© Klaus-Peter Kappest

Südtirol: In fünf Tagen von Bozen nach Salurn

Ausgabe 126 – Dezember/Januar 2005/2006

Italien

Immer wieder erfasst uns etwas vom Zauber des Südens, wenn wir den Brenner überquert haben und in Richtung Bozen fahren. Regen im Norden und ein kleiner blauer Fleck im Süden, der immer größer wird. Am Bahnhof in Bozen umgibt uns sommerliche Wärme. Nach e

AUF BLUMENREICHEN PFADEN ZU DEN AUSSICHTSPUNKTEN UND DURCH DEN CANYON SÜDTIROLS

Zur Vogelschau auf Bozen

Salurn - Blick auf die Burg
Salurn - Blick auf die Burg

Nach wenigen Minuten verlässt unser Weg die Straße und führt steil durch den Wald empor. Bald erreichen wir weite Wiesenflächen, die locker von Lärchen bestanden sind. Hier in der Stille der Berge und reinen Luft verbringen die Bozner gerne ihre Freizeit. Ein steiniger Pfad führt uns immer höher hinauf zur Rotwand und etwas später zum Rotenstein. Ein atemberaubender Tiefblick öffnet sich. 1.200 m liegt der Talkessel mit der Stadt unter uns. Gekrönt werden die umgebenden Berge von den schneebedeckten Gipfeln der Ortlergruppe. Um uns blüht die Schneeheide, und die Kreuzblume mit ihren gelben und roten Blüten schmückt den Waldboden. Wir denken an Karl Felderer, der es in seinem Heimatlied so ausdrückt: „Wo König Ortler seine Stirn hoch in die Lüfte reckt, bis zu des Haunolds Alpenreich, das tausend Blume deckt ...“

Zu Gast auf einem Südtiroler Hof

Nach etwa drei Stunden erreichen wir den Hof Köhl. Die Stube allein ist einen Besuch wert. Ein mächtiger Kachelofen, die Zeugnisse einer tief verwurzelten Religiosität und die geschmackvollen Möbel aus Holz vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit. Unvergesslich ist der Abend. Von unserem Platz in der Stube sehen wir das Alpenglühen auf den Bergen des Rosengartens, eine der wohl bekanntesten Felsgruppen der Dolomiten.

Über den Tälern und unter den Gipfeln

Am nächsten Morgen wandern wir hinab ins vielbesuchte Deutschnofen. Kurz vor dem Ort löst die Sonne den morgendlichen Dunst auf und bringt die Landschaft in allen Farben zum Leuchten. Unter uns liegt das tief eingeschnittene Brandental, darüber erkennen wir die Siedlungen Petersberg, Weißenstein und unmittelbar vor uns Deutschnofen mit seiner Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Über allem erhebt sich das Weißhorn mit seinem Felsenkranz. Wir wandern an den steilen Hängen des Rohrbachtals auf Wegen, die auch von den Wallfahrern be-gangen werden, besuchen die Kapelle St. Leonhard, die an einer Bergkante liegt und einen Prachtblick auf die Dolomiten bietet, und erreichen Weißenstein.

Die Wallfahrtskirche im Gebirge

Maria Weißenstein liegt in 1.521 m Höhe. 1.300 m müssen die Wallfahrer von Leifers, dem Ausgangsort im Etschtal, aufsteigen. 1553 soll der Bauer Leonhard beim Grundausheben für eine Kapelle eine kleine Marmorstatue mit Maria und Jesus gefunden haben. Die Nachricht verbreitete sich schnell und war der Beginn der Wallfahrt. Unzählige Votivtafeln zeugen von tiefstem Leid und der Gnade der Heilung. Kein Besucher kann sich der Mystik dieses Ortes entziehen. Vom Umfeld der Kirche bieten sich Ausblicke auf berühmte Berge der Dolomiten. Der Weg nach Aldein führt uns dann über blumenreiche Bergwiesen, an alten Höfen und ehemaligen Mühlen vorbei. Dabei blicken wir ins Etschtal, zu den Sarntaler Alpen und zum Ritten. In Aldein erwartet uns wieder eines dieser gemütlichen Südtiroler Gasthäuser.

