Wetterschutzschicht gleichkommt (downgrading), stellen die Fortentwicklungen der Windproofs (upgrading) eine Art "Aufrüstung" der ursprünglich als Isolationsschicht (2. Schicht) positionierten Jacken und Pullundern dar. Basis eines Windstoppers ist stets ein hochwertiges Microfleecegewebe.

Einige Hersteller kombinieren dies nun mit einem Futter für die Innenseite. Dabei nimmt der Träger das Feuchtegefühl während der Regenperiode bewußt in Kauf, weil diese Softshells umso schneller wieder trocknen. Mit unterschiedlich dickem Fleece kann sich der Träger an die jeweilige Außentemperatur anpassen.

Eine weitere Alternative sind Füllfaservliese. Hier setzt man statt Fleece einfach Vliese ein, die mit einer Schicht Mikrofasergewebe gefüttert wurden. Als Vliese kommen Primaloft® (bekannt als Füllmaterial für Schlafsäcke) oder ThermoLite® zum Einsatz.

Was tun?

Wer mit seinen Wandervorhaben in das oben beschriebene Normal-Profil paßt, sollte auf Softshell-Lösungen umschwenken. Dabei ist unserer Meinung nach die Jacke wichtiger als die Hose. Bei der Hose reicht eigentlich ein praktisches, vielleicht zippfähiges, schnell trocknendes und leichtes, handelsübliches Beinkleid. Als Oberteil sollte man die zwischen 150 und 300 Euro teure Investition in eine Softshelljacke unbedingt wagen. Ergänzend empfehlen wir eine ultraleichte Regengarnitur oder einen Outdoorschirm.

Wer auch für diese Fälle nicht auf hochgradige Atmungsaktivität verzichten will, sollte nach Regenschutzhosen- und jacken mit Packlite® von Gore achten. Sie sind teurer, aber wahrhaft komfortabel, unverwüstlich, extrem leicht und praktisch in jeder Hosentasche zu verstauen. Bei allem ist wichtig, daß Sie sich nicht an das Produktangebot anpassen lassen, sondern das Passende für Ihre Wünsche und Vorhaben aussuchen. Nicht Sie müssen sich ändern, das Angebot muß sich ändern. Nur so erreicht man auch, daß die Outdoorindustrie endlich den eigentlichen Massenmarkt (den der Wanderer) wahrnimmt und dauerhaft anwendergerecht bedient!



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