© Klaus-Peter Kappest

Die acht Gipfel der Gefühle

Ausgabe 121 – Februar/März 2005

Deutschland

Acht Gipfel - acht Touren.

Kösseine – der Ziegenberg

Was für ein Theater! Die Luisenburg-Festspiele – älteste Freilichtbühne Deutschlands – als Ausgangspunkt für die Besteigung der Kösseine. Da heißt es "Einsteigen" in ein gewaltiges Felsenlabyrinth. Luisensitz, Teufelsbrücke und die Burgruine Luxburg. In diesem Jahr jährt sich zum 200. Male die Namensgebung. Preußens Königin Luise verlieh dem Granitwirrwarr unter der Kösseine ihren königlichen Segen. Auf und nieder geht mein Kopf. Kriechen, steigen, stapfen, klettern, quetschen und immer wieder staunen. Und weiter aufwärts. Eine Aussicht schöner als die andere. Regenschirmfelsen, Mariannenhöhe, Adlerfelsen – wie kommen nur all` die Steine hierher? Schlußpunkt der atemberaubenden Felspartie ist der Kaiserfelsen. Erst am Burgsteinfelsen türmt sich der Granit danach wieder wagemutig auf. Obendrauf ein Ausguck der besonderen Art. 869 Meter hoch und ein Felsen- und Waldmeer um uns und unter uns. Weiter geht es auf dem Höhenweg. Er gilt als der schönste und dramatischste Panoramaweg des Fichtelgebirges. Immer bergauf. Fichten mit kuriosem Schattenriß zwischen haushohen Granitblöcken. Dann der Gipfel samt Wanderheim und Kösseineturm. Rasten oder Schauen? Der Ziegenberg, wie Sprachforscher den eigenwilligen Namen der Kösseine mit slawischen Wurzeln interpretieren, ist ein echter Wanderberg.

Von Marktschorgast über den Weißenstein

Unmittelbar neben der Autobahn von Berlin nach München und an der Bahnlinie von Bamberg nach Hof liegen Wanderschätze, die derjenige findet, der sich eine Pause von einigen Stunden gönnen kann. Die Zeit ist nur scheinbar verloren. Schließlich ist der Gewinn an Lebensfreude und Gesundheit unbezahlbar. Für eine solche Rast ist eine Besteigung des Weißensteins besonders geeignet. Bereits Marktschorgast ist einen Besuch wert. Das einheitliche Ortsbild im Biedermeierstil und der malerische Marktplatz geleiten zur Pfarrkirche, ehedem einmal eine Wehrkirche. Der Weg aus dem Ort in die Natur ist kurz, und bald wandert man am Waldrand unterhalb des Eichenbühls entlang und blickt hinüber zu den hohen Bergen des Fichtelgebirges. Es ist ein milder Spätsommertag. Auf Waldlichtungen hat das Drüsige Springkraut seine roten Blüten entfaltet. Im dunklen Wald sprudelt die Weißensteinquelle. Außer dem beruhigenden Plätschern des Wassers ist kein Laut zu vernehmen. Nicht weit entfernt liegt der im Wald sprichwörtlich versteckte Singerweiher. Er ist von Schilf umgeben. Ein Spiegel für den Himmel und die Bäume ringsum. Auch hier könnte man lange verweilen und die Zeit einfach vergessen. Der Höhepunkt ist natürlich der Gipfel des Weißensteins. Der Blick von dem stets geöffneten Turm überrascht jeden Besucher. Zunächst die Sicht auf die von einem wahren Wäldermeer umgebenen Gipfel des Fichtelgebirges. In der Ferne sind sogar der Frankenwald und die Fränkische Alb auszumachen. Erinnerungen und Sehnsüchte vermischen sich zu einem glücklichen Ganzen. Mit diesem Gefühl steigt man ab und freut sich, daß sich in dieser Einsamkeit sogar ein Berggasthaus befindet.

