© Klaus-Peter Kappest

In vier Tagen über den Bayerischen Wald

Ausgabe 125 – Oktober/November 2005

Deutschland

Von Deggendorf aus macht sich Wandermagazin-Autor Dr. Konrad Lechner mit seiner achtköpfigen Wandergruppe auf den Weg, den Bayerischen Wald zu überqueren. Der Weg führt ab Kirchberg i. Wald über den Gunthersteig, hinauf zum moderaten Gipfel des Hessenstei

Jeden Morgen geht die Sonne auf - in der Wälder wundersamer Runde

Auf dem Gipel des Hessensteins
Auf dem Gipel des Hessensteins

Glück gehabt! Nach starken Regenfällen empfängt uns Deggendorf mit strahlendem Sonnenschein. Er sollte uns vier Tage lang bis zum Ziel begleiten. Mit großer Freude zieht die achtköpfige Gruppe über den malerischen Straßenmarkt von Deggendorf. Das wappengeschmückte Rathaus und der barocke Kirchturm sind Zeugnisse einer bedeutenden Vergangenheit als Handelszentrum. Der gut markierte Weg führt auf Nebenstraßen aus der Stadt, von der man bald nur noch die Türme sieht. Je höher wir steigen, desto eindrucksvoller ist der Blick zurück auf die Donauniederung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie weit man auch zu Fuß in kurzer Zeit gelangen kann. Zwischen Felsbrocken steigen wir weglos auf steilem Hang zur Kanzel und haben von dem dicht bewaldeten Gipfel an einer Stelle eine schöne Aussicht.

Die anziehende Rusel

Zunächst wandern wir durch Wald, erreichen aber bald eine Lichtung mit alten Höfen, die von saftigen Wiesen umgeben sind. Nichts stört hier die Idylle, vor hundert Jahren hat es sicher nicht anders ausgesehen. An einem Waldrand finden wir erstmals die für den Bayerischen Wald charakteristischen Totenbretter. Sie sind meistens um ein Kreuz geschart: Erinnerungen an Verstorbene, aber auch für uns ein Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen. Gegen Abend erreichen wir die sonnenüberflutete Lichtung auf der Rusel, ein markanter 800er Berg mit einem Hotel in großartiger Lage. Einst fanden Fuhrleute und Pilger hier Unterkunft. Heute ist es eine außerordentlich empfehlenswerte Station für Wanderer auf ihrem Weg in den „Wald", und im Winter nicht weniger für die Schneehungrigen.

Auf Gunthers Spuren

Von der Rusel aus wandern wir zu den Totenauer Waldwiesen, die vor allem wegen der hier vorkommenden Birkhühner unter Naturschutz stehen. Mehrere Dörfer mit malerischen Höfen liegen heute an unserer Route. Erstmals erblicken wir auch Arber, Rachel und Lusen. Ab Kirchberg i. Wald sind wir auf dem Gunthersteig. Vor über 1000 Jahren schuf hier der Mönch eine Rodungsinsel. Zu seiner Erinnerung wurde der Gunther-wanderweg vom Kloster Niederaltaich an der Donau bis zum Grenzkamm angelegt. Der abwechslungsreiche Pfad überrascht besonders durch seine Naturbelassenheit. Am Abend in Kirchdorf i. Wald bleiben keine Wünsche der Müdeglaufenen offen. Die schönen Zimmer, das urgemütliche Gasthaus, die Schweinshaxen, die sogar noch für eine Wegzehrung am nächsten Tag sorgen, und die Freundlichkeit der Menschen bleiben uns in allerbester Erinnerung.

Der Hessenstein - ein „überragendes" Ziel

Es muß nicht immer ein bekannter Berg sein, um die Begeisterung von Wanderern zu entfachen. Auf schmalen Wegen an Waldrändern und über Wiesen gelangen wir auf den Hessenstein. Trotz bescheidener Höhe bietet er einfach alles, was ein Wandergipfel geben kann: eine kleine Kletterei, ein Kreuz, ein Gipfelbuch, Einsamkeit und herrliche Aussicht. Deshalb verweilen wir auch etwas länger. Wieder einmal wird mir bewußt, daß gerade im Reichtum des Augenblickes das wahre Glück der Wanderschaft liegt.

