© Klaus-Peter Kappest

Wanderwunder-Wunschliste

Ausgabe 121 – Februar/März 2005

Deutschland

Was wünscht sich der Wanderer von heute?

Stille Täler mit Bächen, die von markanten Bäumen gesäumt und von Wiesen umgeben sind, zum Beispiel. Freundliche Ortschaften im Stile der regionalen Architektur natürlich. Kirchen und Klöster mit Kunstschätzen vergangener Zeiten, aber auch mit Werken aus der Gegenwart. Schlösser, Burgen und Ruinen als Zeugnisse einstiger Macht und Vergänglichkeit. Feldwege, an denen sich im Sommer eine bunte Blumenpalette entfaltet. Äcker, die von Hecken und kleinen Gehölzen begrenzt werden. Wälder mit verborgenen Pfaden, wo man noch Pilze auf dem Waldboden und Beeren an Sträuchern findet. Einzigartige Rastplätze für die "Brotzeit" im Freien. Und, natürlich, geniale Aussichtspunkte. Wo der Blick in die Ferne schweifen kann und der Sehnsucht nach immer neuen Wanderzielen keine erkennbaren Grenzen gesetzt sind. Das Fichtelgebirge in Bayerns Nordosten erfüllt derlei Wanderwunder-Wunschliste. Mehr noch: Naturbäder, wo man sich nach den Sommertouren erfrischen kann, gibt es. Gastbetriebe natürlich auch, von der einfachen rustikalen Unterkunft im Gebirge über urgemütliche Dorfgasthäuser, wo zu dem würzigen oberfränkischen Bier eine deftige Brotzeit am besten schmeckt, bis zum gepflegten Hotel mit Hallenbad, Sauna und allen denkbaren Annehmlichkeiten für die Stunden nach der Tour. Und obendrauf umgibt der dezente Zauber abenteuerlicher Geschichten oder der erstaunlichsten Reiseberichte berühmter Wandersleute das Gebirge in Oberfranken. Aufgepaßt!

Gebirgsknoten und Urquell

Strahlenförmig treffen die Fränkische Alb, der Frankenwald, das Erzgebirge und der Oberpfälzer Wald zwischen Hof, Wunsiedel und Bayreuth zusammen. Man könnte natürlich auch sagen, daß all diese Gebirge erst hier ihren Ausgang nehmen. Das sich aus den Quellen des Fichtelgebirges ergießende, kristallklare Wasser geht auf weite Reisen mit sehr unterschiedlichen Zielen. Über die Eger und Sächsische Saale zur Elbe, über den Main zum Rhein und über die Naab zur Donau. Kein Wunder, daß soviele Wanderungen in den Bereich der Wasserscheiden und zum Wasser führen, weckt doch gerade das nasse Element besondere Wanderlust.

Eine Festung aus Granit

Dieses markante Gestein beherrscht das ganze Gebirge, vom Norden bis zum südöstlich anschließenden Steinwald. Sagenhafte 380 Quadratkilometer, fast die Hälfte der Fläche des Fichtelgebirges, besteht aus Granit. Vor mehr als 300 Millionen Jahren drang Magma in mehreren Schüben aus der Tiefe der Erde empor und erstarrte einige Kilometer unter der damaligen Erdoberfläche. Durch später erfolgende Hebungen wurden die darüber liegenden Gesteine abgetragen, so daß wir heute auf vielen Wegen den Granit unmittelbar unter unseren Füßen haben und wundersamste Felsblöcke, Felsentürme und Steingebilde der verschiedensten Größe beobachten können. Die gigantische Steinschau lohnt sich, denn das Gestein ist immer wieder anders. Mal dunkel, mal hell oder sogar farbig, wie der bläuliche Kösseine-Granit auf der Luisenburg. Mal bemoost, dann wieder von tosenden Bergbächen umspült. Auffälligster Bestandteil sind bis 12 cm lange Feldspate. Manchmal ließen flüchtige Bestandteile im Magma Hohlräume entstehen, in denen sich seltene Minerale in großen Kristallen bilden konnten, wie z. B. bei den weltbekannten Mineraldrusen am Waldstein und Epprechtstein. Verständlicherweise wurde das Fichtelgebirge zu einem Eldorado der Gesteins- und Mineraliensammler. Als "steinreich" gilt das Gebirge auch im Volksmund.

Weiße Sterne und dunkle Vögel

Im Frühsommer blüht auf den teils moorigen Böden im Fichtenwald der Siebenstern. Mit seinen leuchtenden, weißen Blütenblättern stellt er einen freundlichen Kontrast zu seinem oft etwas düsteren Standort dar. Weiße Sterne im Dunkeln. Da diese Blume gewissermaßen das Wahrzeichen der Gebirgswälder ist, hat der Fichtelgebirgsverein die Blüte zu seinem Vereinssymbol gewählt. In den Wäldern um den Schneeberg herum gibt es sogar noch etwa 50 Auerhühner. Die großen dunklen Vögel mit einer roten Hautstelle über dem Auge zählen zu den kostbarsten Waldvögeln Mitteleuropas. Wer jemals im Frühling zu Beginn der Morgendämmerung im Wald war, wenn die Balzrufe des Auerhahnes zu hören sind, spürt sofort, daß er den Ruf der Wildnis vernommen hat. Nicht eben selten erblickt der Wanderer im Fichtelgebirge den Schwarzspecht. Es ist der größte europäische Specht, mit einer Größe von fast einem halben Meter. Schwarz gefärbt und mit roter Haube ist er prächtig anzusehen. Daumendicke Späne von 20 cm Länge unter den Bäumen sind die Zeugnisse seine regen Tätigkeit. Viele weitere Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich ließen sich aufzählen. Man muß nur draußen unterwegs sein: "Dämpfet die Stimmen, die Schritte im Wald, so hört ihr und seht ihr manch Zaubergestalt ..."

Wahlfreiheiten im Hufeisen

Das Fichtelgebirge besitzt ein markiertes Wanderwegenetz von etwa 3.000 km Gesamtlänge. Sechs überregionale Wan-derwege verbinden das Fichtelgebirge mit angrenzenden Wanderregionen. Die 12 Hauptwanderwege des Fichtel-gebirgsvereins durchziehen das Gebiet wie Nervenstränge. Anschluß- und Verbindungswege führen zu diesen Hauptrouten hin. Jede größere Ortschaft bietet mehrere Rundwanderwege zwischen einer und drei Stunden Gehzeit an. Zehn Themenwanderwege erinnern an berühmte Besucher wie etwa Johann Wolfgang von Goethe oder Jean Paul. Geologische Lehrpfade, wie z. B. der Alexander von Humboldt-Weg in Goldkronach, erschließen die Geschichte des Bergbaus und die Entstehung des Gebirges. Nach der halb-kreisförmigen Anordnung seiner Berge wird das Fichtelgebir-ge mit dem Steinwald manchmal auch liebevoll als "Hufeisen" bezeichnet. Das klingt doch alles ausnehmend vielversprechend. Sechzehn Touren haben wir für Sie erwandert. 16 höchst spannende, wunderschöne, interessante, erholsame und teils geheimnisvolle Wege, sich die Zauberwelt ganz oben in Bayern zu erobern. Garantiertes Wanderglück. Und weil jeder Abschied mit der Sehnsucht nach Wiederkehr untrennbar verbunden bleibt, kann man sich getrost eine Menge Zeit nehmen!



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Februar/März 2005