© Klaus-Peter Kappest

Hunger nach Entschleunigung - Interview mit Ulrich Grober

Ausgabe 135 – Juni/Juli 2007

Know How

Ulrich Grober, freier Journalist aus Marl, ist passionierter Wanderer und Autor des Buchs „Vom Wandern – neue Wege zu einer alten Kunst“. Er schreibt über seine Wanderungen, allein, mit Kindern, mit Freunden und über seine Gedanken beim Wandern und zum Wa

Wanderbuchautor Ulrich Grober
Wanderbuchautor Ulrich Grober

WM: Zurzeit ist Wandern in aller Munde. Bücher zum Thema sind Bestseller, Studien sprechen von rund 40 Mio. wandernden Deutschen. Wie erklären Sie diesen Boom?

U. Grober: Durch unsere urbane Lebenswelt mit ihrem rasanten Tempo. Verkehrsmittel und Arbeitsprozesse beschleunigen sich, viele Dinge erledigen wir parallel und non-stop. Dazu suchen wir einen Ausgleich: Phasen der Entschleunigung, Auszeiten. Es gibt einen Hunger nach solchen Phasen und viele Möglichkeiten, diese zu gestalten. Wandern ist ein perfektes Kontrastprogramm, die Rückkehr zum menschlichen Maß, das Maß des Schrittes, und zum natürlichen Zeitgeber, dem Licht der Sonne. Unterwegs sein zwischen Sonnenauf- und -untergang klinkt uns wieder ein in die Rhythmen der Natur.

ISBN 978-3-86150-772-7, Zweitausendeins, Frankfurt/M. 2006, 19,90 Euro
ISBN 978-3-86150-772-7, Zweitausendeins, Frankfurt/M. 2006, 19,90 Euro

WM: Sie beschreiben in Ihrem Buch die Erfahrung der Natur mit allen Sinnen und kritisieren die Kommerzialisierung des Wanderns. Was meinen Sie damit?

U. Grober: Wandern an sich ist ökologisch. Gehen in der Natur schadet dem natürlichen Gleichgewicht nicht und stärkt die Ökologie der Sinne: Wir gewinnen Bodenhaftung, riechen jahreszeitliche Aromen, erfahren Über- und Nahblicke. Beim aktuellen Wanderboom fürchte ich, dass er in den Griff der Kommerzialisierung gerät, und wir uns wieder vom Wesentlichen des Wanderns entfernen könnten. Ich habe nichts gegen Premiumwanderwege, eine gute Ausrüstung oder ein qualifiziertes Hotel, doch Marken gewinnen zuviel Bedeutung. Das Urgefühl des sich Wohlfühlens konkurriert mit dem förmlichen Ausweis einer Marke. Es kommt doch nicht nur auf die Zertifizierung eines Weges an, sondern vor allem darauf, ob ich die ökologischen und kulturellen Schätze am Weg wahrnehmen kann, dass ich darauf vorbereitet und dafür empfänglich bin. Wir müssen zwischen Hilfestellungen wie guten Wegen und guter Ausrüstung und dem Wesentlichen des Wanderns zu differenzieren lernen.

Wir legen gerade alte Dogmen wie Spießigkeit, Antiquiertkeit, Askese und Vestocktheit ab und schaffen dafür neue. In der Vergangenheit wurde Wandern angesichts der integrativen Ausrichtung gescholten, obwohl es eine Errungenschaft war. Wandern machte gleich. Wandern konnte jeder, gleich ob mit abgetragenen oder verstaubten Sachen oder der neuesten Ausrüstung. Wenn jetzt Marken die Wanderwelten erobern – Markenwege, -hotels, -rucksäcke und -jacken – dann besteht die Gefahr einer Spaltung und eines etikettierten Wanderbooms.

WM: Klimaschutz ist derzeit viel diskutiert, Fernziele aber nach wie vor der Stoff, aus dem die Träume sind. Bleibt das Wandern eine Nebensaison- und Wochenendbeschäftigung?

