© Klaus-Peter Kappest

Voll Kras!

Ausgabe 131 – Oktober/November 2006

Slowenien

Im slowenischen Karst, so heißt die Region Kras auf dem Hochplateau hinter Triest übersetzt, hat das Wasser riesige Gänge und Grotten in den Kalkstein gefressen. In dieser Unterwelt erlebt man Wandern aus der Maulwurf-Perspektive.

Durchblick aus dem Innern der Höhlenburg Predjama
Durchblick aus dem Innern der Höhlenburg Predjama

Weit hinten reckt sich eine kleine Kirche mit ihrem Spitzdach über die roten Dächer des Dorfes Skocjan hinaus. Sie scheint sich schüchtern zurückzulehnen, als habe sie Angst, in den Abgrund des hundert Meter tiefen Kraters zu ihren Füßen zu kippen. Kein Wunder – samt Dorf würde sie sicher hundertmal in das Riesenloch passen. Vor dem gigantischen Trichter liegt ein zweiter, noch größerer. Er ist lediglich durch eine schmale natürliche Felsbrücke, unter der smaragdgrünes Wasser hervorgurgelt, von dem anderen getrennt. Zwischen dem üppigen Grün der Bäume, die sich an die senkrecht abfallenden Wände klammern, dringen die Grau- bis Wießtöne des nackten Kalksteins durch. Ein Anblick, als hätten sich die steinverschlingenden Riesen Karius und Baktus hier in der slowenischen Karstregion ein wahres Festmahl gegönnt.

Verschwindende Flüsse

Tatsächlich aber hat die Reka diese Landschaft zwischen Istrien und Alpenvorland geformt – der Fluss, der unter der schmalen Felsbrücke am Grund der Trichter tost. Am Ende der Schlucht verschwindet die Reka im Untergrund, wie schon zuvor an der Felswand unterhalb Skocjans. Unterirdisch, im Fels, sorgt sie für das Phänomen, das dem Begriff Karst über seine Regionsbezeichnung hinaus zu wissenschaftlichem Weltruhm verholfen hat: Verkarstung. Kohlensäure, die sich durch die Lösung von Kohlendioxid im Wasser bildet, löst in einer chemischen Reaktion Untergründe wie Gips oder Kalkstein langsam auf. Ist das Gestein sehr porös, versickert das Wasser und frisst erst Gänge, dann größere Hohlräume hinein. Vor etwa 150 Jahren erforschten Wissenschaftler dieses Phänomen erstmals genau hier im slowenischen Kras, was soviel wie „dünner Boden“ bedeutet. Seither steht dieser „Klassische Karst“ international Pate für die geologische Erscheinung, die z.B. auch die Schwäbische Alb oder das Schweizer Jura prägt. Auch die Fachbegriffe über besondere Karst-Merkmale entstammen der slowenischen bzw. kroatischen Sprache. Z. B. heißt die Stelle, an der die Reka einfach abtaucht, „Ponor“ – zu Deutsch „Schluckloch“. Die beiden Einsturztrichter bei Skocjan, im Fachjargon „Dolinen“ genannt, sind auf den Karten des Regio-nalparks „Skocjanske jame“ (St.-Kanzian-Höhlen) als Velika und Mala – Kleine und Große – Dolina verzeichnet. Durchsickerndes Regenwasser und die unterirdisch fließende Reka lösten das Gestein so stark auf, dass die Decke des Hohlraums zusammenbrach. …

Eine weitere Slowenien-Reportage in diesem Heft:

Adrenalin - Im Wanderparadies der Julischen Alpen wartet der Wocheiner See mit abwechslungsreichem Futter auf Abenteuerhungrige.



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Ausgabe 131

Oktober/November 2006