© Klaus-Peter Kappest

Nicht wandern, pilgern - Auf dem Jakobsweg in Galicien

Ausgabe 136 – August/September 2007

Spanien

Der Pilger des Mittelalters brauchte vor allem zwei Dinge für den weiten und gefährlichen Weg nach Santiago: religiöse Inbrunst und ein gewisses Maß an Todesverachtung. Unter den heutigen Pilgern finden sich hingegen auch solche, die eher zufällig übe

Fotos: Marius Wachol
Fotos: Marius Wachol

Mareike mit den pink gefärbten Haaren hatte nach dem Abi ein paar Monate frei und schloss sich spontan zwei Freunden an, die diese Reise seit langem geplant hatten. Nach 500 km zu Fuß von Burgos nach Santiago ist sie um ein paar erstaunliche Erfahrungen reicher: Vier Wochen ohne Parties kann man nicht nur überstehen, sondern auch genießen. Leute um die 50 können nach einigen hundert Kilometern der Unterhaltung zu echten Freunden werden. Und: Auf ein Ziel gerichtet, ist der menschliche Wille unendlich viel stärker als sämtliche Wehwehchen, die einen im Laufe des Weges befallen können.

Nicht wandern...

Und die Wehwehchen kommen garantiert - sei es in Form von Blasen an den Füßen, schmerzenden Knien oder einfach enormer Unlust, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Eben war noch alles wunderbar - auf weichem Waldboden federn die Füße; wo der Wald sich öffnet, schweift der Blick über die galicischen Berge, die in allen denkbaren Grüntönen in der Sonne schimmern. Auf rotsandigen Bergkuppen leuchtet der Ginster, wächst mannshoch in den blauen Himmel; kleine Quellen tröpfeln aus moosigen Felsen, Vergissmeinnicht und Löwenzahn, Margeriten und Fingerhut schaukeln im Wind.

Später wandern wir durch Weidewiesen, überqueren kleine Bäche auf alten Steinstegen und blicken in die trägen Augen glücklicher Kühe. Die ersten 15 Kilometer streichen an uns vorbei wie der Wind, sanft und fast unbemerkt. Doch dann, hinter dem kleinen Weiler Aguiada mit den geduckten Schieferhäuschen, der tausendjährigen Kapelle und der Taberna do Camiño, welche die Pilger zur Rast einlädt, beginnen uns plötzlich die Füße zu schmerzen. Die Sonne steht senkrecht über uns, kein Baum in Sicht, wir treten Asphalt, und damit nicht genug, wir laufen schnurgerade entlang der Landstraße.

Aber gut - der Jakobsweg ist kein „Qualitätswanderweg“, und er hat auch nicht die geringsten Ambitionen, einer zu werden. Auf dem Jakobsweg, der von der UNESCO 1987 zum Europäischen Kulturweg bzw. zum Weltkulturerbe erklärt wurde, heißt es eben nicht wandern, sondern ... Pilgern!

Was es heißt zu pilgern, muss letztlich jeder für sich herausfinden. Vorgegeben ist nur der nahezu perfekt markierte Wegverlauf, alles andere liegt im Erleben des Einzelnen. Nicht umsonst besagt ein spanisches Sprichwort, dass es so viele Jakobswege gibt, wie Menschen, die sich auf diesen Weg machen. Manche pilgern aus religiösen Motiven, z. B. in der Hoffnung, auf diese Weise einem kranken Verwandten helfen zu können. Andere suchen Abstand von der Hektik des Alltags, laufen bis zu 40 km am Tag auf der Suche nach Besinnung, nach Gleichgesinnten und sich selbst. Viele Ältere wollen noch einmal wissen, wie weit sie die Füße tragen auf diesem Weg, von dem man sagt, dass er ein Spiegel des Lebens sei. Jugendliche aus aller Welt suchen und finden auf dem Jakobsweg nicht nur einen Hauch von Abenteuer, sondern auch ihren ganz persönlichen Zugang zur europäischen Kultur. ...

Plus zwei Tourentipps für den Jakobsweg: "O Cebreiro - Triacastela" und "Triacastela - Sarria"



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Ausgabe 136

August/September 2007