© Klaus-Peter Kappest

Hegau - Des Herrgotts Kegelspiel

Ausgabe 130 – August/September 2006

Deutschland

Zwischen Bodensee und Schwarzwald: Die von Burgruinen gekrönten Hegauvulkane mit Ihren markanten Phonolit- und Basaltkegeln lassen sich nicht so einfach umschubsen.

Ausflugsboote bringen Besucher zu dem Aussichtsfelsen mitten im Rheinfall von Schaffhausen
Ausflugsboote bringen Besucher zu dem Aussichtsfelsen mitten im Rheinfall von Schaffhausen

Manchmal recken „Alle Neune“ morgens früh ihren klaren Kopf aus dem Nebelmeer, das über dem Hegau zwischen Bodensee, Schwarzwald und südlichen Albausläufern so oft wabert: der Hohenhewen bei Engen mit seinem Musterkegel, nebenan der Neuhewen, mit 864 Metern höchster Hegauberg, der doppelgipflige Hohenstoffeln, der Mägdeberg mit wild überwucherter Burgruine, der schroffe, wie ein großer Backenzahn jäh aufragende Hohenkrähen und der berühmteste: der Hohentwiel – Hausberg von Singen – mit seinem bombastischen Bollwerk aus Festungsmauern. Der deutlich niedrigere Staufen neben dem Twiel, Wartenberg und Hewenegg bei Geisingen komplettieren das göttliche Kegelspiel.

Heiß und Eis

Hegaupanorama am Hohentwiel: Hohenstoffeln, Hohenhewen und Mägdeberg
Hegaupanorama am Hohentwiel: Hohenstoffeln, Hohenhewen und Mägdeberg

Wandern zwischen diesen uralten Vulkanen ist eine wahre Freude. Rasch steigen die Wege aus der 400 bis 600 Meter hoch gelegenen Ebene an und präsentieren ein Panorama, in dem der liebe Herrgott seine Kegel in immer neuer Konstellation aufgestellt hat. Mit etwas Glück und guter Sicht erheben sich die Hegau-vulkane vom Hegaublick am Neuhewen vor dem Bodensee mit Alpenkulisse. Von Süden, z.B. vom Herrentisch am Schiener Berg betrachtet, postiert sich das Kegelspiel aus Phonolith und Basalt, der Hohentwiel vorneweg, hinter dem Häuserteppich von Singen und Umgebung. Vor etwa 7 bis 9 Millionen Jahren blieb den Vulkanen das aufsteigende Magma im Schlote stecken. Sie erstarrte dort. In den folgenden Jahrmillionen schliffen Wasser, Wind und vor allem Eis alles rund und glatt. Nur der harte Kern aus Phonolith, auch Klingstein genannt, von Hohentwiel, Staufen, Hohenkrähen und Mägdeberg zeigt sich bis heute widerspenstig. Auch die westlichen Kegel aus Basalt trotzten der Naturgewalt, nur hatten sie es schwer gegen manch abbauwütige Menschenhand. So hinterließ der Bergbau beim Hewenegg nur noch einen See im 80 Meter tiefen Krater.

Diebische Aach

Die Wasserpumpen des Hegaus sind im Westen die Biber, im Osten die Stockacher Aach und im Zentrum die Radolfzeller Aach. Im Aachtopf bei dem gleichnamigen Städtchen „kocht“ in kleinen Kringeln, die langsam an die Oberfläche blubbern, Donauwasser aus dem unterirdischen Karsthöhlensystem nach oben. Ein Stückchen Holz trudelt unermüdlich in den Strudeln des von leuchtend grünen Algen durchzogenen Quelltümpels vor sich hin. In Immendingen schüttete man vor über 100 Jahren Unmengen von Kochsalz in die junge Donau, die wenig weiter, etwa 12 Kilometer nordwestlich des Aachtopfs, an 130 Tagen im Jahr gänzlich im Boden verschwindet. Gut anderthalb Tage später schmeckte das Wasser im Aachtopf extrem salzig: Das Geheimnis um die versickernde Donau war gelöst, die Aach als rheinische Diebesgehilfin enttarnt und die Europäische Wasserscheide unterirdisch überwunden.

Wassermassen

Als Entschädigung für ihre „Entführung“ wälzen sich die Donautröpfchen dann in Superlativen: Nach ihrer „Wiedergeburt“ im Aachtopf, der größten Quelle Deutschlands, frönen sie einem Bad im größten deutschen See, bevor sie sich unter ohrenbetäubendem Getöse den größten Wasserfall Europas hinunterstürzen dürfen: In einer guten Stunde lässt der Rheinuferweg Wanderer den Schaffhausener Rheinfall von allen Seiten erleben. Auf dem Känzeli unterhalb von Schloss Laufen donnert die schäumende Masse ganz dicht an den Zuschauern auf der Plattform vorbei. Gicht aus den Wasserschleiern, die wie Vorhänge über den Fällen schweben, benetzt die Haut. Noch nach Verlassen der Stelle dröhnt die Gewalt weiter in den Ohren. Ob die Hegauer Vulkanschlote sich auch solch immenser Kraft widersetzen könnten? Die Natursteinstufen aus Phonolith auf dem Pfad hinauf zum Hohenkrähen sind jedenfalls von Wanderschuhen schon etwas rundgetreten. Hoch oben weht die badische Flagge. Wieder zeigt sich ein neues Kegelbild – der dicke Twiel ist jetzt ganz dicht vor der Nase. Unten verlaufen irgendwo der E1 und der Querweg, die Verbindung von Freiburg und Bodensee. Viele andere Touren auf den vom Schwarzwaldverein markierten Hegau-Wegen warten ebenso auf ihre Entdeckung – und nicht nur durch Kegelbrüder!

Mehr Hegau im Heft:

  • Pfleger im Schafspelz: Naturschutz und artgerechte Bewirtschaftung
  • Kein Berg ohne Burg: Mittelalterliche Architektur – bis heute erhalten
  • Himmlische Hilfe im Harz
  • plus Pocketguide „Burgen, Blicke und Vulkane“ : 3 Tourentipps im Hegau

    Beilage im Wandermagazin 130: Pocketguide HegauBeilage im Wandermagazin
    130: Pocketguide Hegau

     
    • Zu den Hegauburgen: Hohentwiel, Staufen, Hohenkrähen und Mägdeburg
    • Schiener Berg: Zwischen Hegauvulkanen und Bodensee
    • Historie und Schaarenwald: Der Rhein zwischen Gailingen und Schaffhausen


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Ausgabe 130

August/September 2006