U. Grober: Wenn wir über die Zukunftsfähigkeit des Wanderns sprechen, ist die Fokussierung des Klimawandel-Szenarios durchaus erlaubt. Benzin und Kerosin werden knapp, die Savannen und Wüsten dehnen sich aus, die Polkappen und Gletscher schmelzen – das erfordert ein Nachdenken auch über den ungehemmten Ferntourismus. Damit klar ist: Ferntourismus bedient auch künftig unsere Sehnsüchte und Träume, aber wir sind gut beraten, den Ferntourismus zu reduzieren. Hermann Hesse etwa lebte in einem Aktionsradius von vielleicht 500 Kilometern. Sein Leben hat er in seiner schwäbischen Heimat und in der Schweiz zugebracht. Er wanderte in den Alpen, in der Toskana, bis nach Venedig. Ein einziges Mal ist er zu einer Fernreise aufgebrochen. Nach Indien. Darauf hat er sich ausführlich und intensiv vorbereitet. Davon hat er lange gezehrt.

Ich finde, das könnte ein Modell sein. Die Fernreise sollte wirklich ein Höhepunkt, das Besondere im Leben sein, aber nicht zum jährlichen Erholungsinhalt werden. Eine intensive Vorbereitung und ein ausreichendes Zeitkontigent vor Ort gehören dazu, wie sonst könnten Psyche und Seele die Andersartigkeit verarbeiten? Die Nahräume gewinnen so eine neue Dimension als Räume für unsere regelmäßigen Auszeiten. Dazu können auch ausgedehnte Wanderungen im europäischen Ausland gehören.

WM: Vor rund 100 Jahren war es die Jugend, die mit der Wandervogelbewegung gegen gesellschaftliche Normen und das Korsett des Spießertums rebellierte. Heute sind Jugendliche eher Wandermuffel. Die Generation „50 plus“ ist vorherrschend. Ist die „alte Kunst“ auf dem Weg, ein „Alterssport“ zu werden?

U. Grober: Ausbruch und Aufbruch ermöglichten damals ein völlig neues Gefühl der Freiheit unter Gleichaltrigen, ausgelöst durch die Sehnsucht nach unregulierten Räumen, nach Ausstieg auf Zeit. Warum sollte diese Sehnsucht nicht auch in heute in der Natur, beim Wandern, ausgelebt werden? Eltern können einen aktiven Beitrag leisten, indem sie ihre Kinder früh an das Wandern heranführen, ihnen Freiräume geben, das Abenteuer des Draußenseins zugänglich machen. Kindern das Gespür für natürliche Rhythmen geben und die Gelegenheit nutzen, alle fesselnden und einengenden Strukturen des Alltages zu minimieren. Ich erinnere mich an eine Wanderung mit Freunden: Wir hatten unsere Kinder dabei, drei Väter und fünf Kinder wanderten eine Woche durch das Lautertal auf der Schwäbischen Alb.

Dieser Wanderung und den Erfahrungen habe ich in meinem Buch ein Kapitel gwidmet. Wandern ist eine Möglichkeit, Kinder(…) das Gefühl von Freiheit und von Naturzugehörigkeit erleben zu lassen. Vielleicht sind die neuen Weitwanderwege sogar eine ideale Grundlage dafür. Freiheit und das Abenteuer einer Streckenwanderung lassen sich so intensiv und nachhaltig vermitteln, sicher besser als auf den Rundwanderwegen der Autowander-Generation. Die Magie der Freiheit liegt in der mehrtägigen Wanderung.

WM: Sie beschreiben das selbstständige Navigieren im Raum und das Gefühl der Freiheit im Einklang mit der Natur als Grundpfeiler für gelungene Wandererlebnisse. Widerspricht das nicht dem Konzept, "Erlebnisqualität“ zu sichern, indem Wanderwege perfekt konzipiert und mit Markierungen versehen werden?

