© Klaus-Peter Kappest

Keine Fähnchen im Wind: Windschutz - aber wie?

Ausgabe 136 – August/September 2007

Know How

Früher war alles einfacher. Funktionsbekleidung war entweder wasserdicht oder nicht. Wenn es regnete, zog man die Regenjacke an. Wenn nicht, ließ man sie möglichst weg - und fror häufig. Das Fleece, der Wollpulli oder das Wanderhemd ließen nämlich den Win

Wind ist kritisch

Foto: VauDe
Foto: VauDe

Viele sagen, dass Wind bei einer Tour sogar kritischer ist alsRegen oder Kälte. Wind ist nämlich (heim)tückisch. Er schafft Kälte – sogar im Sommer, wenn man gar nicht damit rechnet. Ein bisschen Schweiß auf der Haut und im Hemd und schon kühlt man im Wind gefährlich aus. Dabei zeigt das Thermometer gemütliche 15°C.

Im Herbst und Winter ist das dann noch schlimmer. Windchill – Auskühlen durch Wind – ist der Fachbegriff dafür. Beim Windchill kommt erschwerend hinzu, dass er sich potenziert. Je stärker der Wind, desto kälter das Gefühl – logisch. Bei 14°C und einer Windgeschwindigkeit von knapp 20 km/h (was nach der Beaufortskala Windstärke 3, also einer schwachen Brise, entspricht), ist die gefühlte Temperatur 8°C. Bei 4°C und 45 km/h (Windstärke 6, starker Wind) sind es bereits -12°C. Und das ist noch lange kein steifer oder stürmischer Wind oder gar ein meteorologischer Sturm.

Gegen Wind sollte man sich also schützen. Wer dabei gleich zur wasserdichten Jacke greift, ist häufig überausgerüstet und hat andere Nachteile, wie eine schlechtere Atmungsaktivität.

Unterschiedliche Winddichten

Foto: Schöffel
Foto: Schöffel

Manche Dinge sind für die normale Denkweise klar: Winddicht zum Beispiel. Wenn etwas dicht ist, dann geht da nichts rein und nichts raus. Dicht eben. Und das Gegenteil ist undicht – hat also ein Loch irgendwo. Im Zuge der Softshells sind aber so herrliche Bezeichnungen aufgetaucht wie „viermal dichter als Fleece“, „98% winddicht“ oder „80% winddicht“, sogar „60% winddicht“. Da fragt man sich doch zunächst, ob die Leute, die so etwas schreiben, selbst noch ganz dicht sind. Aber auch wenn sich diese reduzierten Winddichten komisch anhören, es gibt sie!

Das liegt daran, dass Winddichte gemessen werden kann. Genauer gesagt, wird nicht die Winddichte, sondern die Winddurchlässigkeit gemessen. Dabei wird gemessen, wie viel Wind (bei 30 km/h) innerhalb einer Minute durch ein Material von der Größe eines „square foot“ (also etwa 30 x 30 cm) hindurchgeht. Das Ergebnis wird dann in CFM (cubic feet pro Minute) angegeben.

Wasserdichte Membranen haben einen CFM-Wert von 0. Standard Polartec 200-Fleece dagegen einen CFM von etwa 200. Letzteres ist natürlich längst nicht mehr winddicht. Winddichte spielt sich in einem Bereich von CFM 0 bis maximal CFM 20 ab. Darüber sind Materialien höchstens noch als „windresistent“ zu bezeichnen. Die CFM-Angabe ist seriös, weil sie Materialien zumindest vergleichbar macht und man beim Kauf in etwa einschätzen kann, ob das Produkt mehr oder weniger Wind durchlässt als das, was man bereits besitzt oder ins Auge gefasst hatte.

Schwieriger wird es da mit ungefähren Prozentangaben zur Winddichte. Sie werden häufig „aus dem hohlen Bauch heraus“ gemacht, sind wenig verlässlich und besagen nur zweierlei: Das Material ist nicht ganz dicht (CFM 0) und der Hersteller scheut sich, einen echten Wert zu ermitteln, der dann vergleichbar wäre. Der CFM-Wert, also die Luftdurchlässigkeit des Materials, steht zwar in einer Relation zur Atmungsaktivität, lässt aber keinen direkten Rückschluss auf diese zu, außer dem, dass wahrscheinlich gilt: Je mehr Luftdurchlässigkeit, desto besser die Atmungsaktivität. Berücksichtigen muss man allerdings, dass es auch unterschiedlich gut “atmende“ Membranen gibt.