Die Platte geputzt

Aufstieg von Waldershof aus auf dem Burgenweg. Ländliche Idylle vor mir und im Rückblick die markante Silhouette der Kösseine. Walbenreuth, Kaltenlohe. Einkehr im Marktredwitzer Haus, ein Wanderheim des Fichtelgebirgs-vereins. Von hier erreicht man an der abenteuerlich anmutenden Burgruine Weißenstein den östlichen Ausläufer des Steinwaldkammes. Rotweiß ist der Weg Richtung Platte markiert. Waldeinsamkeit. Auch an der Dreifaltigkeitskapelle überwältigt die Einsamkeit des Seins und die Stille der Natur. Weiter aufwärts. 946 Meter hoch reckt die Platte ihr Haupt in die Höhe. Darauf der gewaltige Oberpfalzturm mit sagenhafter Aussicht. Der Blaue Querstrich auf weißem Grund weist in nördliche Richtung talwärts. Noch einmal grenzenlose Aussicht vom Felsentumult am Katzentrögel, dann turnt der Weg bergab. Endlich ist ein breiter Forstweg erreicht. Weil ein Waldbesitzer in dem Durchstieg nach Spitzerberg zukünftig Schwarzwild jagen möchte, ist urplötzlich die Markierung verschwunden. Übermalt, lautet der erstaunliche Befund. Rechts entlang erreicht man wieder den Burgenweg und die gut markierte Strecke nach Waldershof zurück. Wen das Abenteuer lockt, der macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Blaustrichmarkierung und erreicht den Steinwaldweiler Spitzerberg. Durch das Mascherholz nach Walbenreuth und auf vertrauten Pfaden zurück.

Von Kirchenlamitz auf den Großen Kornberg

Wir wandern durch den weiten Talgrund der Lamitz, die ihr Wasser über die Sächsische Saale zur Elbe bringt. Weiter nach Niederlamitz, das man auch mit der Bahn erreichen könnte. Noch ist der Himmel nach nächtlichem Regen bewölkt, aber der Luftdruck ist gestiegen und Optimismus macht sich breit. Der Aufstieg durch den Wald führt an gewaltigen Felsen vorbei zur Ruine Hirschstein. Die Burg schützte einst den Nordgau, heute bietet sie eine Aussichtskanzel. Die er-sten Sonnenstrahlen durchdringen die Wolkendecke und ein wunderbares Licht vergoldet die morgenliche Landschaft. Strahlender Sonnenschein und ein genialer Blick vom Turm warten als Lohn auf dem Gipfel. Neben dem Turm liest man auf einem Stein das Gedicht eines Wanderfreundes: "Auf den Höhen sollst du wandern, nie ist es im Tal so schön, denn im Tal da sind die Andern, die das Leben nicht verstehn." Vielleicht hat der Verfasser einen ähnlich schönen Tag erlebt, als er diese Worte niederschrieb? Dank des herrlichen Wetters gehen wir auf dem weiten, sonnigen Weg über Großwendern zurück. Viele Blumen blühen am Wegrand, leuchtend rot strahlen die Beeren des Vogelbeerbaumes, dahinter die goldgelben Felder und in der Ferne Berge mit ihrem dunklen Waldsaum. Alles hat auf einer solchen Tour seine Zeit, das Gehen, das Betrachten und das Träumen mit offenen Augen. Zum Abschluß noch ein Tip: Die 12 Kilometer lange Langlauf-Tour vom Bahnhof Niederlamitz auf den Kornberg gilt als eine der schönsten Wintertouren im Fichtelgebirge.

Von Weissenstadt über Rudolfstein und Schneeberg

Wenige Kilometer nach der Ortschaft eintauchen in den großen Wald, der die Hauptkette des Fichtelgebirges weitgehend bedeckt. Es sind nicht nur Fichten, sondern auch Tannen mit ihren silbergrauen Stämmen, Buchen und Bergahornbäume dabei. Der Boden des Waldes ist mit Felsbrocken unterschiedlicher Größe, Sträuchern und umgestürzten Bäumen in den verschiedenen Stadien des Abbaus bedeckt. Man hat den Eindruck eines wenig beeinflußten Lebensraumes, in dem das Werden und Vergehen weitgehend ungestört seinen Lauf nehmen kann. Es regnet feinste Nebeltröpfchen. Der Wind in den Kronen der Bäume schwillt an und ab. Stundenlang kein Gebäude, kein Auto und kein Mensch. Nur Natur und man selbst gehört dazu. Dann die gewaltige Felsbastion des Rudolfsteins. Von der Burg aus dem 14. Jahrhundert ist nichts mehr übrig geblieben. Hinauf auf die Aussichtskanzel. Drunten wallen dichte Nebel, die vom Wind getrieben werden. Man wird an das berühmte Bild von C.D. Friedrich "Wanderer über dem Nebelmeer" erinnert. Der Gipfel des Schneeberges, der höchste Berg in Franken, wird von Nebel umhüllt. Die Dunkelheit, die umherliegenden Steine und Wetterfichten erinnern an eine nordische Gebirgslandschaft. Geheimnisvoll und entrückt. Bei einer Jahres-durchschnittstemperatur von 3,8 Grad haben sich hier arktische Pflanzen, die im Eiszeitalter eingewandert sind, behaupten können. Rast unterhalb des Gipfels. Die moderne Ausrüstung macht es möglich. Auf dem Rückweg locken die schön gestaltete Egerquelle und die Weißenhaider Mühle. Einzug in Weißenstadt voller Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Das Wanderglück ist ganz bestimmt nicht vom Wetter abhängig!

