© Klaus-Peter Kappest

Europas grünes Herz: Wanderfreuden im Naturpark Spessart

Ausgabe 135 – Juni/Juli 2007

Deutschland

„O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald...“ schrieb J. v. Eichendorff 1810. F. Mendelsohn-Bartholdy komponierte 1843 die Melodie dazu. Der Spessart könnte – er muss – das Vorbild gewesen sein. Aus den tief eingeschnittenen Tälern von Main, Kinzig u

Der Naturpark Spessart wurde zum Schutz der wertvollen und oft noch sehr naturnahen Landschaft errichtet. Er erstreckt sich über eine Fläche von 2440 Quadratkilometern vor allem auf einer leicht geneigten Buntsandsteinplatte. Man unterscheidet den Naturpark Bayerischer Spessart, der im Mainviereck liegt, und den Naturpark Hessischer Spessart südlich der Autobahn A66 zwischen Hanau und Schlüchtern. (Tipp: Naturparkführer kann man auch buchen: Tel. 06051/88 35 42). Das französische Institut Géographique National hat festgestellt, dass durch den Beitritt von Bulgarien und Rumänien zur EU, Meerholz, ein Ortsteil von Gelnhausen im Hessischen Spessart, den geographischen Mittelpunkt der EU darstellt. Das Herz Europas ist ein grünes Herz. Grün wie der Spessart.

Der Buntsandstein wurde noch im 19. Jh. von einem namhaften Geographen wegen seiner Unfruchtbarkeit als nationales Unglück bezeichnet. Wo dieser rote Sandstein vorkommt, dominiert sogar bis heute der Wald. Eine glückliche Fügung für die tatendurstige Wanderschar. Früher diente der Sandstein nur als begehrtes, preiswertes Baumaterial. Das lässt sich mühelos beim Blick in Dörfer und Städte am und im Spessart unter Beweis stellen. Heute liegt die Bedeutung des rostroten Gesteins im Vorkommen von kostbarem Trinkwasser, im Reichtum des nachwachsenden Rohstoffs und Energieträgers Holz, im Rückzugsgebiet für viele Tiere und Pflanzen und vor allem natürlich in der Erholungsfunktion. Wer sich etwas näher mit diesem Gestein beschäftigt und auf seinen Wanderungen genauer hinschaut, wird Dokumente aus einer Millionen von Jahren zurückliegenden Zeit entdecken. Damals herrschte ein wüstenhaftes Klima und gigantische Sandströme wurden durch das Wasser antransportiert. Versteinerte Spuren des geheimnisvollen „Handtiers“ dieser Zeit geben noch heute den Forschern Rätsel auf.

Blick von der Kirchentreppe auf die Altstadt von Bad Orb
Blick von der Kirchentreppe auf die Altstadt von Bad Orb

Die heutige Tierwelt im Spessart ist vor allem durch das Rot- und Schwarzwild geprägt. Aber auch Dachs, Waschbär und Wildkatze kommen noch vor. Der häufigste Taggreifvogel ist der Bussard, daneben kann man aber auch den Habicht und den Roten Milan beobachten, den man am Gabelschwanz besonders leicht erkennen kann. Der Name Spessart geht auf den „Spechts-Hardt“ zurück. Hardt bedeutete im Mittelhochdeutschen Bergwald und Spechte gibt es in großer Zahl im Spessart, wobei der fast einen halben Meter große Schwarzspecht mit seinem schwarzen Gefieder und der roten Haube besonders schön ist und in der Tat etwas geheimnisvoll wirkt.

„Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervernügen“ klingt es in der berühmten Oper „Der Freischütz“. Es war auch der Leitspruch der Feudalherren in vergangenen Jahrhunderten wie der Fürstbischöfe, die im Spessart begütert waren und das Jagdrecht hatten. Das sorgte dafür, dass nicht zu viel Holz geschlagen wurde und über weite Gebiete keine größeren Siedlungen entstanden. Ein Glück für die Erholung Suchenden und Wanderer unserer Tage. Die prächtigen Eichenwälder mit Uraltbeständen und Baumveteranen von kolossalen Ausmaßen verdanken ihre Entstehung und Erhaltung auch einem hohen Wildbestand und der Eichelmast, die eine natürliche Verjüngung verhinderten.

