© Klaus-Peter Kappest

Wandern und GPS

Ausgabe 129 – Juni/Juli 2006

Deutschland

Technik trifft Romantik: Mit dem GPS-Gerät Schätze auf der ganzen Welt heben! Eine Erkundungstour in und um das nordfriesische Friedrichstadt weiht „Muggles“ in die Welt des Geocaching ein.

Einundachtzig, zweiundachtzig, dreiund ... – jetzt bloß nicht mehr verzählen, denke ich mir, während meine Füße im Gänsemarsch jede Holzplanke der Fußgängerbrücke über den Wester-Sielzug einzeln berühren. Die Frau mit dem Kinderwagen schaut mich leicht irritiert an. O.K., offensichtlich bin ich dem üblichen Spielalter lange entwichen. Doch mein neues kleines gelbes Spielzeug, ein GPS-Gerät, verlangt eben nach der Zahl der Holzplanken. Sie ergeben einen Wert für die Koordinatenangabe der östlichen Länge des nächsten Standortes auf meiner GPS-gelenkten Besichtigungstour durch Friedrichstadt. Anders ausgedrückt: Die Suche nach dem Schatz der Holländerstadt, die niederländische Glaubensflüchtlinge vor rund 400 Jahren nach Amsterdamer Vorbild mit schnurgeraden Grachten und typisch holländischen Treppengiebelhäusern erbauten.

Zwischen Eider und Treene

Dabei helfen mir Hinweise auf die jeweils nächsten Koordinaten, die wie bei einer Schnitzeljagd überall in der Stadt versteckt sind. Eigentlich offenbart sich der Schatz mit jedem nächsten Ziel ein wenig mehr, denn das GPS führt zu den „Juwelen“ der perfekt erhaltenen Holländerstadt: Trauerweiden beugen sich über die kleinen Brücken, unter denen sich offene Ausflugsboote durch die Sielzüge und Gräben schieben. Die bunt gestalteten Hausmarken, die seit der Gründung an den Fassaden prangen und mit einer Kuh, anderen Tieren oder Symbolen auf die Tätigkeiten ihrer Bewohner hindeuten. Häuser, die sich schief nach vorne lehnen, weil einst die Waren aus dem Treenehafen an ihren Fassaden entlang auf die Dachböden gehievt werden mussten.

Geheime Operation

Hinter der „Lüttje Brüch“, die über den Oster-Sielzug führt, zeigt das GPS-Gerät nach links und nur noch zehn Meter bis zum Ziel an. Das Versteck, der „Cache“, muss hier irgendwo sein, denn die Angaben des GPS sind nur bis auf etwa zehn Meter genau. Die Broschüre gibt noch den Hinweis „Amsel, Drossel, ...“ Da hängt ein verdächtiges Vogelhäuschen am Baum. Doch immer wieder stromern ein paar „Muggles“ über die Brücke. Bis vor einer guten Stunde war ich selbst noch einer von ihnen – den Unwissenden um die Welt des Geocaching. Schätze dürfen aber nur unbeobachtet geborgen werden, also heißt es: Abwarten, bis keiner mehr kommt. Endlich! Tatsächlich, unten im Vogelhäuschen liegt ein Kuckucksei. Es ist aus Gummi und hat neue Koordinaten auf seiner „Schale“.

Gefunden?

Beim Finden unbemerkt zu bleiben ist wichtig, damit der Schatz für nachfolgende Schnitzeljäger an Ort und Stelle auffindbar bleibt. Dies ist nur eine Regel im Ehrenkodex des Geocaching. Ebenso obligatorisch ist, den Schatz wie vorgefunden zu hinterlassen. Beim Eintrag ins Logbuch, einem kleinen Notizblock in der meist aus Tupperware geformten Schatztruhe, wird vermerkt, was herausgenommen und was dafür hineingelegt wurde. TNLN signalisiert: Took nothing – left nothing. Eine andere Abkürzung ist CITO: Cache in – Trash Out, ein spezieller Event-Cache, ein Treffen, bei dem passionierte Schatzsucher ein bestimmtes Gebiet von Schrott und Müll befreien. Neue Verstecke sollten Privatbesitz und Naturschutzbelange respektieren, weder eingegraben noch zufällig gefunden werden und anderen Cachern vielleicht den persönlichen Lieblingsplatz in der eigenen Heimat zeigen. So wie es der Stadtrundgang durch das nordfriesische Kleinod vormacht. Der Weg ist der Schatz! Na ja, nicht nur, einer ruht auch noch in der Truhe – er ist knallorange!



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Juni/Juli 2006