Im Nationalpark: Buchen und Granit

Wir haben von Anfang an einen sehr guten Eindruck vom Nationalpark Bayerischer Wald. Klare Markierungen, viele Informationen zum Lebensraum Wald und die unaufdringlich bescheiden wirkenden Hinweise auf bestimmte Regeln, an die sich Besucher halten sollten. Unser Eintritt erfolgt in der Gegend von Spiegelau auf breiten, bequemen Wegen, die von jedermann begangen werden können. Je weiter wir vordringen, desto ursprünglicher werden Wald und Wege. Ein erster Höhepunkt sind die herrlichen Buchenwälder um Guglöd, die an diesem Maitag geradezu leuchten. Fast etwas unheimlich, aber eben auch sehr beeindruckend ist der Aufstieg zum Teufelsloch. Unter mächtigen Granitfelsen vernimmt man das Rauschen der Kleinen Ohe und ein eisiger Hauch steigt aus der Tiefe auf.

Über den sagenumwobenen Gipfel

Der Teufel wollte einst den Weg zur Hölle besonders gut pflastern und war mit einer großen Fuhre Steine unterwegs. Ein Einsiedler hielt ihm ein Kreuz entgegen. Vor Schreck kippte der Satan die Fuhre um und flüchtete, und der Felsenberg des Lusens entstand. So will es jedenfalls die Sage. Der Gipfel liegt so hoch, daß die Besteigung keineswegs ein Spaziergang ist. Die großartige Aussicht über den Wald läßt aber sogleich alle Mühen vergessen. Eindrucksvoll ragen abgestorbene Fichten im Kammbereich des Gebirges in den Himmel. Der Wald wird hier bewußt nicht „gefegt", sondern so gelassen, wie er sich entwickelt. Auch der Borkenkäfer darf sein Tagwerk verrichten. Zwischen den Baumruinen wachsen bereits überall wieder Bäume und Sträucher nach: Die Natur wird es richten, wie nach großen Waldbränden in den Urwäldern der Taiga! Gifteinsätze gegen Schädlinge entsprechen nicht der Vorstellung des Nationalparks und seinem, auf längere Sicht betrachtet, intakten Ökosystem. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das neue Gleichgewicht wieder ganz von alleine einstellt.

Ein Abstieg, wie er im Buche steht

Ein Schneefeld und die zarten Soldanellen, an denen wir vorbeikommen, erinnern an alpine Frühlingstouren. Solcherart von berauschenden Natureindrücken begleitet, erreichen wir die sehr schön gelegene Lusenhütte. Ihrem Charme kann man kaum widerstehen, so daß auch wir länger rasten. Dann wird es wieder einsam, und wir sind nur vom großen Wald und seinen Naturbewohnern umgeben. Wieder überraschen uns die vielen Buchen in hoher Lage. Die ausgedehnte Lichtung des Tummelplatzes, eine einstige Stierweide, bietet sich für unsere Nachmittagsrast geradezu an. Gut eingelaufen, gönnen wir uns dann auch noch den Abstecher zum Großalmeyerschloß: Die Felsbastion überragt hier erneut den Wald und bietet sowohl einen Rückblick zum Lusen als auch Aussicht auf unser Ziel Mauth. Zum Abschluß wandern wir am Steinbach entlang. Die von ihm ausgehende kühle Luft läßt vergessen, wie heiß dieser Tag in den Niederungen ist. Aber auch wir werden bald durstig: Kurz vor Mauth, beim sonnigen Aufstieg aus dem Tal in den Ort packt uns die Vorfreude auf das erste kühle Bier, und so streben wir schnell unserem Gasthaus und der Stunde der Ankunft zu.



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