U. Grober: Ich glaube, das ist kein Widerspruch. Die Dinge verhalten sich komplementär. Der urbane Alltag ist geprägt von Ampeln, Wegeleitsystemen, Verhaltensrichtlinien, Gebrauchsanleitungen, Signalen und Leithilfen. Aus dieser Welt wollen wir ja gerade eine Zeit lang entfliehen, indem wir unseren eigenen Orientierungssinn wieder aktivieren. Das perfekte Leitsystem eines Prädikatswanderweges wäre nur der Austausch von Leitstrukturen. Statt "stop and go" wollen wir Überblick erhalten, unseren inneren Kompass neu einnorden, eine mentale Landkarte mit Nähen, Fernen und Horizonten erstellen, erfühlen und erdenken. Es scheint mir wichtig, dass man sich gerade bei einer mehrtägigen Wanderung zu Beginn einen Überblick über die Landschaft der nächsten Tage verschafft. Wo bin ich? Wo will ich hin? Wo sind die Himmelsrichtungen, wo geht die Sonne auf? So bin ich nicht mehr sklavisch auf das nächste Markierungszeichen angewiesen.

Wer über den Raum verfügt, hat einen gewissen Grad an Freiheit erlangt. Das Nutzen von Leitsystemen ist dann nicht mehr fremdgesteuerte Orientierung, sondern eine dezente Hilfe. Wandern als das Durchschreiten der zuvor angelegten mentalen Landkarte. Das ist übrigens ein Lernprozess. Sich eine mentale Landkarte der groben Orientierung anzulegen verlangt den unbeirrbaren Wunsch, am Start diesen Überblick einzufordern. Sich den Raum, seine Landmarken, Himmelsrichtungen und den Sonnenstand einzuprägen. Nur so erlangen wir Souveränität im Umgang mit Wegweisern und Markierungen. Wenn hingegen urbane Leitsysteme und Verhaltensrichtlinien einfach mit den Wanderinfrastrukturen eingetauscht werden, fehlt etwas an der Kontrasterfahrung. Sie aber ist das erlebnisstimulierende Element der Auszeit. Souveränität über Raum und Zeit sind entscheidende Aspekte des Wanderns.

WM: Die meisten Wanderungen haben Sie allein unternommen. Gehen und Schauen ist für Sie eine meditative Erfahrung, Ruhe und Langsamkeit als Gegenpol zur beschleunigten Welt. Kann man das auch in der Gruppe erfahren?

U. Grober: Wer nie gelernt hat, alleine unterwegs zu sein, wird auch in der Gruppe Schwierigkeiten haben. Wenn ich von der Kunst des Wanderns spreche, so gehört auch die Fähigkeit dazu, alleine mehrere Tage unterwegs sein zu können. Erst mit dieser Fähigkeit gelingt es, das Erlebnispotenzial einer Gruppe voll ausschöpfen zu können. Im Einklang sein mit der Natur und im Einklang sein mit dem eigenen Innenleben, diese Fähigkeit erlernt man am besten alleine. Eine drei- oder viertägige Solo-Wanderung ist der Schlüssel zu einer Harmonisierung von Innen und Außen. Davon bin ich überzeugt.

WM: Selbstfindung durch das Aufsuchen „poetischer Orte“, Glücksmomente durch den Aufenthalt in erhabener, freier und wilder Natur charakterisieren den Weg des sinnsuchenden Wanderers. Kann jeder diesen „Flow“ erleben?

U. Grober: Ich denke ja. Sinnsuche ist eine Aufgabe des Individuums. Wo nun die poetischen Orte für den Einzelnen liegen, hängt ganz von der Person ab. Das kann die Loreley sein oder der rostende Abraumbagger in der neuen Wildnis eines stillgelegten Braunkohletagebaues. Da spielen die kulturellen Prägungen, die Vorlieben eine Rolle. Für jeden sind andere Dinge wichtig. Entscheidend aber ist es, dass wir uns ihnen per pedes nähern. Die Erlebnisqualität eines Ortes ist eine Frage der Annäherung, des darauf Zugehens und der Prägung. Wann, wo und wie dieses Faszinosum uns überwältigt, ist offen. Gewiss ist, dass es passiert.

WM: „Zeit lassen“ ist für Sie ein wichtiger Aspekt, um die Fülle des Lebens im Einklang mit der Natur zu erspüren. Was würden Sie einem von Zeitnot geprägten Großstadtmenschen mit auf den Weg geben, um die „neuen Wege zu einer alten Kunst“ zu finden?

