© Klaus-Peter Kappest

Acht tiefe Einblicke in Täler und Wälder

Ausgabe 121 – Februar/März 2005

Deutschland

O Täler weit, o Höhen ... soll Joseph Freiherr von Eichendorff bei seinem Besuch in Bad Berneck gedichtet haben. Die richtige Wandervorlage für einen leuchtenden Sommertag, an dem man sich gar nicht vorstellen kann, daß der Herbst bereits so nahe ist.

Auf dem Thiesenring um Bad Berneck

Start im Dendrologischen Garten mit seinen über 50 verschiedenen exotischen Arten und Baumriesen von mehr als 100 Jahren Alter. Dann beginnt ein sehr abwechslungsreiches Auf und Ab mit herrlichen Aussichtspunkten. Vom Sonnentempel blickt man hinab auf das zwischen hohen Bergflanken geschützt liegende Städtchen mit Kirche und Schloßturm. Anschließend absteigen zur Ölschnitz, wo es bis heute Flußperlmuscheln gibt. Auf allen Wegen sind wir von der Frische des Sommers umgeben. Am Bernecker Berg ist der Kontrast zu einigen dunklen Fichten besonders schön. Die weite Wiesenfläche und der blaue Himmel vervollständigen hier die Farbensymphonie. Vom Aussichtspunkt Engelsburg blickt man bis zur Burg Stein, die man vor lauter Fülle der Natur drumherum kaum erspähen kann. Nachdenklich ruht der Blick auf der Ruine von Neuwallenrode. Die rasche Vergänglichkeit auch gewaltiger menschlicher Bauten wird hier wieder einmal bewußt. Krönender Abschluß der Runde ist der Aussichtsturm Hohe Warte. Große Freude, daß man an einem Werktag ohne umständliches Besorgen eines Schlüssels hinaufsteigen kann. Und dann der Blick: Schneeberg und Ochsenkopf werden von der bereits tief stehenden Sonne warm beleuchtet. Erinnerungen an die vielen Gipfelbesteigungen sind gegenwärtig. Das Fichtel-gebirge ist in allen Höhenlagen ein prächtiges Wanderland. Im Herbst und im Frühling besonders auch in den tieferen Lagen dank der vielen Laubbäume und Sträucher.

Von Immenreuth zum Bayreuther Haus

Es sind wunderbare Wege, die in die Tiefe der Wälder des Fichtelgebirges führen. Stellenweise geht man auf Pfaden, die von Gras bewachsen sind, dann schreitet man auf einem Nadelteppich, weich und bequem. Noch ist der Himmel bewölkt, aber gelegentlich finden einige Sonnenstrahlen den Weg zur Erde, bringen den Wald zum Leuchten und die Wassertropfen an den Nadeln zum Glänzen. Bald erreicht man den Roten Fels, dessen Gestein wirklich auffallend rot ist. Der weitere Weg führt durch fast meterhohe Blaubeersträucher und endlich zum Bayreuther Haus. Hier kann man immer rasten. Entweder im Freien oder in dem gemütlichen Berggasthaus. Ein Gehege mit Hirschen und Wildschweinen ist nicht nur für Kinder sehenswert. Das Waldmuseum der Gemeinde Mehlmeisel, ein Insektenhotel, Kinderspielplätze und der benachbarte Klausenturm bieten für jeden Besucher etwas. Am späten Nachmittag, am Waldrand bei Ahornberg, gibt es wieder überraschende Ausblicke. Im Südwesten die fernen Kuppen der Fränkischen Alb. Unmittelbar davor liegt der Rauhe Kulm, ein Vulkanberg aus dem Tertiär und weiter im Osten der ähnlich entstandene Armesberg. In tieferen Lagen erstrecken sich langgezogene, dicht bewaldete Berge im Abendlicht. Glücklich gehen wir zurück nach Immenreuth, und die Vorfreude auf ein gemütliches Gasthaus läßt sich kaum unterdrücken.

