© Klaus-Peter Kappest

Versuch's mal mit Gemütlichkeit - Wanderbilderbuch Kraichgau-Stromberg

Ausgabe 118 – Ausgabe 4/2004

Deutschland

Was einst der Verteidigung diente, mutet heute vollkommen zivil an: Grazil winden sich die silbrig glänzenden Buchenstämme in die Höhe, nur an ihrem Fuße hauchdünn bemoost.

Krieg und Frieden

Das Special Kraichgau-Stromberg als Beilage zum Heft.
Das Special Kraichgau-Stromberg als Beilage zum Heft.

Ihre Wurzeln liegen wie ausgebreitete Arme quer über dem Weg, als wollten sie einen Zoll kassieren, vielleicht für den frühlingsfrischen Waldgeruch. Im Wannenwald zwischen Maulbronn und Mühlacker wandert man noch urig "über Stock und Stein", direkt auf der Schanze des "Eppinger Linienwegs" (Tip S. 9). Die Eppinger Linien wurden Ende des 17. Jahrhunderts erbaut, um das dahinterliegende Land gegen die unter Ludwig XIV nach Osten drängenden Franzosen zu verteidigen. Dazu ließ der "Türkenlouis", wie der Oberkommandierende Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden genannt wurde, die "Gelände-Schwachstelle" zwischen Odenwald und Schwarzwald verschanzen. Von Neckargemünd bis Eppingen erschwerte die Elsenz als natürliche Barriere den Zugang. Zwischen Eppingen und Mühlacker wurden auf weiten Abschnitten Schanzen angelegt: Hinter einem 2,50 Meter tiefen Graben erhob sich eine bis zu sechs Meter hohe Böschung mit eingerammten Palisaden als zusätzliches Hindernis. Vor den Schanzen lag ein etwa 40 Meter breites "Verhack". Diese Schneise verbarrikadierte dem Feind mit ihrem undurchdringlichen Wall aus übereinandergeschichtetem Abgeholztem zuvorderst den Weg. Noch heute kann der Wanderer auf dem Wall das Verhack erahnen, wenn er nach Westen in die lichten, aber wilden Gebüschsäume blickt. Auch die Nachbildungen von Palisaden und einer "Chartaque", so hießen die hölzernen, viereckigen Wachtürme entlang der Eppinger Linien, veranschaulichen die damalige Verteidigungsfunktion.

Äpfele und Birnle

Fast exakt durch die Mitte des Kraichgaus zieht der Eppinger Linienweg seine Achse. Doch auch zu seiner "Linken" und "Rechten" lohnt sich das Wandern. So durchquert man im Kraichgauer Westen schattige Schluchtwälder in der feuchtkühlen Ungeheuerklamm, einer kluftartigen Talklinge (Tip S. 10). Kurz darauf schließt sich mit "Michaelsberg und Habichtsbuckel" das nächste Naturschutzgebiet an. Über den Südhang geht es an Streuobstwiesen vorbei hinauf zur weiß geputzten Michaelskapelle. Sie thront erhaben an schönster Stelle auf dem Michaelsberg und überblickt das gesamte Rheintal bis zu den Pfälzer Waldbergen. Diese Route verläuft übrigens auf einer der sieben ÖkoRegio-Touren des Naturschutzbundes Baden-Württemberg. Schwerpunktthema des Kraich-gau-Rundkurses um Bruchsal und Bretten sind – wie könnte es anders sein – die in Deutschland mittlerweile selten gewordenen Streuobstwiesen. Sie machen aus dem Kraichgau diese Bilderbuchlandschaft, die man am liebsten einpacken und mit nach Hause nehmen würde, um auch dort zwischen bunten Blumen und hohen Gräsern unter einem Apfelbaum sitzen, an einem Grashalm kauen und in die Sonne blinzeln zu können.

