© Klaus-Peter Kappest

Auf historischen Pilgerpfaden durch Südwestfrankreich

Ausgabe 121 – Februar/März 2005

Frankreich

Auf den gleichen Wegen zu marschieren wie Abertausende seit dem Auffinden des Apostelgrabes in Santiago de Compostela Anfang des 9. Jhs., ist mit das einprägendste Gefühl auf den Jakobswegen.

Darin sind sich fast alle Wanderer einig. Diese Atmosphäre wird schon auf Teilstrecken der historischen Pilgerpfade spürbar, die in Frankreich alle durch die Regionen Midi-Pyrenäen und Aquitanien führen. Dazu gehören die Via Tolosana, zwischen dem namensgebenden Toulouse und Auch, sowie die Via Lemovicensis in den Weingebieten des Bordelais und Entre-Deux-Mers.

Via Tolosana

Auf der ältesten Jakobsstrecke in den Midi-Pyrenäen war die Basilika St. Sernin in der Garonne-Stadt Toulouse seit jeher eine unumgängliche Etappe. Besonders nachdem die Legende kursierte, Karl der Große habe dieser Kirche Reliquien des Heiligen Jakobus vermacht. Wenn auch einige Pilger zweifelten: "Das kann doch nicht der wahre Jakob sein", wurde doch kolportiert, es gäbe kaum einen heiligeren Ort als Toulouse. Sicher ist, daß der größte romanische Sakralbau mit einem riesigen Mittelschiff, Fresken und zahlreichen Skulpturen schon einen Vorgeschmack auf die Kathedrale in Compostela gibt. Auch die Jakobinerkirche mit dem von einer Säule getragenen Gewölbe aus verschiedenfarbigen Steinen gebietet Ehrfurcht vor den mittelalterlichen Baumeistern. Der Abendbummel durch die stillen Toulouser Altstadtgassen, die mit Türmchen geschmückten Patrizierhäuser aus der Renaissance und die Fachwerkbauten vermitteln noch immer eine ähnliche Atmosphäre, wie sie wohl unzählige Pilger seit Jahrhunderten erlebten.

Zwischen den Etappenzielen Toulouse und Auch verläuft die Via Tolosana durch die sanfte Hügellandschaft des Departements Gers. Nach einem letzten Blick auf die rosarote Backsteinarchitektur der Garonne-Brücke ziehen wir es vor, bis zum Städtchen Pibrac mit dem Zug zu fahren. Das verhindert endloses Asphalttreten durch die Toulouser Vororte. In schönem Backstein leuchtet auch die Kirche von Pibrac, wo seit 1579 Sainte-Germaine, die Schutzpatronin junger Bäuerinnen, verehrt wird. Durch eine alte Zedernallee führt hier das Kennzeichen der Jakobswege, die stilisierte, blaue Muschel, zu einer Basilika im typischen "Zuckerbäckerstil" vom Ende des 19. Jhs. Danach heißt es, das Wohngebiet von Pibrac hinter sich zu lassen, um auf teilweise geteerten Feldwegen dem Wald von Bouconne zuzustreben. Im Gegensatz zu den Wanderern des Mittelalters, die jedes Waldgebiet wegen der Wegelagerer fürchteten, freut man sich heute über jeden Baum. Allerdings geht es auf der weiteren Strecke vorwiegend zwischen Getreide-, Mais- und Sonnenblumenfeldern bis L’Isle-Jourdain. Beim Abstecher ins Glockenmuseum in der ehemaligen Markthalle treffen wir einen Rückkehrer aus Santiago. Der Toulouser ist fast am Ende des "harten Weges", wie der Dichter Petrarca den Jakobsweg bezeichnete, angelangt. Wir folgen danach zunächst der Save, bevor wir später über einen Naturlehrpfad das verschlafen wirkende Örtchen Montferran-Savès erreichen. Nach den Geräuschen aus verstreut liegenden Gehöften zu urteilen, befinden wir uns unzweifelhaft im Lande der Gänse- und Entenzucht. Demzufolge fällt die Mittagsmahlzeit in Gimont mit Gänsestopfleber und Entenbrust entsprechend deftig aus. Die Dorfstraße führt mitten durch die Markthalle aus dem 13. Jh. Jedoch müssen die Autos jeden Mittwoch den Gemüse- und Obstständen Platz machen, wenn diese Stelle ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt wird. Pappeln und kleine Laubholzhaine säumen den Weg über L’Isle-Arné und Lussan, dessen kleine romanische Kirche mit einem Vorbau an eine Schutzhütte erinnert, ausgestattet mit einer Bank zum Rasten und einem Fahrradständer. Heuzutage ersetzt der Drahtesel gar manchesmal das Pferd der Pilger des Mittelalters.