Schloss Mespelbrunn war unter anderem Drehort für das Wirtshaus im Spessart
Schloss Mespelbrunn war unter anderem Drehort für das Wirtshaus im Spessart

Das Wanderjahr im Spessart kennt keine Pause. Wenn wir an einem späten, sonnigen Wintertag unter den noch unbelaubten Bäumen wandern, so ist der Wald von Lichtkaskaden und auch etwas Wärme durchflutet. Zu dieser Zeit ist bereits der melodische Gesang der Singdrossel zu vernehmen. Es ist nur schwer zu beschreiben, wie schön der Wald kurz von dem Aufbrechen der Knospen ist. Martin Greif hat es in einem wunderschönen Gedicht so formuliert: „Wieder seh ich jenen Schimmer, jenen Schimmer an den Bäumen, der mir sagt, es könne nimmer lange mehr der Frühling säumen“.

Wenn dann der Mai ins Land zieht und man umgeben ist von allen erdenklichen Variationen der Farbe Grün, dann ist sicher ein Höhepunkt des Wanderjahres erreicht. In dieser Zeit sollte man vor allem in den Tälern wandern, um über die Berghänge zum Himmel hinaufzublicken. Im Juni vor dem ersten Schnitt sind dann die Wiesentäler am schönsten, und im Hochsommer spenden die ausgedehnten Wälder angenehme Frische, die sich besonders auch in den Nächten bemerkbar macht und angenehmen Schlaf schenkt. Die schönen Herbsttage mit immer neuen Farben der Blätter und Früchte erstrecken sich bis in den November. Und auch der Dezember schenkt noch Wanderfreuden, wenn die Sonnenstrahlen den Nebel durchbrechen, wenn es still geworden ist draußen und nur noch Schritte im raschelnden Laub zu vernehmen sind. (Tipp: Passend zur Jahreszeit gibt es kulinarische Spargel-, Fisch-, Obst- oder Wild-Wochen.)

Die Erzählung „Das Wirtshaus im Spessart“ von Wilhelm Hauff und der gleichnamige Film haben den Spessart untrennbar mit einer Prise Räuberromantik verbunden. Natürlich kann der Wanderer unbesorgt auch in den entlegensten Spessartwäldern wandern. Wer dies aber zu langweilig findet, der kann in Lohr a. Main und Wiesthal für Wandergruppen einen vermeintlichen Räuberüberfall mit Verschleppung und anschließendem Räuberessen und Räuberschnaps buchen. Selbst ein Spessarträuber-Examen kann man erwerben (Tel. 06051/8 51 37-16). Nun ja! Wandern auf Schneewittchens Spuren, von Lohr hinauf in den Spessart, verspricht der Schneewittchenwanderweg.

Spessarträuberland wird die Gegend um das Schloss Mespelbrunn genannt. Wer an einem schönen Tag dieses inmitten ausgedehnter Wälder gelegene Kleinod besucht, wird eine seltene Harmonie von Natur und Kultur erleben. Das aus dem 15. und 16. Jh. stammende Gebäude ist von einem kleinen See umgeben. An Herbsttagen verbinden sich die bunten Blätter und die sich im See spiegelnden Mauern zu einem überirdisch schönen Ensemble. Auch das Innere ist sehenswert: Renaissanceportale, ein Rittersaal mit Kassettendecke, ein Ahnensaal und wertvolles Mobiliar beeindrucken den Besucher. In diesem Schloss wurde 1545 der spätere Fürstbischof von Würzburg Julius Echter geboren. ...

Diesem Heft ist ein Pocketguide mit 12 Spessart-Tourentipps mit Pfiff beigeklebt:

3-4: Zwischen Spessart und Rhön. Von Gemünden über Schönau und Seifriedsburg
5-6: Die Höhen des Vorspessarts. Von Hösbach über Rottenberg und Feldkahl
7-8: Zur Wallfahrtskirche. Von Lohr a. Main über Mariabuchen nach Steinbach
9-10: Höhenwege über dem Main. Marktheidenfeld, Lengfurt und Triefenstein
11-12: Täler und Höhen. Um Heigenbrücken und Jakobsthal
13-14: Zur Kahlquelle. Von Schöllkrippen über die Birkenhainer Straße
15-16: Vom Wald zum Weinberg. Von Schöllkrippen nach Michelbach
17-18: Zum Burgjosser Heiligen. Wiesenreiche Täler und bewaldete Höhen
19-20: Über Kinzig- und Salztal. Von Bad Soden-Salmünster über Kerbersdorf
21-22: Spessarträuberland 1. Einsame Wälder und aussichtsreiche Höhen
23-24: Spessarträuberland 2. Über die höchstgelegene Siedlung im Spessart
25-26: Spessarträuberland 3. Vom Wasserschloss über Hohe Wart zur Bergkapelle


Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 135

Juni/Juli 2007