© Klaus-Peter Kappest

Winterwandern in Vorarlberg

Ausgabe 120 – Ausgabe 6/2004

Österreich

Der landschaftliche Zauber der winterlichen Bergwelt, die klare Luft und die Lichtfülle der Wintertage in den Alpen, die in dieser Jahreszeit für die Gesundheit so wertvoll sind, haben seit einem halben Jahrhundert den Winterurlaub immer beliebter gemacht

Winterfreuden auch ohne Pistengaudi

Im österreichischen Vorarlberg gibt es mittlerweile viele präparierte und markierte Winterwanderwege, auf denen Fußgänger die Schönheit des alpinen Winters erleben können. Die Auswahl erstreckt sich von den Tälern bis in alpine Höhen, die bequem und zeitsparend mit Liftanlagen erreichbar sind. Man kann von einer bis mehrere Stunden und von nahezu eben bis steil ansteigend nach Kondition und Lust aus einem breiten Angebot auswählen. Winterwege bieten soviel Sehenswertes! Von schmucken Dörfern gelangt der Winterwanderer hinaus in die Winterlandschaft mit ihren kristallklaren Bächen, dem tief verschneitem Bergwald und den Almen auf sonnigen Höhen.

Für die sportlich ambitionierten Winterwanderer bietet sich als besonderes Erlebnis das Schneeschuhwandern an. Außer etwas Kondition sind dazu keine Vorkenntnisse erforderlich. Wer will, kann sich aber zunächst von einem Führer ins "Trappern" einweihen lassen. Es ist ein großartiges Gefühl, mit diesem Hilfsmittel auf markierten Routen durch die Einsamkeit der Berge zu stapfen.

Zwischen Bezau und Bizau

Die Wege sind hier nahezu eben und zum Eingehen ganz hervorragend geeignet. Die Ortschaften erfreuen uns mit vielen schönen Häusern im charakteristischen Baustil des Bregenzer Waldes. Nicht minder reizend am Sonntagmorgen die "Wälder"-Frauen in ihrer Tracht: Hohe schwarze Hüte, lange dunkle Röcke und bunt gestickte Mieder – das wirkt in der winterlichen Umgebung besonders markant. In Reuthe führt unser Weg an der Pfarrkirche zum Heiligen Jakobus vorbei. Es ist die älteste Kirche dieser Gegend. Am Chorbogen hat man Fresken aus dem 15. Jahrhundert freigelegt und restauriert. Bald sind wir wieder in der unberührten Natur. Nachdem der Himmel zunächst bedeckt war, reißt die Wolkendecke am späten Nachmittag auf, die Gipfel der Berge funkeln im Abendlicht, während es im Tal langsam dunkel wird. Schnee knirscht unter unseren Füßen, die Temperatur fällt rasch. Wir betreten ein Gasthaus, und uns umgibt ein Gefühl der Behaglichkeit und Geborgenheit – man muß es einmal selbst erleben.

Almsiedlung im Winterschlaf

Die beliebte Skilanglaufroute von Sibratsgfäll zum Schönenbach-Vorsäß ist auch auf einem romantischen Winterwanderweg für einiger-maßen trainierte Wanderer problemlos zu begehen. Wir beginnen unsere Tour bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Aber der Aufstieg wärmt. Zunächst wandern wir über weite Almböden, dann in einem engen, schluchtartigen Tal. Aus dem Bergwald mit seinen Buchen und Tannen hören wir ganz schwach und zaghaft Vogelstimmen, der einzige Laut in der still ruhenden Winterlandschaft. Nach einem weiteren Aufstieg erreichen wir eine Ansammlung stattlicher Holzhäuser, darunter ein Gasthaus und eine Sennerei. Aber alles ist verschlossen, weit und breit kein Mensch zu sehen. Der Grund: Auf das Vorsäss werden die Tiere erst etwa Ende Mai gebracht, damit sie, wenn die höher gelegenen Almen noch nicht beziehbar sind, bereits in den Genuß von frischem Futter kommen.

Nach einem kleinen Imbiß aus dem Rucksack wandern wir zurück. An diesem Tag ist eine seltene Naturerscheinung zu beobachten. Wir trauen unseren Augen nicht: Der dünn bewölkte Himmel ist gelb-orange verfärbt. Nach starken Stürmen in Tunesien wurde Sand aufgewirbelt, der mit einer ungewöhnlich starken südlichen Luftströmung bis zu den Alpen transportiert wurde. Die Sahara läßt grüßen. Auf dem Rückweg rasten wir lange an der warmen Bretterwand einer Hütte.

Hoch über Bezau

Die weiten waldfreien Flächen der Almsiedlung Sonderdach sind immer einen Besuch wert. Wir wandern von der Mittelstation der Seilbahn zunächst nach Osten ansteigend. Die Schuhe drücken sich heute etwas tiefer in den weichen Schnee ein. Es ist einer jener Föhntage in den Nordalpen, dessen Stimmung schwer zu beschreiben ist. Kein Lüftchen regt sich. Der von einer dünnen Wolkendecke überzogene Himmel läßt die Sonne als blasse helle Scheibe erkennen. Dabei ist es ziemlich warm. Das Thermometer zeigt 10° Celsius an. Von den Dächern der Hütten tropft der abgetaute Schnee herab. Bald erreichen wir den Aussichtspunkt Leugehralpe mit ihrem großen Holzkreuz und blicken von dem tief eingeschnittenen Tal bis in die Gipfelregion der umgebenden Berge. Bereits nach einer Stunde sind wir wieder am Ausgangspunkt. Winterwanderer sind auch für solche Wege sehr dankbar, nicht immer kann und möchte man stundenlang laufen.