Wollsackkunst im Egertal

Wo die Selber übers Kunsteis gleiten, startet die Erkundungstour ins Egertal. Ein tänzelnder Pfad zu Beginn. Es riecht nach Nadelholz, nach Humusboden, nach Morgentau, und die Sonne lacht mit uns um die Wette. Das Bächlein zur Rechten, taucht man allmählich bergab immer tiefer in den Selber Forst. Grüne Moospolster, üppig wachsende Farne, blank polierte Granitbrocken – langnäsige Tannenzapfen und ein hell klingendes, unentwegtes Raunen und Flüstern. Hier spricht die Natur. Nein, sie singt. Sie wiegt den Naturgenießer im Bewußtsein, daß man mit etwas Geduld belohnt wird. Etwa dann, wenn das Bächlein sich immer steiler in die Bergflanke eingräbt und schließlich im Links- und Rechtsschwung der Eger zuströmt. Eng ist das Egertal. Hin und her schwingt sich auch der Fichtelgebirgsfluß und zaubert überwältigende Naturkulissen. Jede Biegung ein Kunstwerk. Vor Wellerthal schäumt der Fluß über ein Steinmeer. Es spritzt und stiebt. Die Talwände werden steiler, rücken näher zusammen. Wahre Kunstwerke in Stein säumen die Flußufer. Wollsackverwitterungen. Wie die Lagen einer Portion Lasagne türmen sich Granitschichten übereinander. Wunder der Natur. Über den Weiler Silberbach und das Silberbrünnlein unterhalb des Gr. Hengstberges geht es zurück zum Ausgangspunkt.

Von Gefrees ins Ölschnitztal

Ende September: Sehnsucht nach dem Hufeisen. Auf der Fahrt nach Bayreuth wird es immer dunkler. In der Nähe des Fichtelgebirges wird es wieder heller und beim Beginn der Wanderung in Gefrees ist es recht freundlich. Aber nicht lange. Bald verdunkelt sich der Himmel wie zur Dämmerung, und in Metzlersreuth geht ein gewaltiger Regenguß nieder. Wildwetterstimmung – warum nicht? Bei nachlassendem Regen sind wir im schönem Tal des Metzlersreuther Baches, der von vielen Bäumen gesäumt wird. Abgesehen von einer Stelle ist der Weg trotz der Nässe gut begehbar, und es beweist sich als richtige Entscheidung, die fern von Straßen liegende Route gewählt zu haben. Zum Abstieg ins Ölschnitztal wandern wir im Tal des Heinersreuther Baches. Der sonst kleine Wasserlauf ist heute zum Wildbach geworden, hat sein Bachbett verlassen und bringt seine Wassermassen in mehreren Rinnen zu Tal, sicher ein nicht alltägliches Naturschauspiel. Höhepunkt dieser Wanderung ist allerdings der Besuch der sehenswerten Burgkapelle Stein. Gerade wurde ein Abendmahlgottesdienst beendet – die Wanderer werden willkommen geheißen. Beeindruckend der Altar von 1612 und ein Abendmahlskelch aus vorreforma-torischer Zeit, der wegen seiner Kostbarkeit eigentlich in einem Tresor in Bad Berneck aufbewahrt wird und nur gelegentlich noch zum Abendmahl vor Ort verwendet wird. Auf der weiteren Wanderung entlang der Ölschnitz talaufwärts heitert der Himmel wieder auf. Wanderglück auf leisen Sohlen eben.

Eine Rundtour um Himmelkron

Krone des Himmels nannten die Nonnen des Zisterzienserordens ihr Frauenkloster, das sie 1279 gründeten. Später bauten die Markgrafen von Bayreuth das Kloster in eine Sommerresidenz um. Noch heute ist die in der Mitte des Ortes auf einem Hügel, fern vom Verkehr liegende Stiftskirche des ehemaligen Klosters das Wahrzeichen des Ortes. Idealer Startpunkt der Wanderung mit der Besichtigung der Kirche und des spätgotischen Kreuzgangs. Bald liegt aber der Ort hinter uns, und wir wandern auf aussichtsreichen Wegen am Waldrand, aber auch im Wald hoch über dem Tal des Weißen Mains. Die Natur ist melancholisch schön, beruhigend und erholsam. Viele Blätter sind schon gefallen, die Lärchen leuchten goldgelb und an den Sträuchern hängen rote Früchte. Kurz vor Bad Berneck steigen wir ins Maintal herab und wandern über die weiten Wiesenflächen talabwärts. Dann erreichen wir die riesige, das gesamte Tal überspannende Autobahnbrücke. Der Verkehr stört jedoch wenig, da man unter der Brücke aufsteigt und bald wieder von Wald und Flur umgeben ist. Der folgende Höhenweg, zurück nach Himmelkron, ist ganz besonders schön: fernab von jedem Verkehr, aussichtsreich und mit vielen Hecken und Feldgehölzen – eine naturnahe Kulturlandschaft wie sie sich der Wanderer wünscht. Bevor wir in Himmelkron die Mainbrücke überschreiten, besuchen wir noch die berühmte Lindenallee. Dann gelangen wir durch stille Gassen zum Ausgangspunkt zurück.

