© Klaus-Peter Kappest

Der Berg Quält - Bolivien

Ausgabe 135 – Juni/Juli 2007

Südamerika

Seit Mitte Juli 2006 befindet sich unser Redakteur Andreas Vierkötter mit Freundin Anja Schnippe auf Weltreise. Die letzte Etappe ist erreicht: Bolivien. Ein großes Abenteuer, die Besteigung eines 6.000ers, steht an. Doch die beiden stoßen an ihre Grenz

„Scheiß Berg!“ Anja ist immer noch sauer. Der Blick von La Paz auf den gigantischen Illimani erinnert sie an unsere „Niederlage“ am Huayna Potosi. Wir waren so nah dran, einen 6.000er zu besteigen. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so gut akklimatisiert sein, denn seit einem Monat bewegen wir uns in Bolivien in Höhen bis zu 3.800 Metern. Das „Drama“ hatte vor einer Woche begonnen, als uns Antoine, ein Kletterer aus Paris, von seinen und Giullemettes Plänen erzählte, einen „leichten“ 6.000er nahe La Paz zu besteigen. Wir wollten zwar nicht mehr wandern, waren aber sofort Feuer und Flamme.

Quietschbunte Ostereier

Drei Tage später stehen wir im strömenden Regen in einem ärmlichen Gehöft. Kinder kratzen Eselköttel zusammen und wir drängen uns mit zwei Guides im Wohnzimmer mit Lehmboden und trinken Cocatee. Nichts ist trostloser, als eine Wanderung bei Regen zu starten. Als Regenschutz bekommt Anja einen quietschgelben Plastiküberwurf und ich die Tischdecke vom Mittagessen. Lustlos und aussehend wie zwei bunte Ostereier trotten wir durch eine „schottische“ Landschaft. Es beginnt zu schneien. Kurz vor dem ersten Zeltlager stehen wir unterhalb des Condoririmassivs, das die Form eines sitzenden Condors hat. Und genau hier scheint uns das Schicksal sagen zu wollen: „Ihr werdet den Gipfel erreichen!“ Die Wolkendecke öffnet sich und gibt eine grandiose Szenerie der Berge frei.

Durchfall und Hoffnung

Die folgenden Tage sind ein ständiges Auf und Ab. Nach jedem Pass, den wir kurzatmig erreichen, wandelt sich die Verzweiflung zur sicheren Hoffnung, die sich durch den folgenden leichten Abstieg festigt – bis zum nächsten Japsen nach Luft. Am dritten Tag der erste Anstieg. Anja bekommt Durchfall und quält sich bis auf 5.000 Meter. Je höher wir steigen, desto schwächer werde auch ich und bekomme auch Durchfall. Imodium macht uns beide aber am Abend beschwerdefrei. Am vierten Tag ist Antoine dran. Nach einer schlaflosen Nacht verlassen ihn die Kräfte für sein „Rucksackmonster“. Wir helfen ihm und erreichen das letzte Refugio unter dem Gipfel auf 5.200 Metern. Antoine legt sich schlafen, Anja und ich bekommen unsere Einweisung für Steigeisen und Eispickel. Nach zwei Stunden Schlaf, um Mitternacht, ist Frühstückszeit.

Enttäuschung und Euphorie

Im Mondschein starten wir in kleinen Gruppen. Im Dunkeln funkeln die Stirnlampen. Das Seil, das mich an den Guide bindet, ist stets stramm. Er will immer etwas schneller gehen als ich. Das Steigen in seinen Fußstapfen ist anstrengend, aber es geht. Doch kurz nachdem wir La Paz unter uns leuchten sehen, bekommt Anja – Durchfall! Ich sehe Giullemette erschöpft im Schnee liegen, Antoine wirkt fit. Doch noch haben wir nicht die erste Wand erreicht. Es ist fünf Uhr und stockdunkel, aber die Guides fragen bereits, ob wir nicht umdrehen wollen. Da man den Gipfel gegen 8.30 Uhr wegen Lawinengefahr wieder verlassen haben muss, meinen sie, dass wir es bei unserem Tempo womöglich nicht schaffen. Ich will die erste Schneewand mit einer Steigung von 45° aber unbedingt erreichen. Das gelingt auch und ist nicht so schlimm wie erwartet – wenn man nicht zu den Gletscherspalten hinabschaut. Wir sind froh, den zweitschwersten Abschnitt der Route geschafft zu haben, müssen jedoch kurz darauf aus Zeit- und Erschöpfungsgründen abbrechen. Antoine erreicht als einziger das Ziel. Die Enttäuschung ist riesig und wir können den Sonnenaufgang mit grandiosem Blick auf den Illimani nicht genießen. Nur vier von zehn Wanderern haben es an diesem Tag zum Gipfel geschafft. Antoine ist euphorisiert. Er plant für 2008 die Besteigung des Aconcaguas – den höchsten Berg außerhalb des Himalayas. Wenn das nichts wird, will er mit uns drei „Schwächlingen“ in den Vogesen Schneeschuhwandern...

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