© Klaus-Peter Kappest

Inseln im Wind

Ausgabe 121 – Februar/März 2005

Großbritannien

Und jetzt wollen wir uns Shetlands Wälder ansehen kündigt Tourguide Jonathan Wills seinen überraschten Gästen an: Alan, laß doch bitte die Videokamera zu Wasser! Jonathan hatte uns zuvor mit seinem modernen Ausflugsboot, der Dunter III, in diese geschützt

Eine Reportage von Hans-Jürgen Marter

Alan, seines Zeichens Maschinist, Smutje und rechte Hand des Kapitäns, läßt die Kamera vorsichtig in die dichten Palmentangwälder hinabgleiten. Der Tangwald wiegt sich behäbig in der Strömung; Seesterne gehen der Jagd nach und unzählige Jungfische nutzen den Schutz des Dickichts, um der beständigen Gefahr des Gefressenwerdens zu entgehen. Der dichte Palmentanggürtel, der die Shetlandinseln bis zu einer Tiefe von etwa 30 Metern umgibt, ist die Kinderstube der Meere. Er ist unverzichtbarer Bestandteil einer der fischreich-sten Gewässer Europas. Ohne ihn wären es Fischern, Seehunden und hunderttausenden von Seevögeln nicht möglich, Makrele und Sandaal, Kabeljau und Schellfish nachzustellen.

Ein Shetländer ist ein Shetländer ist ein Shetländer!

Keine Frage, es lohnt sich hier nicht nur, unter die Oberfläche zu gucken, denn die Shetlandinseln sind vielerlei: Eine baumlose Inselgruppe im Nordatlantik, deren Lebensgrundlage das Meer ist, ein Vogelparadies, das jedes Jahr tausende Naturliebhaber anlockt, sowie ein Wanderparadies, das bislang nur Wenige für sich erschlossen haben. Doch wehe dem unwissenden Besucher, der die gastfreundlichen Einheimischen mit dem stark nordisch geprägten Dialekt als Schotten oder gar als Engländer anredet. Er wird die wütend-trotzige Antwort bekommen: Shetländer seien sie – mit eigener Geschichte, Identität und Sprache. Der Stolz der Shetländer auf ihr Archipel begleitet uns auf all unseren Wanderungen, egal ob es durch baumlose Täler oder über karge Hügel, entlang windumtoster Klippen oder weißer Sandstrände, geht.

Die Schatzinsel

Neben einer Überdosis frischer Luft und viel Natur ist die shetländische Geschichte überall direkt zu erleben. "Als vor mehr als vierzig Jahren hier auf der Insel Jugendliche einen keltischen Silberschatz fanden, wurde daraus ein nationaler Skandal", erzählt Jim Budge. Wir befinden uns auf der kleinen St Ninian’s Isle. Die Insel ist durch einen einzigartigen, 800 Meter langen Doppelsandstrand mit dem Festland verbunden. Das Eiland gehört seit Generationen zum Familienbesitz der Budges, die hier Schafe züchten. "Archäologen kamen, und was sie unterhalb einer alten Kapelle ausgruben, ließ ihre Herzen höher schlagen", erzählt Jim, während sein Schafshund schnüffelnd seine Nase in jedes Kaninchenloch steckt. "Natürlich wollte jeder hier, daß der Schatz auf der Insel ausgestellt wird, denn er war ja unser", erzählt er weiter. Nun, daraus wurde letztlich nichts, und in vielerlei Hinsicht veranschaulicht die kleine Episode das auch weiterhin angespannte Verhältnis zwischen den 22.000 Shetländern und der Zentralregierung in London. Heute befindet sich der keltische Silberschatz im Nationalmuseum in Edinburgh, auf dem Archipel selbst ist nur eine Kopie zu sehen.

All four sasons in one

Schnell wird klar, daß kaum irgendwo anders in Europa Einsamkeit und Kargheit so direkt zu erleben sind wie hier, sei es während der Wanderung hinauf zum 450 Meter hohen Ronas Hill (siehe Wandertip), sei es im Naturschutzgebiet von Hermaness (siehe Wandertip). Auf dem Eshaness Pier treffen wir auf einen einsamen Angler, der sich hier sein Abendbrot zusammenfischt. "Not a bad day!" sagt er zur Begrüßung. Auf einer Insel, auf der alle vier Jahreszeiten an einem Tag zu erleben sind, ist ein Austausch übers Wetter Ritual, das jedem Gespräch vorausgeht. So sei empfohlen, etwa in dieser Art zu antworten: "No, not a bad day at all." Wohl kaum irgendwo anders kann das Wetter so launenhaft als auf den Shetlands sein. Atemberaubender Sonnenschein wechselt sich mit Wolkenmeeren ab. Deshalb gehören in den Wanderrucksack sowohl Regenhaut und dik-ker Pullover wie auch Sonnenöl und das Badezeug!



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Februar/März 2005