Vom Waldrand in der Nähe der Burg St. Circq wird zum ersten Mal die mächtige Kathedrale von Auch sichtbar. Ihre mächtigen, schutzverheißenden Türme überragen die Stadt. Der Grundriß in Form eines Kreuzes weist mit dem Chor nach Osten, Richtung Toulouse, woher seit jeher die Jakobswanderer in die Bischofsstadt strömen.

Via Lemovicensis

Schon 1130 lobte der Mönch Aimery Picaud in seinem "Reiseführer" über die Jakobswege den Wein im Bordelais. Die hier gedeihenden Tropfen sind nach wie vor "exzellent" zu nennen. Auf der aus Vézelay kommenden Via Lemovicensis durchquert der Wanderer in Aquitanien bekannte Weinlagen. Entlang der "Voie de Vézelay", wie dieser Jakobsweg auch heißt, ist die Strecke bis Bazas immer wieder von Rebstöcken gesäumt. So führt ab St. Avit der Weg links der Dordogne zwischen ausgedehnten Wein- und Obstgärten bis zum 1255 gegründeten Bastidenort Sainte-Foy-la-Grande. Rechtwinklig angelegte Gassen mit dem Marktplatz in der Ortsmitte sollten in bewegten Zeiten die Sicherheit des Handels garantieren. Sainte-Foy mit erhaltenen Fachwerkhäusern und Arkadenbauten ist typisch für die Bauweise der Bastiden. Danach wird die Landschaft hügeliger und gibt immer wieder schöne Ausblicke auf die berühmten Weinlagen "Entre-Deux-Mers" frei. Außer unzähligen Pilgern sah das Dörfchen St. André-et-Appelles mit einer kleinen Kirche aus dem 12. Jh. so illustre Reisende wie Henri IV., der den Wein nicht weniger liebte als seine schöne Begleiterin, Gabrielle d’Estrées. Das eine oder andere Weingut verführt auch uns schon mal zu Abwegen auf dem Pilgerpfad. In Pellegrue, ebenfalls eine Bastidengründung aus dem 13. Jh., weisen auf dem Boden eingelassene Jakobsmuscheln aus Bronze den Weg zur Kirche. Wurde in den Bastiden dem Kommerz Sicherheit gewährt, schützten die wehrhaften Mauern der Abteikirche Saint-Ferme Pilger und Gläubige. So beeindruckend die größeren Kirchen auf der "Voie de Vézelay" sind, die zahlreichen Kapellen mit den sichtbaren, im Mauerwerk befestigten Glocken sind nicht weniger interessant. Mußten sich einst Wanderer Rat bei den Einheimischen holen, so zeigen uns heute Pfähle mit dem blauen Jakobszeichen wo’s lang geht. Es bleibt uns auch erspart, mühsam eine Furt zu suchen, was zu früheren Zeiten eines der gefährlichsten Hindernisse auf dem Jakobsweg darstellte. Trockenen Fußes können wir die Drot, über der sich eine Burgruine erhebt, überqueren.

Aufgrund ihrer Lage an einer Furt der Garonne wurde deshalb die Priorei von La Réole zu einer wichtigen Etappe auf der Via Lemovicensis. Von der hochgelegenen Esplanade bietet sich ein schöner Blick auf den nun von einer Brücke überspannten Fluß. Durch bunte Glasfenster fällt das Licht gedämpft in die Prioreikirche Saint-Pierre und verleiht dem Innenraum etwas Mystisches. Das große, an der Decke befestigte Jesuskreuz scheint direkt über dem Altar zu schweben. Die Muschel am Rucksack einiger Besucher in der Kirche läßt keinen Zweifel am Ziel ihrer Wanderung. Sagte nicht schon Goethe, Europa sei entlang der Jakobswege entstanden?

Nach dem Überschreiten des Garonne-Seitenkanals schlängelt sich die Via Lemovicensis zwischen Weidenpflan-zungen hindurch. Wir haben nun die Weinlagen endgültig verlassen und gedenken der nahe gelegenen, berühmten Weingärten von Sauternes. Die nun waldreichere Gegend vor den Toren des Regionalen Naturparks Landes de Gascogne macht sich besonders in einer vielfältigeren Flora bemerkbar. Der Mönch Aimery warnte die Pilger noch vor den sumpfigen Gebieten der Landes, wo es das Gesicht vor Mücken zu schützen gelte und man im feuchten, sandigen Boden zu versinken drohe. Dies ficht den heutigen Wanderer nicht mehr an. Wiewohl auch ihm geraten sei, Bazas und seine mächtige Kathedrale zu besuchen, um Leib und Geist zu stärken. bevor er sich auf den Weg durch die alten Eichen- und jungen Kieferwälder nach Captieux begibt.



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