Von Nagel über die Platte und das Seehaus

Das erste Ziel sind die Prinzenfelsen, die genau auf dem 50. Breitenkreis liegen und ihren Namen durch den Besuch der Wittelsbacher Prinzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten haben. Es ist bezeichnend für Wanderungen im Fichtelgebirge, daß fast alle hoch gelegenen Punkte frei zugängliche, sehr gut gesicherte Aussichtspunkte mit wirklich beeindruckenden Aussichten aufweisen. Nächstes Ziel ist die Platte. Ein Berg aus Granitfelsen der verschiedensten Größen, die sich stellenweise himmelhoch auftürmen. Dazwischen bereits kräftig gefärbte Sträucher und von den höchsten Stellen ein sagenhafter Fernblick auf die Kösseine und das Wunsiedler Bek-ken in einer Großartigkeit, wie er außerhalb der Alpen selten ist. Das gemütliche Seehaus, der mit 922 m höchste bewohnte Punkt des Gebirges und Frankens, lädt natürlich zur ausgiebigen Rast. Nach dem Abstieg vom Kamm des Gebirges führt der Weg zum Fichtelsee. Idylle pur, oben und unten, vorne und hinten verschmelzen beim Anblick der spiegelglatten Wasserfläche. Vergangenheit und Zukunft sind vergessen, nur der Reichtum des Augenblicks zählt.

Eine Überschreitung des Ochsenkopfes

Wenige Berge in Franken erfreuen sich einer so großen Beliebtheit wie der Ochsenkopf. Eine Besteigung ist zu jeder Jahreszeit ein tolles Wandererlebnis. Ältere Wanderer erinnern sich vielleicht noch an den winterlichen Aufstieg mit Fellen unter den Skiern, bevor die Seilbahnen gebaut wurden. Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich dem Ochsenkopfgipfel und dem Asenturm zu nähern. Von Untersteinach kommend aus dem Warmensteinacher Forst auf den Gipfel zu steigen, ist eine besonders schöne Variante. Der letzte Teil des Anstiegs wird immer steiler und steiniger. Das Blockmeer ist ein Zeugnis des Eiszeitalters, als die Eismassen von Skandinavien und den Alpen ihre weißen Zungen weit nach Mitteleuropa geschoben haben. Der eisfreie Raum dazwischen war kaum von Pflanzen bewachsen und starke Temperaturunterschiede arbeiteten am Gestein. Etwas stärker atmend erreicht man den Gipfel ohne technische Hilfe. Ausblick vom Asenturm. Meist weht ein kühler Wind. Berauschend ist der famose Blick über das ganze Fichtelgebirge, den angrenzenden Steinwald hinüber zum Rauhen Kulm und bis zur Fränkischen Alb. Reizvoll ist der Abstieg nach Bischofsgrün hinunter. Ein gemütliches Gasthaus und die gute Busverbindung nach Bayreuth vervollständigen das Erlebnis einer geradezu idealen Tagestour über das Gebirge.

Wälder und Ruinen

Ende Oktober. Der einsame Waldstein ist das Wanderziel. Vom Pavillon auf dem turmhohen Schüsselfelsen reicht der Blick an diesem Tag leider nicht weit. Immerhin ist es sehr stimmungsvoll, über die Wälder hinwegzublicken, bis sich der Blick im Nebelmeer schließlich verliert. An schönen Tagen mit klarer Sicht reicht der Blick hinüber zum Thüringer Wald und sogar die Rhön läßt sich im Westen erahnen. Auf dem Weg zum Epprechtstein wartet die pure Waldeinsamkeit in vielen Farben. Nicht nur die Bäume, auch die Sträucher und Moose am Weg in ihren verschiedenen Grüntönen sowie die goldgelb gefärbten Gräser tragen ihren Teil dazu bei. Ja, das lädt zum Verweilen ein. Eine Bank in völliger Einsamkeit kommt gerade richtig. Kein Laut ist zu hören, kein Vogel und kein Tier. Es ist die Umstellung der Natur vom Herbst auf den Winter, die man hier hautnah miterleben kann. Auf dem Weg vom Epprechtstein zurück nach Sparneck Begegnung mit einer Wandergruppe. Es entwickelt sich ein freundliches Gespräch. Das Zusammentreffen mit Menschen in der Natur ist meist von großer Harmonie getragen. Jeder weiß, was er bis dahin erlebt und erfahren hat. Jeder freut sich, daß dem unbekannten Wanderfreund das gleiche Wanderglück noch bevorsteht. Die Freude für Andere bestärkt die eigenen Hochgefühle. Es ist ein Geschenk des Wanderns, auf jeden Fall.



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