© Klaus-Peter Kappest

Wo das Stöffche wächst

Ausgabe 120 – Ausgabe 6/2004

Deutschland

Sie sind uralt. Sie sind kleine Biotope. Höhlenbrüter, Fledermäuse, Insekten und die ganze Vogelschar lieben sie. Sie sind ein Augenschmaus: Die Streuobstwiesen der Wetterau.

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Die Streuobstwiesen der Wetterau

Im Sommer, wenn sie wie grüne Regenschirme die satten Wiesen über Hügeln, Dellen und Talsenken hinweg dominieren, im Herbst, wenn die zentnerschwere Last auf die Ernte wartet und sich alle Braun- und Gelbtöne der Welt wiederfinden, und im Winter, wenn sich die hochstämmigen Bäume im Novembernebel oder dem Januarschnee schwarz vom umgebenden Wieß abheben. 220.000 der hochstämmigen, teils betagten Obst- und Apfelbäume zählt man in der Wetterau noch.

Es ist der Landstrich, wo das "Stöffche" wächst. Jener süffige Äppelwoi, der die Geschmackssinne anregt und den Genießer zum Sprechen bringt. Um die Wetterau per pedales zu durchstreifen, sollte man eine der acht eigens entwickelten und komplett durchmarkierten Apfelwein- und Obstwiesenrouten nutzen. Radeln im Zeichen des roten Apfels und eines umlaufenden grünen Pfeils.

Bembel, Käscher, Hochprozenter

Vor den Toren Frankfurts beginnt die Wetterau. Sie ist eine Art Balkon mit Blick auf den klotzigen Taunus, das weite Vorland des Vogelsberges. Flußauen und ausgedehnte Streuobstwiesen mit berühmten Lagen, uriger Gastronomie und beschaulichen Dörfern prägen die westliche Wetterau. Den östlichen Bereich, das Tor zum Vogelsberg, charakterisieren sanfte, sonnenüberflutete Hügel. Je näher man dem Hohen Vogelsberg kommt, umso mächtiger sind die Bergwellen, umso tiefer eingeschnitten die Täler.

Die Streuobstwiesen umgeben wie ein Gürtel die kleinen Dörfer, viele darunter mit Fachwerkkernen. Die Höhentour von Nidda über Eckartsborn und Michelnau ist eine sehr beeindruckende Berg- und Talfahrt zwischen Nidda und Nidder. Vom hochgelegenen Eckartsborn geht der Blick hinunter ins Niddertal und zugleich hinüber zum Hoherodskopf. Herrlich die Passage durch ein sanft ansteigendes, breites Tal zwischen Wallernhausen und Eckartsborn. Hunderte alter, knorziger Obstbäume recken ihre Last der Sonne entgegen.

Kultur und Natur hält die 42 km lange Rundschleife zwischen Stockheim, Büdingen und Altenstadt bereit. Die Wegpassage von Stockheim nach Bleichenbach ist eine fröhliche Fahrt durch alte Streuobstwiesen. Büdingens sehenswerte Altstadt – Schloß und Stadtmauer sind noch vollständig erhalten – ist den kleinen Abstecher doppelt wert. Schön auch die Route von Gedern über Ober-Seemen und Wenings nach Hirzenhain. Der See, das Schloß, die Geschichte der verschwundenen Dörfer, die Hirzenhainer Kunstgießertradition – jede der Apfelwein- und Obstwiesenrouten bietet mehr als pure Natur.

Mitten in den Frankfurter Gemüsegarten führt die Rundtour von Bad Vilbel zum Karbener Schloß. Beeindruckend der Blick vom Galgenberg vor Petterweil auf dem Taunus und die Frankfurter Skyscraper-Skyline. Streuobstwiesen begleiten den Radfreund auf der Fahrt bis Rendel. Obstbäume vor und nach Gronau. Obstbäume auch auf der sausenden Abfahrt nach Bad Vilbel. Ein Stück regionaler Identität. Zugleich der Stoff, aus dem man das "Stöffche" oder edle Hochprozenter macht. Mit Leitern, meterlangen Stangen und langen Käschern gehen die Wetterauer zur Ernte.

Fröhliches Schwatzen, leise Flüche und ein Bembel "Woi" gehören dazu. Wer will, kann beim Keltern zuschauen oder die raren Schätzchen bei Direktvermarktern entlang der Routen verkosten und sie sich auch in die Packtaschen stecken. Hol`Dir das "Stöffche"!



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