© Klaus-Peter Kappest

Saarländer Tafeltouren: Prall & Wild

Ausgabe 119 – Ausgabe 5/2004

Deutschland

Schlüsselstelle oder Steilkerbtal, Flußschlinge oder Spitzkehre, Urwald oder Wildwald, Fujijama oder Berghalde, das Saarland perfektioniert das Stiefeln und Tafeln weiter.

Der Sommer ist gekommen. Über Nacht. Azurblau oben, unten noch nebelweiß im steilen Kerbtal der Saar. Die Eichen-Schluchtenwälder leuchten türkis-grün. Unterwegs auf der Saarschleifen-Tafeltour mit Start- und Zielpunkt in Mettlach. Eine weitere Episode im Abenteuer Tafeln & Stiefeln. Belle cuisine und belvue – so lautet die doppelte Gewinnformel.

Montclair und die Cloef

Norbert stiefelt vor mir. Er entdeckt als Erster die Aussicht auf das enge Saartal oberhalb der Mettlacher Schleuse. Ein leeres Schubschiff "pellt" sich unvermittelt aus dem engen Kerbtal. Als würde der Dschungel einen Fremdkörper ausspucken. Vom Breitenstein, einem Aussichtsfelsen vor der Burgruine Montclair, erkennen wir erstmals gegenüber den berühmten Aussichtspunkt der "Cloef".

Die hohen Türme und die neuen Laufgänge in schwindelerregender Höhe verleihen der Burg ungeheure Dramatik. Passend zum Standort über dem schmalen Bergriegel, den die Saar mit ihrer kühnen Spitzkehre zu erwürgen scheint. Kelten waren die ersten Burgeigentümer. Die wahren Namensgeber, die Herren von Montclair, nutzten die mächtige Wehrburg schon nicht mehr zu Wohnzwecken.

Erstaunt schlage ich wenig später unten am Saarufer die Glocke an. "Fährmann hol über!" Der Kapitän kommt prompt mit seinem erwachsenen Schiffsjungen herangebraust. Durch das stille Steinbachtal steigen wir in Kehren und Schleifen bergauf. Spannung pur. Wir treten ein in ein kleines Freilichtkino mit Superbreitleinwand. Seit Jahrmillionen spielt hier die tief unter uns strömende Saar die Hauptrolle. Der Monumentalstreifen "Wie kriege ich nur diese Quarzitfelsenriegel klein?" ist der Besuchermagnet der Region. Cloef, so heißt es, ist ein Wort der Kelten und bedeutet steiles Felskerbtal.

Die riesigen Steinhalden im Prallhang sind das Ergebnis extremer Temperaturunterschiede in einem kostbaren Lebensraum. Reiher und Eisvogel haben sich das einzigartige Landschaftsschutzgebiet zurückererobert. Wir sind fasziniert von den Felsgebilden, die den Rückweg nach Mettlach so kurzweilig gestalten. Eine Aussicht ist schöner als die andere. Mettlach ist die Stadt des Weltkonzerns Villeroy & Boch. Seit 1836 genießt die Welt Keramik aus dem Saarland. Norbert steuert einen Biergarten unterhalb der Mettlacher St. Lutwinuskirche an: "Hochgenuß auf Hochgenuß!"

Schlingpflanzen und Todholz

Szenenwechsel. Der Urwald vor der Stadt ruft. Noch vor einigen Jahrzehnten beuteten Bergleute die versteinerten Hinterlassenschaften des Urzeitenwaldes im Saarkohlenwald aus. Heute erobert sich ein neuer Urwald rund um das Forsthaus Neuhaus angestammten Lebensraum zurück.

Peter Schneider, Urwaldförster von Beruf, ist stolz darauf, zwischen drei Autobahnen, ein Stück Paradies mit S-Bahnanschluß betreuen zu dürfen. Neuester Clou ist eine knapp 8 km lange Tafeltour mit verschiedenartigen Naturlebensräumen. 1.011 ha des 2.444 ha großen Saarkohlen-waldes vor den Toren der saarländischen Landeshauptstadt haben nun den gesetzlichen Auftrag: Leben und Sterben lassen.

Norbert will es nicht glauben, als wir in Kirschheck aus der S-Bahn klettern: "Wald sehe ich wohl, aber bleiben wir hier auch der kulinarischen Dramaturgie treu?" Ich erzähle, daß Saarbrücken als heimliche lukullische Hochburg Deutschlands gilt und gegen 20 Minuten S-Bahnfahrt zwischen Wildwald und Genußtempel nun wirklich niemand etwas haben kann. Als ich meinem Wandergefährten und Leckermaul von dem neuen gastronomischen Anziehungspunkt oben im Forsthaus Neuhaus erzähle, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Na denn!

Etwa die Hälfte des Wanderweges, dessen buchstäblich urwüchsige Ausschilderung schilderverliebte Wanderscharen nicht schlecht staunen läßt, schlängelt sich bergab und talauf mitten durch den Wald. Gelegenheit, Kletterpflanzen in inniger Umarmung einer Rotbuche zu bewundern. Baumriesen, die der Sturm oder der Zahn der Zeit niedergestreckt hat, verrotten in majestätischer Eleganz. Todholzschwämme bilden Galerien. Spinngewebe flirren im Sonnenlicht. Nur gelegentlich, wie hier am kegelförmigen Haldenberg des Fuji, sind die Zeugnisse des Bergbaus noch ganz präsent. In 20 oder 30 Jahren wird man davon vermutlich auch nichts mehr erkennen können. Die Zweige eines Jungwaldes peitschen uns ins Gesicht, wir queren ein eingekerbtes Bachtal.

Das Bächlein ist trockengefallen. Schmetterlinge tanzen über dem brackigen Modder. Norbert deutet auf den hallenartigen Buchenwald über uns. "Das hat was!" Langsam asten wir durch den Altwald aufwärts. Er erinnert an das Innere einer ehrwürdigen Kirche. Norbert fühlt sich eher an einen dämmrigen Weinkeller erinnert. Ich weiß die Andeutung wohl zu deuten: "Geduld!"



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