© Klaus-Peter Kappest

Ausrüstung: Komfortabel schwitzen

Ausgabe 128 – April/Mai 2006

Know How

„Funktion ist das A und O“, sagen die einen. „Aber ohne Komfort zieht man Funktion nicht an“, sagen die anderen. Gut, wenn beides geht. Funktion und Komfort. Zusammen ein unschlagbares Paar. Damit für den Verbraucher mehr Transparenz entsteht und er nicht

Eine Umfrage der Zeitschrift „Textilwirtschaft“ hat ergeben, dass 88% der Unternehmen selbst aus den Bereichen HAKA und DOB (HerrenAnzügeKnabenAnzüge und DamenOberBekleidung), also der klassischen Männer- und Frauenbekleidung, Funktion als wichtiges Verkaufsmerkmal erkennen – und unter Sportfirmen kommen nochmals 10% hinzu. Das ist viel! Dennoch vielleicht nicht ganz so überraschend. Bekleidung muss heute mehr können als kleiden. Weit interessanter scheint die Tatsache, dass 98% der Befragten einen hohen Tragekomfort als die wichtigste Funktion bestimmen.

Tragekomfort? Da könnte man meinen, dass Tragekomfort die normalste Bedingung für Bekleidung sei. Ist er offensichtlich nicht. Wenn die Jeans zwischen den Kniekehlen schlabbert oder der Top-Spaghettiträger ständig verrutscht, dann ist das womöglich cool, zeugt aber nicht von Tragekomfort.

„Alles subjektiv“, sagen Sie nun. Stimmt! Und stimmt auch wieder nicht. Jede(r) hat bestimmte Lieblingsteile im Schrank, zu denen sie oder er häufiger greift. Warum? Liegt es an der Farbe? Der Marke? Oder gibt es etwas im Gehirn, das uns sagt, „das trägt sich besser als der Pulli daneben“?

Qualitätslabel für Tragekomfort

Das Hohensteiner Textilforschungsinstitut in Bönnigheim hat sich über das Phänomen der Lieblingsteile im Kleiderschrank den Kopf zerbrochen und vier verschiedene Aspekte für Tragekomfort zusammengetragen:

1. Thermophysiologischer Tragekomfort: Der Wärmehaushalt ist ein wichtiges Merkmal des Tragekomforts. Wie gut „atmet“ das Material? Was passiert mit der Feuchtigkeit beim Schwitzen? Friert man durch Schweiß, der nicht nach außen kann, oder wird er nach außen transportiert und bleibt dabei der Körper trocken und warm?

2. Hautsensorischer Tragekomfort: Hier spielt natürlich der Kontakt des Materials auf oder an der Haut die entscheidende Rolle. Ist es weich und anschmiegsam? Oder fängt es an zu kratzen, wenn sich der Körper durch Aktivität erhitzt? Oder klebt das Material auf der Haut und wirkt dann sperrig. Jeder weiß, dass „klebrige“ Bekleidungsstücke sehr unangenehm sein können.

3. Ergonomischer Tragekomfort: Auch die richtige Passform und der Grad der Bewegungsfreiheit wirken sich auf den Tragekomfort aus. Gute Schnitte, richtige Größen, vor allem bei Hosen, und eine gute Elastizität erleichtern viele Aktivitäten in solcher Bekleidung.

4. Psychologischer Tragekomfort: Das ist der Bereich, den wir sicher kennen. Sympathien für bestimmte Marken oder Stile machen uns „anfällig“, solche Produkte eher zu kaufen als andere. Und wir fühlen uns darin wohler – reden wir uns zumindest ein.

Tragekomfort messbar gemacht

Natürlich wurde auch fleißig auf der bekleidungsphysiologischen Ebene geforscht. Dazu wurden das so genannte „Hautmodell“ und die Testpuppe „Charlie“ eingesetzt. Das „Hautmodell“ stimuliert die Wärme- und Schweißabgabe der menschlichen Haut. Dabei kann untersucht werden, wie Materialien reagieren, wenn der Körper schwitzt. „Charlie“ ist eine Gliederpuppe mit 14 Sensoren, mit deren Hilfe man Einflusse von Bewegung, Umgebungstemperatur oder Schnitt der Bekleidung auf den Tragekomfort objektiv nachvollziehen kann.

Bei manchen Ergebnissen standen sich die vier Aspekte von Tragekomfort diametral gegenüber. Ein besonders interessantes Beispiel sind elastische Materialien, die im Outdoor- und Sportbereich stark zum Einsatz kommen. Auf der „Haben“-Seite stehen hier der ergonomische und der psychologische Aspekt des Tragekomforts. Elastische Bekleidung bietet nämlich eine bessere Bewegungsfreiheit und erlaubt eine modischere Schnittgestaltung. Auf der thermophysiologischen und der hautsensorischen Ebene wurden aber erhebliche Nachteile beim Tragekomfort festgestellt. Elastische Fasern sind häufig hydrophob (wassermeidend), statt hydroskopisch (wasseranziehend). Dadurch kann der Schweiß nicht vom Körper weggebracht werden, und das Material klebt unangenehm auf der schweißfeuchten Haut.

Neben der Benotung des Tragekomforts nach den bekannten schulischen Leistungsstufen 1 bis 6 setzte sich „Hohenstein“ deshalb auch das Ziel, Optimierungsparameter für Funktionstextilien festzulegen. Im Falle der elastischen Materialien empfiehlt Hohenstein, die Textilkonstruktion der normalerweise eher glatten und damit ungünstigen Strickkonstruktion durch das Einbringen von Rippen, Waben oder texturierten Garnen zu verbessern.

Funktionskriterium Tragekomfort

Da man unterdessen synthetische Fasern stark „manipulieren“, also mit bestimmten, gewünschten Funktionen ausstatten kann, ließen sich die nicht subjektiven Aspekte des Tragekomforts (alle bis auf die Markenpräferenz) gezielt verbessern und Materialien kreieren, die tatsächlichen Komfort bieten.

So verlockend diese Aussicht auch ist, die Industrie hinkt der Forschung noch hinterher. Die unzähligen Materialien und Mixturen von Materialien, die es im Markt gibt, sind leider noch nicht alle getestet – und werden wahrscheinlich nie alle getestet werden können. Dafür sind es einfach zu viele. Auch ist ein Testlauf nicht gerade billig. Trotzdem wird mit der Zeit sicher auf dem einen oder anderen Label eine „geprüfte Tragekomfortnote“ stehen.

In der Zwischenzeit müssen wir uns weiterhin auf die Erfahrung und die Beratung der Verkäufer in den Läden, oder im Freundeskreis oder der Ausrüstungsspezialisten verlassen. Trotz bestem Wissen und Gewissen sind ihre Tipps leider nicht immer universell gültig – manchmal allein, weil sich einige Aspekte weiterhin ausschließen. Deshalb und trotz der angesprochenen Bedenken haben wir zwanzig Produkte für Sie herausgesucht, die bei aller Subjektivität viel Tragekomfort versprechen. Und das von Kopf bis Fuß und von der innersten bis zu äußersten Materiallage.



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 128

April/Mai 2006