Faszination Felsenlabyrinth

Um diese Augenweiden auch noch zukünftig genießen zu können, sollten Wanderer ihren Durst mit Most und Apfelsaft aus dem Streuobst der Region löschen, denn damit unterstützen sie die Wirtschaftlichkeit der Wiesen. Ein Streuobstmuseum in Bruchsal und Obstlehrpfade erklären die hier gedeihenden, alten Obstsorten, ihre Herkunft sowie die Verarbeitung und Verwendung von Äpfeln, Birnen, Zwetschgen oder Nüssen. Wer seinen Durst aber lieber mit Wein löscht, ist am östlichen Rand des Kraichgaus gerade richtig, den Hessigheimer Felsengärten am Neckar. Durch die wertvollen Steillagen der Felsengartenkellerei führt z.B. die Wanderung "Besigheimer Felsengärten" (Tip S. 17). Richtige Gänsehaut bekommt man bei dem fast senkrechten, 100 Meter tiefen Blick hinab auf die Wasseroberfläche des Neckars: Hoch oben von den schroffen Plateaus der Felsen, die aus den steilen Hängen des Wurmbergs zwischen Besigheim und Hessigheim herausragen. Dicke Hummeln summen hier über den Weißdornblüten. Doch je weiter man am Fuße der Felsen in den Irrgarten aus Gestein vordringt, desto spärlicher wird der Bewuchs. Ab und zu sind ein paar Steine und kleinere Felsen zu überklettern. Der Weg verengt sich klammartig. Spürbar kühl und feucht ist es zwischen den gut zwanzig Meter aufragenden Felswänden. Am Ende des schmalsten Stücks führt der Weg über einige Felsstufen auf den oberhalb der Felsen verlaufenden Wanderpfad zurück. Und schon ist die wilde, bizarre Felsenwelt wieder gegen die kultivierte Weinlandschaft eingetauscht. In den Weinbergen herrscht in diesen lauen Maitagen allerorts rege Betriebsamkeit: Die Weinbauern beschneiden sorgsam die letzten Frostüberhälter oder bringen neuen Dünger auf.

Kulturgenuß

Vom Rand zurück zur Mitte des Kraichgaus führen die malerischen Täler, z.B. entlang des Kirbaches oder der Metter, die sich zwischen den Strombergrücken durch den Naturpark Stromberg-Heuchelberg schlängeln, oder die Wanderwege entlang der Höhenzüge. Trifft man jenseits der Täler wieder auf den Eppinger Linienweg und wandert nach Süden, dann tauchen irgendwann zwischen Obstbäumen die roten Schindeldächer der Gebäude des ehemaligen Zisterzienserklosters Maulbronn auf. Alternativ zum "malerischen, die hohe Mauer öffnenden Tor", wie Hermann Hesse den Klostereingang beschreibt, gelangt man von Norden über eine schmale Holzbrücke auf den Wehrgang innerhalb der mächtigen Mauern. Eine steile Stiege mit 45 Stufen führt hinunter in den Klosterhof. Vor 850 Jahren erbaut und 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe geadelt, zeugt die besterhaltene Klosteranlage nördlich der Alpen sowohl von romanischen als auch von gotischen Bauperioden. Nicht die dreischiffige basilikale Klosterkirche, nicht die imposanten Kreuzgänge mit dem dreistufigen Brunnen allein faszinieren. Es ist vielmehr das gesamte Ensemble mit Klausurbauten und Wirtschaftsgebäuden – ein eigenständiges Dorf inmitten der beschützenden Ummauerung – das die ganz besondere Atmo-sphäre an diesem Ort schafft. So vereint der Eppinger Linienweg heute harmonisch den Gegensatz eines friedvollen Ortes der Einkehr und Stille mit den einstigen kriegerischen Schauplätzen an hartumkämpfter Front.

Eine Insel?

Als vor 200 Millionen Jahren das Erdzeitalter der Trias (griech. Dreiheit) endete, lagen die als "Keuper" bezeichneten Gesteinsschichten obenauf. Bekannter aus diesem Trio sind der weichere Muschelkalk und der Älteste, der Buntsandstein. Mit Strom- und Heuchelberg ragt eine Keuperinsel aus dem flachwelligen Muschelkalkmeer des Kraichgaus. Ihre heutige Existenz hat sie der früheren Lage in einer Mulde zu verdanken, und der Tatsache, daß der darunterliegende Muschelkalk viel weicher ist. Die Keuperschichten wurden abgetragen, bis der Keuper in der Mulde mit dem Muschelkalk an den Rändern eine Ebene bildete. Die raschere Abtragung des weicheren Muschelkalks formte nun die einstige Mulde zum Berg: Das Relief wurde umgekehrt. "Geologische Fenster" eröffnen den Blick in die Vergangenheit. So sieht man am "Weißen Steinbruch" bei Pfaffenhofen auf etwa 370 Höhenmetern mit dem sog. Stubensandstein eine Schicht des Mittleren Keupers, während am ca. 70 Meter tiefer gelegenen Oberderdinger Horn die unterste Schicht aus der gleichen Periode bloß liegt, der Gipskeuper mit Übergang zum Schilfsandstein.



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