In luftiger Höhe

Von der Bergstation der Bezauer Seilbahn auf der Baumgarten Höhe wandern wir am Rand der Skiabfahrt in Richtung "Niedere". Es ist zum Abschluß nochmals ein Höhepunkt unserer Winterwanderungen im Bregenzer Wald. Begünstigt durch den Föhn bietet sich ein nicht alltägliches Panorama. Wir sehen den Säntis in der Schweiz, den Bodensee, die Nagelfluhkette im Norden und die Kanisfluh mit den benachbarten Bergen. Zu Beginn des Aufstiegs kommen einige Skifahrer vorbei, dann sind wir völlig allein und dies an einem der begehrtesten Wintersportsonntage des Jahres. Die Kunst des Reisens besteht wohl auch darin, daß man zu einer bestimmten Zeit die richtige Gegend auswählt. In dem gemütlichen Gasthaus Innauer, dem Elternhaus des Skisprung-Olympiasiegers Toni Innauer, beschließen wir unsere Winterwanderungen im Bregenzer Wald.

Schneeschuhlaufen im Silbertal von Montafon

An der Bergstation der Kristbergbahn in 1443 m Höhe beginnt die für uns ganz unbekannte Fortbewegungsart im winterlichen Gebirge. Bergführer Johannes befestigt die Schneeschuhe selbst am Bergschuh. Schon nach wenigen Minuten Laufen sind alle Hemmungen überwunden. Die Gehhilfen sind außerordentlich leicht. Ob im tiefen Schnee oder auf harter Unterlage, bergauf und bergab, man geht rasch und sehr sicher. Es macht großen Spaß und vermittelt ein Gefühl von Freiheit, wenn man sich unabhängig von Wegen auf tiefverschneiten und unberührten Hängen fortbewegen kann. Manuela, ein Kind des Montafons, erzählt uns mit Begeisterung von ihrer Heimat und von Bergknappen, die vor Jahrhunderten den Kristberg besiedelt haben, um aus seinen Tiefen Kupfer- und Silbererz zu holen. Viel zu schnell vergeht die Tour am Vormittag, und die Lust auf mehr ist groß.

Ein Kleinod des Montafons

An der Sonnenseite des Berges in wunderschöner Lage mit Prachtblick auf die Rätischen Alpen thront der mit drei Sternen ausgezeichnete Panoramagasthof Kristberg. Das dunkle Holz verleiht dem Gebäude in der Winterlandschaft schon von außen Wärme und Behaglichkeit. Auf der nicht überdimensionierten Terrasse treffen sich Skifahrer, Snowboarder, Langläufer und Winterwanderer zum gemütlichen Beisammensein. Und über dem Haus, gewissermaßen als Bewacher dieser Idylle, steht das Agatha-Kirchlein. Manuela erzählt, daß es die älteste Kirche des Montafons sei. Nach einer Sage soll die Kirche von Bergknappen nach einer wundersamen Errettung errichtet worden sein.

Mit Schneeschuhen zum Aussichtspunkt Ganzaläta

Zunächst ist ein längerer Aufstieg zu bewältigen. Aber der Ausblick ist so großartig, daß wir gar nicht dazu kommen, über die Anstrengung nachzudenken. Auf den hohen Gipfeln und Scharten treibt der Wind sein Spiel mit dem Schnee und fegt ihn in den Himmel. "Jochbiescher" nennt man hier dieses faszinierende Naturschauspiel. Johannes meint, daß es ein sicherer Vorbote für schlechtes Wetter sei. Die Schneefelder unterhalb der Gipfel und Grate funkeln in der Sonne. In tieferen Lagen beginnt dann der dunkle Bergwald, der sich bis in die Täler erstreckt. Auch an einem kurzen Steilstück bewähren sich unsere Schneeschuhe, und bald haben wir die Höhe erklommen. Der Blick öffnet sich ins Klostertal und das darüber befindliche Lechquellengebirge. Wir beschließen das herrliche Erlebnis mit dem sehnsüchtigen Blick zurück ins Silbertal und auf den Kristberg.

Lebendiges Brauchtum

Am ersten Sonntag der Fastenzeit kann der Winterwanderer einem besonders eindrucksvollen, jahrhundertealten Brauch beiwohnen. Zu dieser Zeit findet in allen Vorarlberger Gemeinden auf den Funkenplätzen im Tal das Funkenabbrennen statt. Man errichtet einen Turm oder Haufen aus Abfallholz und befestigt darauf eine mit Pulver gefüllte Hexe. Durch das Verbrennen der Hexe soll der Winter ausgetrieben werden. Zur Funkenfeier gibt es meistens Blasmusik, Hefegebäck und Glühwein. Eine besonders schöne Schilderung gibt Richard Beitl in seinem Roman "Angelika": "Rauchend und klirrend hat sich der Funken geneigt. Wolken von stiebenden Funken und Rauch wälzten sich vom Gipfel der Feuersäule weg und quirlten in den dunklen Nachthimmel."



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