U. Grober: Eine Wanderung sollte als Auszeit betrachtet werden. Sich gut vorbereiten, mental und körperlich, scheint mir wichtig. Wandern ist immer mit Strapazen verbunden. Ein Training kann darin liegen, im Vorfeld einer Wanderung möglichst alle Besorgungsgänge zu Fuß zu erledigen. Fehlendes Training überlagert früher oder später das sinnliche Erleben. Schmerzen, Unwohlsein hindern am Erleben draußen. Die mentale Vorbereitung liegt darin, sich bewusst zu verabschieden, sich einzuschwingen in einen neuen Rhythmus. Das Handy sollte abgeschaltet werden, damit der Alltag uns nicht sprichwörtlich wieder einholt. Die Erfahrung des Wanderglücks sollte dann, als Essenz der Wanderung, wieder in den Alltag mitgenommen werden. Die Bewegung aus eigener Körperkraft könnte in den Alltag ausstrahlen, indem wir dort einfach mehr zu Fuß gehen oder radeln statt aufs Gaspedal zu treten. Übrigens ist das auch ein persönlicher Beitrag zum Klimaschutz. Ein schöner Kreislauf.

WM: Herr Grober, erzählen Sie doch etwas zu Ihrer Wandervita

U. Grober: Ich bin von Kindesbeinen an gewandert. Meine Eltern gehörten zur Wandervogelbewegung der Weimarer Republik, nach dem Krieg waren sie bei den Naturfreunden. Wir sind viel gewandert. Melibocus, Bodensee, Sauerland – ich habe Wandern nie als Zwang empfunden. Wunderbare Erlebnisse der Gemeinschaft und der Natur. Ich habe Zeltlager mitgemacht im CVJM mit Aspekten bündischer Jugendkultur, Lagerfeuerromantik, Gewaltmärsche, Nachtwandern – seither gehört auch der Aspekt der Strapaze für mich zum Wandern dazu. Ich habe das alles nie als Stress empfunden. Später habe ich die Ferne gesucht und erobert, Skandinavien, Kreta, Portugal, Kalifornien - zu der Zeit stand das Wandern allerdings nie im Mittelpunkt. Wiederentdeckt habe ich das Wandern erst richtig seit der Geburt unserer Tochter. Meine Frau und ich haben uns damals vorgenommen, Hanna im Verlaufe ihrer Kindheit und Jugend die verschiedenen Landschaften Deutschlands zu zeigen. Hotzenwald, Bayerischer Wald, Darß, Fränkische Schweiz – das hat mir wieder die Wege zur Natur und die Verschiedenartigkeit der Landschaften näher gebracht: das wanderbare Deutschland. Das habe ich dann auch in meine journalistische Arbeit aufgenommen.

WM: Wie kommt ein Journalist zum Wandern und wie kommt der Verlag Zweitausendeins zum Wandern?

U. Grober: Private Vorlieben und Journalismus lassen sich leicht verbinden. Zumal, wenn das Thema en vogue ist. Taz, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Deutschlandradio - da habe ich zu dem Thema immer öfter geschrieben. Zu 2001 bin ich eher zufällig gelangt. Im Rahmen einer Rezension für die Zeit ergab sich ein Kontakt zum Lektorat des Verlages. Man hatte dort immer Bücher über Ökologie im Programm. Ich stelle meine Überlegungen vor und erhielt prompt die Zusage.

WM: Worin besteht denn nun die Kunst des Wanderns?

U. Grober: Die Kunst besteht im Unterwegs sein selbst. Einfach losgehen. Unterwegs sein unter Bedingungen, die aus dem Wechselspiel von Körper und (…) natürlichen Räume entstehen. Der Rhythmus des Wanderns ist ein Takt des Menschseins. Alles in uns und an uns ist auf diese Fortbewegung eingestellt. Die sinnlichen Ansprachen, die Informationsverarbeitung funktionieren beim Wandern auf effizienteste Weise. Harmonie in Körper, Geist und Seele stellt sich wie von allein her. Dazu zählt die Orientierung, das Erkennen des Großen und Ganzen, die Fähigkeit, unbekannte Räume zu betreten und sich in ihnen zu bewegen. Das veränderte Zeiterlebnis beim Wandern gehört zu den großartigsten Erfahrungen für den modernen Menschen. Insoweit plädiere ich für das Betreten und Begehen neuer Wege zu einer alten Kunst.

WM: Vielen Dank für das Gespräch.



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