© Klaus-Peter Kappest

Bergsommer im Unterwallis: Walking up and flying down

Ausgabe 125 – Oktober/November 2005

Schweiz

Nichts als „normality. Bergsommer im Unterwallis, der französischen Schweiz. Unweit von den mondänen Gestaden des Genfer Sees und Martigny, dem städtisch-industriell unansehnlichen Wächter von Rhône- und Drancetal, liegt La Tzoumaz, Ferienretorte über May

Nichts als "normality"

Bohr- und Sägegeräusche mischen sich zwischen die sprichwörtlich himmlische Bergruhe. Was zu werkeln, zu renovieren, anzubauen ist, erledigen die stolzen Chaletbesitzer, 85% Schweizer, der Rest aus Deutschland und den Niederlanden, im Sommer. Die erwartete Unberührtheit der Walliser Alpen können wir deshalb anfänglich nur mit Blicken suchen. Hinter uns steigt, steil und mit sichtlich artenarmem Grün, eine der Skipisten bis auf 2.300 Höhenmeter zum Savoleyres auf. Die Fangzäune sind aufgewickelt und an den Sesselliften und den sorgsam in Reih und Glied geparkten Schneekanonen wird fleißig gewerkelt. Der Winter kommt bald.

Altes Isérables - magischer Le Fou

Chalet Benica wird im Internet über einen österreichischen Hüttenvermieter offeriert. Der deutsche Eigentümer hat das Chalet schlüsselfertig und voll eingerichtet gekauft. 160 qm, drei Etagen, für acht Personen. Zwei Bäder, Kamin und moderne Küche. Für Familien mit kleinen oder großen Kindern ein Traum und vor allen Dingen eine bezahlbare Alternative. Erst einmal alle Schlagläden öffnen. Licht und die vom Zirpen der Grillen erfüllte Luft einlassen. Ja, der Bergsommer zieht in das seit dem letzten Winter für den kommenden Winter eingemottete Holzhäuschen ein. Die warme Nachmittagssonne des ersten Augusts, die Gebirgswelt in sommerliche Farben getaucht, der Atem von Gras und die würzige Sommersonnenluft der Berge. Langsam erobert der Sommer die gewaltigen Steinkolosse der Berner Alpen nördlich des Rhônetales.

Gegenüber klebt, knapp 300 Höhenmeter tiefer, ein Bergort am Steilhang. Mit dem Fernglas offenbart sich der unverbaute Ortskern von Isérables. Die weiß getünchte Kirche ist talseits auf Steinbögen geständert. Dicht gedrängelte Häuserreihen, dazwischen die typischen Walliser Scheunen. Das Lärchenholz von der Sonne bis zur Schwärze verbrannt. Weiter oben sind viele kleine schwarze Tupfer im saftigen Grün zu erkennen. Es sind die schwarzbraunen Ehringerkühe. Streitlustig, bodenständig und schwergewichtig. Hin und wieder weht ein Windhauch das vielstimmige Gebimmel der Kuhglocken zu uns. Südlich bauen sich Grasberge auf. Dahinter Türme von Graten und Zacken. Ein Holzkreuz in scheinbar unerreichbarer Höhe gibt schließlich das Signal: Erst jetzt sind wir angekommen. Le Fou heißt der bucklige, bereits knapp über 2.600 Meter hohe Grasberg: Kommt der Bergsommer nicht zu uns, dann wandern wir eben zu ihm hin. Am Abend feiern die Walliser den Schweizer Nationalfeiertag. Bergfeuerwerke, illuminierte Berggipfel und ein Riesenfeuerwerk in La Tzoumaz, das für die anfängliche Enttäuschung entschädigt.

Nickerchen in 2.610 Metern Höhe

Erstaunlich, wie lange es doch dauern kann, acht Menschen in Bewegung zu bringen. Kaum setzt sich die Karawane dann endlich bergwärts in Bewegung, müssen Rucksäcke neu justiert, Schuhe richtig geschnürt und die Fleecepullover ausgezogen werden. Wallis ist das Land der Suonen, Bisse nennt man sie in der französischsprachigen Schweiz: Die Bewässerungskanäle leiten frisches Bergwasser, oftmals eiskaltes Gletscherwasser kilometerweit bis zu den Almwiesen. Steilhänge durchschneiden sie kühn. Felsflanken findet man vielfach durchlöchert, Unebenheiten des Reliefs werden mit hölzernen, aufgebockten Rinnen überwunden. Die Wanderwege entlang der Bisse versprechen steigungsarmes Wandervergnügen im Hochgebirge. Sie sind bei Familien mit Kindern sehr beliebt. In La Tzoumaz gibt es die 12 km lange Bisse de Saxcon. Vom Maison de la Foret bis zum Crete du Seu hat man die Bewässerungsanlage sogar restauriert.