Etwas konkreter? Bitteschön!

Absolut winddicht (CFM 0) sind alle wirklich wasserdichten Jacken. Wer aber speziell ein Bekleidungsstück sucht, um bei trockenen Bedingungen eine wasserdichte Jacke nicht anziehen zu müssen, der will meistens eine Alternative, die auch etwas mehr Ventilation ermöglicht.

Jacken mit einem CFM von 1 bis 5 sind, funktionell betrachtet, ebenso absolut winddicht. Man spürt die geringe Menge Wind, die hindurch geht, nicht. Gleichzeitig merkt man aber, dass die Jacke nicht ganz so schnell aufheizt wie eine wasserdichte Jacke. Für leichte Aktivitäten, einfache Wanderungen und Spaziergänge, bieten diese Jacken sehr viel Schutz und dennoch einen besseren Tragekomfort als CFM O-Jacken.

In die Kategorie CFM 1-9 fallen alle Windjacken, die eine Membran integriert haben, wie Gore Windstopper, Gore Windstopper Soft Shell, Sympatex Windmaster, eVENT Windproof, Polartec WindBloc, Pontetorto No Wind oder die leicht beschichteten, dünnen Polyester oder Polyamid Taffeta-Stoffe. Bei diesen Jacken ist es aber sinnvoll, sie zusätzlich gut zu belüften, beispielsweise durch Netztaschen, Zipp-Off Ärmel, Unterarm-Reißverschlüsse oder spezielle Belüftungsöffnungen. Wenn diese Öffnungen dabei einen Durchzug schaffen können, dann ist das effektiv, weil die überflüssige Wärme wie bei einem Kamin abziehen kann. Kleiner Trick: Diesen Kamineffekt kann man selber schaffen, wenn die Jacke einen Zwei-Wege Reißverschluss hat, den man von unten öffnet, oder wenn die Bündchen an den Ärmeln nicht elastisch sind, sondern einen Klettverschluss haben. Dann kann man sie offen lassen.

Die nächste Gruppe umfasst die Jacken, die einen CFM von 10 bis 20 haben. Das ist ein Bereich, bei dem die Luftzufuhr bereits wahrgenommen wird, aber der Körper noch nicht so weit ausgekühlt wird, dass es ungemütlich oder kritisch werden kann. CFM-Werte bis inklusive 20 haben gute Jacken, die zu körperlich anspruchsvolleren Aktivitäten angezogen werden wie Bergwandern, Radfahren oder Bergsteigen. Auch ausdauerndes, intensives Wandern gehört dazu. Natürlich erhöhen zusätzliche Ventilationsmöglichkeiten auch hier den Einsatzbereich. Sandwich-Materialien mit einem Film oder Webwaren finden sich in dieser Kategorie, etwa Polartec PowerShield, Schoeller WB 400, Schoeller Dryskin, viele Apex-Stoffe, eng gewebte Baumwoll-Mischgewebe wie G-1000 oder Mikrofasern.

CFM-Werte über 20 halten zwar auch Wind ab, bei gemäßigten Aktivitäten nimmt stärkerer Wind aber bereits mehr Körperwärme weg, als nachproduziert wird. Der Körper kühlt also langsam aus. In einigen Bereichen kann es dennoch sinnvoll sein, auf solche windresistenten Jacken zurückzugreifen. Wer mit einem Mountainbike in den Bergen unterwegs ist, wird beim Anstieg froh sein, wenn wieder viel Hitze entweichen kann. Auch für Trailrunning oder Bergsteigen können solche Jacken sinnvoll sein. (Wichtig wäre dann jedoch eine ganz dünne Windjacke, die beim Bergabfahren, dem Gipfelglück oder der Laufpause übergezogen wird, um den Wärmeverlust einzudämmen.) Polartec WindPro (CFM 60), Wollfilz oder Lodenstoffe und manche sehr atmungsaktive Softshell-Materialien sind hier ideal. Funktionell gesehen sind das aber dann eher Zweite-Schicht-Materialien, über die bei Bedarf eine dritte Schicht gezogen wird.



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