Von Goldkronach auf den Fürstenstein

Das Städtchen mit dem einst bedeutenden Goldbergbau ist vom Bahnhof Bayreuth aus mit dem Bus gut erreichbar. Von der Haltestelle am Marktplatz gelangen wir in wenigen Minuten zum Friedhof mit seiner Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Hier beginnt eine sehr abwechslungsreiche und anregende Wanderung, die teilweise auf dem bekannten Themenweg "Alexander von Humboldt" liegt. Der später berühmte Naturforscher sollte als junger preußischer Bergbaubeamter 1793 den Goldbergbau im Fichtelgebirge wieder beleben. Über Wiesen und durch kleine Wäldchen erreicht man das Zoppatental, wo sich mehrere Relikte aus der Bergbauzeit unmittelbar an der Wanderroute befinden. Dann steigt man hinauf in die romantisch gelegene Siedlung Steinbühl, ehe in der Einsamkeit des Goldkronacher Forstes die Hast der Gegenwart völlig vergessen wird. Vom Fürstenstein haben wir einen schönen Blick in das Tal des Weißen Mains bis Bad Berneck. Der folgende Abstieg bringt den Fichtelgebirgswanderer zunächst zum Goldbergwerk Schmutzlerzeche, das besichtigt werden kann, und dann zum Stollen "Mittlerer-Name-Gottes", wo man in unmittelbarer Nähe des Stollenmundloches Reste eines Röstofens gefunden hat. Durch das Kronachtal gelangen wir dann auf bequeme Wege wieder zurück nach Golkronach.

Wälder, Wiesen und Weiher um Tröstau

Startpunkt der Wanderung ist an den großen, fast seeartigen Weihern am Fußballplatz von Tröstau. Am Waldrand weist bereits eine Info-Tafel auf einen Kalksilikatfels, das älteste Gestein des Fichtelgebirges, hin. Dann wandert man im ausgedehnten Tröstauer Forst zwischen einer Reihe von mächtigen Bergahornbäumen hindurch. Mehrere Hinweistafeln informieren über den geologischen Bau des Fichtelgebirges und den ehemaligen Zinnbergbau in dieser Gegend. Eine Schmierofenhütte erinnert an die Verarbeitung von Baumharz zu Schusterpech und Druckerschwärze. Schließlich erreicht man die schöngelegene Siedlung Vordorfermühle mit dem Gasthaus Zur Mühle, das selbtredend zu einer gemütlichen Rast verführt. Der Rückweg im Tal der Röslau wird im Wechsel von saftigen Wiesen und duftendem Wald begleitet. Besonders auch durch die vielen Informationstafeln am Weg gestaltet sich die Wanderung außerordentlich abwechslungsreich. Ein weiterer Höhepunkt, das Hammerschloß Leupoldsdorf, zeugt vom Wohlstand der ein-stigen Hammerherrn. Zurück am Startpunkt bleibt die Erinnerung an eine der vielen, reizvollen Wanderungen im Inneren des Hufeisens.

Am Südhang des Fichtelgebirges

Das Wanderabenteuer Fichtelgebirge. Nach tagelangem Dauerregen überrascht uns ein kurzzeitiger Wintereinbruch. Das klimatische Kuriosum beweist, daß das Fichtelgebirge im Nordosten Bayerns über ein ausgeprägtes Reizklima verfügt. Heute ziehen bei Temperaturen um null Grad immer wieder Schneeschauer über das Wanderparadies hinweg. Vom Bahnhof Neusorg erreichen wir in wenigen Minuten das große Waldgebiet am Nordrand der Ortschaft. Auf schönen Pfaden und Forststraßen geht es ins Tal des Höllbaches. Der Dauerregen hat ihn weit über sein Ufer treten und die benachbarten Wiesen überschwemmen lassen. Um die vorhandene Brücke zu erreichen und einen großen Umweg zu vermeiden, bleibt uns keine andere Möglichkeit, als Schuhe und Strümpfe auszuziehen, die Hosen hochzukrempeln und durch das Wasser zu waten, wie es auf den Trekkingtouren im Norden Skandinaviens immer wieder vorkommen kann. Spannung pur, die kleinen Abenteuer prägen schließlich oft die Erinnerung an Wandererlebnisse. Schnell sind die Füße wieder warm – Kneippkuren, und die Belohnung folgt: Am Waldrand nördlich von Höll reißt die Wolkendecke auf, und es bietet sich uns eine dramatische Fernsicht. Zwischen Schurbach und Kössain zieht wieder ein Schneeschauer Richtung Steinwald. Die Tour wird dadurch nur noch interessanter. Weiter geht es über Rodenzenreuth auf einsamen Wegen abseits der Straße nach Waldershof, wo am Kachelofen des Gasthauses Grüner Baum diese etwas abenteuerliche Tour mit einem unbeschreiblichen, großen Glücksgefühl ausklingt.



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