Es geht steil aufwärts. Jeder versucht seinen Rhythmus zu finden. Wir versuchen es mit einem 15-minütigen Pausentakt. Der Blasenpflastervorrat schmilzt rasant und die persönlichen Wasservorräte sind rasch erschöpft. Der Bergsommer hat seine eigenen Gesetze. Es braucht Zeit und Übung, bis Atem und Gehgeschwindigkeit harmonieren. Ist der Punkt erreicht, steigt es sich nahezu mühelos. 2.200 Höhenmeter, 2.300 und dann der erste Bergpaß, der Col des Mines. Unter uns, im Nebelbrei liegt Verbier über dem Val de Bagnes. Das metallische Klicken, das ab und an mit einer Böe herüberweht, stammt von der Seilbahnstation Lés Ruinettes. Rast im Windschatten. Gebirgsseen wie funkelnde Edelsteine. Wir entscheiden uns für den Lac des Vaux und seine namenlosen, viel idyllischeren Kollegen. Schönheit, komprimiert auf einigen wenigen Hektar Fläche in über 2.400 Metern Höhe. Tief unten, in einem Gras- und Wiesenkessel, klingt, hell und verwischt, das Gebimmel einer Rinderherde herauf. Die Bergbäche glänzen silbern in der Sonne, die sich durch die Nebelwolken Weg bahnt. Der Bergsteig zum Le Fou ist schmal, ausgesetzt und über die Maßen abenteuerlich. Haarscharf schrammt er unter überhängenden Felsen vorüber. Edelweißteppiche säumen die Südhänge. Ohne Lesesteinturm und ein kleines Holzkreuz hätten wir den Gipfel des Le Fou nie als solchen ausgemacht. Der Stolz weicht aufkeimender Müdigkeit. Ein halbes Stündchen Schlaf in 2.610 Meter Höhe, ein göttliches Vergnügen.

Wasser, Eis und Murmeltiere

Der Pierre Avoi ist der Aussichtsberg des Unterwallis, tief unten das Rhonetal mit Riddes.
Der Pierre Avoi ist der Aussichtsberg des Unterwallis, tief unten das Rhonetal mit Riddes.

Der boomende Skizirkus bringt zuweilen auch Vorteile für den Bergsommer. So sind einige Kabinen- und Seilbahnen den Sommer über in Betrieb. In Super-Nendaz zum Beispiel starten wir eine anspruchsvolle Bergtour mit dem Vorsatz, im Angesicht des Mont Forts und seinem Gletscher per Kabinenbahn zurück ins Tal zu schweben. Alles, was man dazu benötigt, ist die exakte Kenntnis der letzten Talfahrt. Touren zu den Aussichtsbergen des Unterwallis, dem Pierre Avoi, zum Dente de Nendaz, zum Mont Forts (einem waschechten Dreitausender mit Gletscher) oder La Tsermetta (Eingang des Val d'Herèmence) lassen sich so auch für den überwiegenden Lustwanderer mit etwas Kondition als Bergsommer-Wanderprogramm einplanen. Den 3.300 m Hohen Mont Fort sollte sich allerdings nur der geübte Bergwanderer gönnen, die knapp 2.900 m hoch gelegene Paßhöhe des Col de Gentianes ist aber immer „drin". Man hat nahezu den ganzen lieben langen Bergsommertag zum gemächlichen Aufstieg und fliegt anschließend, knie- und kräfteschonend mit der letzten Talfahrt zum Ausgangspunkt zurück.

Einmal nutzen wir die Kabinenbahn auch als Aufstiegshilfe. Weil der 250 m Aufstieg vom Fuß der gewaltigen Staumauer am Lac des Dix kaum grös-sere Erbauung verspricht, lassen wir uns in fünf Minuten in die Höhe beamen. Schwindelerregend ist der Blick von der Staumauerkrone in die Tiefe. Graugrün schimmert das Gletscherwasser und am Talschluß hebt der gewaltige Mont Blanc de Cheilon sein eisgepanzertes Haupt. Durch den Combe de Prafleuri, ein prächtiges Hochtal mit steilen Wiesenflanken, steigen wir zur Cabanne de Prafleuri auf. Bevor es vom Col des Roux zur Alpage La Barma hinuntergeht, unternehmen wir einen kurzen Aufstieg zum 2.931 m hohen Mont Blava. Atemberaubend die Aussicht auf die Kette der Walliser Viertausender. Wasser und Eis, Fels und ein wenig Erde. Genug für virtuos tänzelnde Steige und Pfade, genug für Murmeltierhöhlen. Schrille Pfiffe ertönen, wenn sich die scheinbar unsichtbaren Pelztiere gestört fühlen und vor nahender Gefahr warnen. Für uns bietet der Tag acht Stunden frische Luft. Bergsommer eben. Typisch Wallis. Dem Gletscher so nahe. Das Gefühl von Entlegenheit. Begeisternde Bergwelt. Höchst geeignet auch für Genußwanderer und besonders für gelegentliche Gipfelstürmeraspiranten.



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