© Klaus-Peter Kappest

Auf dem Keltenweg über den Hunsrück an die Mosel

Ausgabe 120 – Ausgabe 6/2004

Deutschland

Gegen Mittag verlassen wir den klimatisierten Zug und werden in Kirn von sommerlicher Wärme empfangen. Auf dem besucherfreundlichen Bahnhofsvorplatz mit Bänken, Toiletten und Waschmöglichkeit, rüsten wir uns zur großen Tour. Obgleich wir an diesem Tag noc

Von Kirn auf die Hochfläche des Hunsrücks

Das ehemalige Piaristenkloster, die Stiftskirche mit ihrem romanischen Turm und die Dominik Apotheke gefallen uns. Aber bald liegt die Stadt hinter uns, und eine Gruppe von elf Personen steigt mit ihren Rucksäcken langsam auf den Hunsrück hinauf. Sicher kein alltägliches Bild, aber zur Nachahmung empfohlen. Mühelos erreichen wir die Höhe und die wunderbare, vom Alltag gelöste Stimmung findet auch hier ihre Fortsetzung. Zunächst begleiten uns eindrucksvolle Rückblicke in das Nahetal und bald sind wir auf der hügeligen Hochfläche des Hunsrücks, die ihrerseits noch von bewaldeten Höhenzügen überragt wird. Am Sportplatz von Hennweiler können wir unsere bereits arg dezimierten Wasservorräte ergänzen.

Über den Lützelsoon

Zunächst erreichen wir die von Wald umgebene Hirtenwiese, ein Naturschutzgebiet. Sie gleicht an diesem Maitag einem botanischen Garten. Wir sehen Hunderte von Orchideen in verschiedenen Farben und die Platterbsen mit ihren schmalen Fiederblättchen. Am Gipfel des Lützelsoons erwarten uns eine imposante Felsengruppe aus hartem Quarzit und ein ständig geöffneter Aussichtsturm. Der Blick zeigt die ganze Schönheit des Landes und wird nur durch ferne Bergzüge begrenzt. Unterhalb des Turms rasten wir in völliger Einsamkeit. Dann nimmt uns das ausgedehnte Waldgebiet des Lützelsoons auf. Hier versteckte sich einst der unter dem Namen Schinderhannes bekannte Johannes Bückler mit seinen Räubern und bis 1850 gab es sogar noch Wölfe. Wir kommen unbeschadet hindurch, aber bei einigen Wanderfreundinnen treten verständlicherweise erste Ermüdungserscheinungen auf. Schließlich erreichen wir das schön gelegene Kirchberg, die älteste Stadt im Hunsrück. Ihr markanter Wasserturm diente von 1901 bis 2001 der Wasserversorgung. Ein Bier zur Ankunft muß sein, auch wenn es bereits etwas später als geplant ist. Das Zimmer kann warten. Ohne Gelassenheit kein Wandergenuß!

Auf alten Wegen von Kirchberg nach Mittelstrimmig

Der nächste Morgen beginnt verheißungsvoll. Unser in der Stadtmitte gelegenes Hotel bietet einen schönen Blick auf den noch autofreien Marktplatz in der Morgensonne. Nach einem ausgezeichneten Frühastück werden Blasen versorgt und Proviant eingekauft. In Kirchberg kreuzen wir die Ausoniusstraße, einen römischen Fernweg von Bingen nach Trier. Der Name geht auf den römischen Dichter Decimus Magnus Ausonius zurück. Dann ziehen wir wieder über das Land, meistens an Waldrändern entlang und an den Ortschaften vorbei. Dichte Wolken verhüllen die Sonne. Es ist kalt geworden, fast 20 Grad Temperatursturz seit gestern, und der Nordwind zerzaust uns immer wieder. Damit wird aber der moderne Wanderer dank guter Ausrüstung problemlos fertig. Zur Rast finden wir eine geschützte Lichtung im Wald. Uns geht es gut, und alle sind zufrieden. Es ist etwas Wunderschönes, mit einer solchen Gruppe unterwegs zu sein und alles gemeinsam erleben zu dürfen. Am Abend lassen wir uns nach Kirchberg zurückfahren, und am nächsten Tag werden wir erneut von Kirchberg aus an den Einstieg gebracht. Unser Freund Rainer, der sich um die Gasthäuser und alle Fahrten kümmert, hat uns dadurch zu einem Tag Wandern mit leichtem Gepäck verholfen. Außerdem konnte er es organisieren, daß wir das Menü eines am Abend in dem Haus stattfindenden Festes zu einem äußerst günstigen Preis bekommen. So haben wir bei Musik mitgefeiert und es war ein schöner Abend. Man sollte auf einer solchen Tour nicht alles vorher planen, der Zufall beschert oft schöne Erlebnisse.

Der Abstieg ins Moseltal

Der Transfer von Kirchberg nach Mittelstrimmig klappt problemlos. Auch am dritten Tag bleibt es kalt, aber strahlender Sonnenschein umgibt uns. Auf der Höhe ist die Fernsicht über den Hunsrück beeindruckend. Dann steigen wir hinab und erreichen das Flaumbachtal, wo Curd Jürgens und Maria Schell mit menschlicher Wärme und großem schauspielerischen Können 1958 das berühmte Räuberpaar gespielt haben, deren Liebe tragisch geendet hat. Der Weg durch den Wald von Bruttig-Frankel ist durch die vielen archäologischen Hinweise sehr kurzweilig. Besonders auffallend sind die Grabhügel. Der feste Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, an eine große Reise, die angetreten wird und die Notwendigkeit von nützlichen und auch unterhaltenden Grabbeigaben, wie z. B. einem Brettspiel, haben uns beeindruckt. Dann kommt die letzte Rast, alle Vorräte werden verzehrt, und bald darauf blicken wir hinab ins Moseltal zu unserem Ziel. In Treis-Karden überqueren wir glücklich die Mosel und finden in der Nähe des Bahnhofs ein gemütliches Weinlokal, wo bald Freude und Begeisterung hohe Wellen schlagen. Es sind Sternstunden der Lebensfreude. Eine Streckenwanderung über mehrere Tage sollte man sich gelegentlich gönnen. Für uns, langjährigen Gefährtinnen und Gefährten, gibt es wenig Gleichwertiges!



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