© Klaus-Peter Kappest

Südliche Weinstraße: Kulinarischer Denkmalschutz

Ausgabe 123 – Juni/Juli 2005

Deutschland

Eine Entdeckertour entlang der südlichen Weinstraße

Kulinarischer Denkmalschutz

Ich kann nicht mehr! Ich würde gerne noch mehr essen können, aber es paßt nichts mehr rein, nicht mal mehr ein Pfefferminzblättchen. Meine Magenwände schmerzen vor Freude. Denn was ich heute alles probieren durfte, war grandios: Nachdem ich mich den Tag über zurückgehalten hatte, schlug ich um so heftiger am Abend zu: Als Vorspeise nahm ich im Pfälzer Hof in Edenkoben ein Carpaccio vom Saumagen. Allein der Name provozierte bei mir schon Entdeckerlust, da ich mir die deftige Leibspeise des Altbundeskanzlers Kohl nicht in hauchdünnen Scheiben vorstellen konnte. Irgendwie paßt das doch nicht zusammen!

Aber ich wurde überrascht. Der Saumagen lag lecker, wegen der Kartoffeln und Mohrrüben sogar fast bunt, auf meinem Teller. Mit ein paar Scheiben trocken Brot dazu war er wirklich die versprochene „leichte Vorspeise", die ich haben wollte, da auch noch Maultaschen mit Bärlauchfüllung als Hauptgang kamen. Ich hatte lange gezögert, ob ich nicht doch schon Mitte April den ersten Spargel probieren sollte, entschied mich aber instinktiv dagegen. Schnell und genauso goldrichtig war die Entscheidung für den Grauburgunder, natürlich von der Südlichen Weinstraße, gefallen. Die Krönung bildeten dann die aufgesparten Trifels-Pralinen aus der Konditorei Escher in Annweiler. Ein nicht enden wollender Genuß!

Eine Landschaft zum Verlieben

Oben beschriebenes Szenario war das Ende eines Tages, den ich in einer Top-Schlemmer-Region verbracht hatte, der Südlichen Weinstraße. Grandios flankiert von den Weiten des Pfälzerwaldes und der Rheinebene, gehört die Weinstraßenregion westlich von Landau in der Pfalz mit zu den schönsten Landschaften Deutschlands. Sie bildet einen dieser phantastischen Übergänge eines Landschaftsreliefs in ein anderes, die eine ungeheure Spannung in sich tragen. Von den hochgelegenen Aussichtspunkten wie Burg Landeck bei Klingenmünster, Madenburg oberhalb von Eschbach und Rietburg über der Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben hat man diese tollen Ausblicke auf die Ausläufer des Pfälzerwaldes, die urplötzlich abbrechen und unter Weinreben sich sanft dem Rhein zuneigen. Selten findet man so eine dramatische und gleichzeitig auch liebliche Szenerie in Deutschland.

Dazwischen liegen dann verstreut kleine Weindörfer wie St. Martin, Rhodt, Birkweiler oder Leinsweiler, in denen sich die Weingüter mit gemütlichen Probierstuben und Gasthäusern hinter roten und gelben Sandsteinfassaden und runden Torbögen schier endlos aneinanderreihen.

Zu dem markanten Landschaftsprofil tritt der Zauber der wechselnden Jahreszeiten hinzu: Die Mandelblüte im März, Kastanien- und Rebenblüte im Juni und die „Feuerwerke" der Reben im Herbst sind die herausragenden Besonderheiten der Region. Und zu jeder Jahreszeit holt die heimische Gastronomie ganz spezielle Angebote der Natur aus dem Kochtopf.

Ein Fest zu jeder Jahreszeit

Ein absoluter Renner an der Südlichen Weinstraße sind dabei die Eßkastanien. Sie wachsen dort in ganzen Wäldern und sorgen für reichlich Inspiration der südpfälzischen Küche. In allen möglichen Kombinationen werden die Früchte im Herbst angeboten. So hat der Annahof in Albersweiler zum Beispiel ein regelrechtes Kastanienmenü mit vier Gängen entwickelt. Den Beginn macht dabei eine Kastaniensuppe mit Entenmaultaschen, gefolgt von Ziegenfrischkäse auf Kastanienhonigsoße. Der Hauptgang besteht dann aus Zander unter Kastanienkruste und gekrönt wird alles durch ein Kastanien- und Schokoladenmousse.

Doch damit ist die lukullische Seite der Kastanie noch lange nicht ausgereizt: Kastanien-Saumagen, Kastanien-Linsen Bratlinge, Gänsebraten mit Kastanien, Kastanienhonig oder Kastanien-Zwiebelkuchen - die ganze Pfalz hat sich im Herbst den prächtigen Bäumen verschrieben. Mit der Kastanienzeit erlebt das Schlemmerjahr zwischen Maikammer und Schweigen-Rechtenbach seinen Höhepunkt. Den Startschuß gibt jedes Jahr die Mandelblüte. Wenn sich im März rosafarbene Alleen von Mandelbäumen zwischen den Weinbergen entlang ziehen, dann erwarten den Gast Mandelbraten, Mandelklöße oder hausgemachtes Mandeleis auf manchen Speisekarten.

Viele Betriebe beteiligen sich auch an der Aktion „Köstlicher Frühling" und vertreiben mit knackigen Feldsalaten, Löwenzahn und Frühlingszwiebeln die gern fetthaltige Küche des Winters. Daran schließt ab Ende Mai nahtlos die Spargelzeit an. Vor zwei Jahren überraschte die Patisserie Rebmann in Leinsweiler die Gourmetfreunde in Deutschland: Sie bot Spargel-Trüffel an!

Auch sonst machen die Rebmanns vor fast keiner Zutat halt und verwandeln Feigen, Kiwis, Kastanien und Pfirsiche in Schokoladenträume. Selbst der bekannte Pfälzer Saumagen wird mit Schokolade umhüllt! Und natürlich gehören zu alldem auch die Weine, die die Region auf der Weltkarte für Schlemmer erst bekannt gemacht haben.

Der Grundstein

„Wo Wein wächst, gibt es auch immer eine gute Küche", behauptet Werner Jülg aus Schweigen am Deutschen Weintor. Dem Wein kommt dabei in der Südpfalz die Vorreiterrolle zu, in dessen Folge sich eine ausgeprägte Regionalküche entwickeln konnte. Diese Grundlage besteht im wesentlichen aus Riesling und Gewürztraminer und in Schweigen, ganz im Süden der Deutschen Weinstraße mit seinen Lehm- und Lößböden, auch aus Burgunder. Hier bauen hochkarätige Weingüter den Burgunder zu regionaltypischen „Markenweinen" aus, die man in den unzähligen gemütlichen Weinstuben kosten kann. Im Gegensatz zum eher sauren, aber weltbekannten Riesling aus dem Norden werden hier magenfreundliche, saftige Weiß- und Grauburgunder gekeltert. Mit ihrem markanten Geschmacksprofil entstehen so Weine, die für Kenner aus der ganzen Welt ein Begriff geworden sind.

Eine Entdeckungsreise mit dem Gaumen geht mit dem Gefühl zu Ende, daß die Winzer, Köche und Konditoren aus der Südpfalz immer das eine Ziel vor Augen haben: gegen eine sich ausbreitende Fast-Food Mode mit einem globalisierten Einheitsgeschmack à la McDonalds die Reichhaltigkeit einer sehens- und genießenswerten Region zugänglich zu machen.

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Special: Köstlichkeiten.pdf (1478 KB)



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