Die Bletterbachschlucht – der Canyon Südtirols

Salurn, Etschtal und Salurner Klause
Salurn, Etschtal und Salurner Klause

Seit dem Ende der Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren hat sich der Bletterbach 400 m tief in das umgebende Gestein eingeschnitten. Dadurch wurden immer ältere Schichten freigelegt und bieten einen sehr eindrucksvollen Blick in die wechselvolle Geschichte der Erde. Wir steigen von Aldein auf steinigen und schmalen Pfaden an steilen Hängen durch die Schlucht. Umgestürzte Bäume und abgerutschte Hang-teile zeugen davon, dass Natur und Landschaft nach wie vor in Bewegung sind. „Alles ist im Fluss“, sagte einmal ein Philosoph, hier können wir es unmittelbar miterleben.

Im Naturpark Trudner Horn

Ein Kaltlufteinbruch mit kräftigem Regen und Neuschnee auf den Bergen ist in den Alpen zu jeder Jahreszeit möglich und muss bei einer mehrtägigen Tour einkalkuliert werden. Aber mit welch einem Traumtag wird der Wanderer danach belohnt: Bei wolkenlosem Himmel und etwa 10 Grad Celsius steigen wir aus dem beliebten Ferienort Truden durch den Wald hinauf auf sonnige Höhen. Wir erreichen die Peraschupfe auf einer tiefgrünen Bergwiese. Der Ausblick auf die noch von Schnee bedeckten Berge bietet dazu einen faszinierenden Kontrast.

Eine Hütte von Blumen umgeben

Wie oft hat der Trientiner Bergsteigerchor dieses Lied schon gesungen! Die Krabbesalm oberhalb des Fleimstals könnte dazu die Anregung gegeben haben. Wir sehen die tiefblauen Blüten des Enzians, rote und gelbe Orchideen und zarte, rosa gefärbten Mehlprimeln und blicken hinüber auf die in höheren Lagen noch tief verschneiten und zum Greifen nahen Lagoraiberge und die ferne Palagruppe.

Der Rastplatz am Zis-Sattel

Wenige Meter nach dem Beginn des Aufstiegs zur Trudner Hornalm gelangen wir zu einer kleinen Hütte mit Tisch und Bank am Vorplatz, der, wie in den Alpen so üblich, völlig frei zugänglich ist. Ein schönerer Rastplatz ist kaum vorstellbar! Die Sonne im Rücken, auf der Bank vor uns die Karte mit dem Kompass und der Blick bis zu den Gipfeln der Zentralalpen. Es ist so klar, dass wir sogar einzelne Gipfel in den Ötztaler Alpen bestimmen können.

Auf der Aussichtsterrasse der Trudner Horn Alm

Nach steilem Aufstieg erreichen wir die in 1.710 m Höhe gelegene Alm, den höch-sten Punkt unserer Überquerung. Das sich hier bietende Panorama ist noch umfassender als die Aussichten, die wir vorher schon genossen haben. Vor allem die Lagorai-Gruppe sieht man in ihrer gesamten Ausdehnung. Der Abstieg, mit Aussichten, die bis zu den Bergen des Gardasees reichen, bringt uns nach Gfrill. Wenige Häuser und ein Gasthaus umgeben eine malerische Kirche.

Der Abend in den Bergen

Wir sitzen im Gasthaus Fichtenhof unmittelbar am Fenster. Die freundlichen Wirtsleute verwöhnen uns mit köstlichen regionalen Speisen und Getränken. Unser Blick reicht von den Trientiner Bergen über die Brentagruppe bis zur Ada-mellogruppe. Langsam füllt sich das Etschtal mit Dunst und Dunkelheit, während die verschneiten Gipfel im letzten Abendschein glänzen. Dann verlöschen auch sie, und nur noch zarte rosa Wolken sind zu sehen, bis die Nacht alles verhüllt. Welch stimmungsvoller Ausklang eines großartigen Tages!

Der Abschied von den Bergen

Am nächsten Morgen steigen wir ganze 1.100 Höhenmeter hinab. Wir gelangen aus der Bergregion immer mehr in den sommergrünen Flaumeichenwald und in die Weinberge. In Salurn gefällt uns das pittoreske Ortsbild mit den vielen schönen alten Höfen und der gewaltige Burg auf einem hohen Felsen. Der Abschied fällt uns wider Erwarten gar nicht so schwer, da unsere Wanderung noch viel schöner war, als wir es uns erträumt hatten, und bereits auf der Rückfahrt Pläne für neue Touren in diesem herrlichen Land entstehen.

Link-Tipp

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